Dienstag, 19. März 2019

Hightech-Offensive Lenins Techies - wie China Innovationsführer werden will

Lenins Techies: So greift China im Hightech-Sektor an
imago/VCG

3. Teil: Viel Geld, wenig Effizienz

Gemessen an den absoluten Summen ist das Land bereits Weltspitze: 2014 überholten Chinas FuE-Ausgaben die der EU. Rechnet man die Kaufkraftunterschiede ein, ziehen sie 2019 auch am bisherigen Spitzenreiter, den Vereinigten Staaten, vorbei. Vor allem anwendungsorientierte Forschung boomt.

Das Momentum ist einzigartig, auch wenn vieles noch in falsche Kanäle fließt. "Weniger als die Hälfte des Geldes wird richtig eingesetzt", schätzt der Innovationsexperte Maximilian von Zedtwitz, dessen Netzwerk Glorad weltweit Forschungsstrategien untersucht. Die üppigen chinesischen Budgets versickern oft in aufgeblähten Verwaltungen oder überflüssigen Geräten, in privaten Kassen und Korruption.

Hinter den stolz verkündeten Rekordzahlen für wissenschaftliche Aufsätze oder Erfindungen steckt nach wie vor mehr Masse als Klasse. Die Prüfstandards für heimische Patente sind niedrig. Von "Schrottpatenten" lästern sie im Westen.

Im internationalen Handel mit Know-how sind die Chinesen nur Einkäufer. Ihre Ausgaben für ausländische Patente, Marken- und Urheberrechte kletterten zuletzt auf fast 30 Milliarden Dollar. Eigene Einnahmen hat China hier kaum vorzuweisen. Zum Vergleich: Die USA erlösten 2016 für "Intellectual Property Rights" 125 Milliarden Dollar, die deutsche Wirtschaft kam auf immerhin 18 Milliarden.

Scott Kennedy vom Washingtoner Center for Strategic and International Studies (CSIS) bezeichnet China deshalb als "fetten Tech-Drachen", der ebenso machtvoll wie träge ist. Das Land investiere gigantische Ressourcen und erziele relativ magere Resultate. Das Innovationssystem sei ein "schlechter Kostverwerter".

Neuer Rekord beim Venture Capital

Mittlerweile fließt allerdings auch viel privates Geld direkt in innovative Unternehmen. Wagniskapital, bis vor wenigen Jahren praktisch nicht existent, gibt es mittlerweile im Überfluss. Gleiches gilt für Private-Equity-Gelder. Die wichtigsten Player genießen bereits Kultstatus.

Neil Shen etwa, der den chinesischen Ableger der amerikanischen VC-Legende Sequoia Capital leitet und es zum Milliardär gebracht hat. Oder Zhang Lei, Gründer von Hillhouse Capital, der durch eine Schenkung über 8.888.888 Dollar an die Yale School of Management berühmt geworden ist. Oder Kai-Fu Lee, der für US-Giganten arbeitete, einer der populärsten Mikroblogger war und Sinovation Ventures gründete.

Laut KPMG verzeichnete China 2017 mit Venture-Capital-Investitionen in Höhe von 40 Milliarden Dollar einen neuen Rekord. Im vierten Quartal entfielen fünf der zehn größten VC-Deals der Welt auf die Volksrepublik.

Das Reich der KP ist zur Start-up-Nation mutiert. Großes Vorbild: Jack Ma (53), Gründer von Alibaba Börsen-Chart zeigen, dem chinesischen Amazon Börsen-Chart zeigen.

Hangzhou, die alte Kaiserstadt am Westsee. Unweit des idyllischen Gewässers stehen ein paar renovierte alte Häuser im traditionellen Stil. Früher ein privater Klub von Jack Ma, residiert dort nun seine private Hupan University - eine Aufzuchtstation für die Mas von morgen. Hier wird brutal gesiebt: Von 1000 Bewerbern, die eingeladen werden, kommen 44 durch. Tausende schaffen es nicht mal zum Gespräch.

"Warum nicht ich?", laute das Leitmotiv einer ganzen Generation, die jetzt ihre Chance ergreifen wolle, mit dem Aufstieg der Nation auch ganz persönlich zu Ruhm und Reichtum zu gelangen, erklärt der Berater und Autor ("China's Disruptors") Edward Tse.

Wer die Gunst der Stunde nutzen will, muss sich freilich in einem extrem harten Wettbewerb bewähren. Selbst US-Investoren blicken fasziniert auf diese Turbodynamik. Mike Moritz, Chef von Sequoia Capital, preist die Arbeitsethik der Angreifer überschwänglich: An denen werde sich Kaliforniens hippe Nerdkultur noch ein Beispiel nehmen müssen.

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