Sonntag, 24. März 2019

Hightech-Offensive Lenins Techies - wie China Innovationsführer werden will

Lenins Techies: So greift China im Hightech-Sektor an
imago/VCG

2. Teil: Moderne Planwirtschaft

Dazu hat die Regierung jede Menge Pläne und Programme aufgelegt. Wie ein Schwamm saugt China seit Jahren die Technologien des Auslands auf, errichtet Schutzmauern um seinen riesigen Binnenmarkt und treibt zugleich die eigene Wirtschaft in scharfen internen Wettbewerb.

"Made in China 2025" ist der neue Masterplan, in dem die zehn wichtigsten Industrien und Technologien definiert werden, in denen das Land aufholen soll. 2030 will Peking zu den führenden Technologienationen gehören, 2049 dann - pünktlich zum 100. Geburtstag der Volksrepublik - die Nummer eins der Welt sein.

Doch kann das wirklich gelingen in einem rigiden System, das unter dem starken Xi Jinping immer mehr zum Leninismus tendiert und immer autoritärer wird? Können Genialität und Disruption in einer Gesellschaft gedeihen, deren Bildung auf Pauken basiert, die Kritik und freie Debatte erstickt?

Im Westen treiben diese Fragen inzwischen viele um - und sei es nur in der Hoffnung, dass China es trotz seiner vollmundigen Ankündigungen am Ende doch nicht schafft, zur innovativen Supermacht aufzusteigen. Nach herrschender westlicher Lehre ist China für eine kreative Moderne denkbar schlecht aufgestellt: straff gelenkt von KP-Kadern, tief geprägt von einer antiindividualistischen Kultur. "Innovation heißt: Widerspruch gegen das Alte", hat der Gründer und Digitalforscher Jay Walker das Dilemma mal auf den Punkt gebracht.

Selbstgefällige Arroganz im Silicon Valley

Vor allem in den USA hat sich über Jahre eine selbstgefällige Arroganz breitgemacht. 2014 noch lästerte der damalige Vizepräsident Joe Biden: "Nennen Sie mir ein innovatives Projekt, ein innovatives Produkt, das aus China kam." Die "Harvard Business Review" legte nach mit einem Aufsatz unter der Überschrift: "Why China Can't Innovate". Die Autoren, darunter der China-Experte William Kirby, fragten sich, ob das Land den richtigen institutionellen Rahmen für Neuerungen habe: "Unsere Antwort ist gegenwärtig nein." Warum? "Die Freiheit, Ideen zu verfolgen, wohin sie auch immer führen mögen, ist eine Voraussetzung für Innovationen an den Universitäten." Daran fehle es in China, die KP habe viel zu viel Einfluss.

Unter Xi sind die Parteikomitees und -sekretäre an den staatlichen Hochschulen, aber auch in den Unternehmen noch mächtiger und aktiver geworden. Das "Xi-Jinping-Denken", das 2017 Teil der KP-Statuten wurde, verlangt von den Kadern zu allererst, die "Führung der Partei bei jeder Tätigkeit" abzusichern. Konsequent nach den Lehren Lenins regiert die Elite der Kommunisten von oben nach unten durch. Kämpferisch erinnerte der Staatschef jüngst an die Zeit, als China seine ersten Raketen, Atombomben und Satelliten baute: "Wir haben die Gürtel enger geschnallt und die Zähne zusammengebissen."

Derselbe Xi trat Ende Mai vor rund 1300 Wissenschaftler und plädierte für "unabhängige Innovationen". Zwei Tage später erklärte Ministerpräsident Li Keqiang vor dem Auditorium: "Wir müssen den Wissenschaftlern genügend Zeit und Raum fürs Denken geben."

Das Regime verspricht Freiheit, um sie dann im Alltag strikt zu beschränken - ein Grundkonflikt, in dem die Führung gefangen ist. China deshalb zu unterschätzen, wäre indes gefährlich. Denn die Technokraten an der Spitze - viele von ihnen sind Ingenieure - haben eine höchst flexible Industrie- und Technologiepolitik entwickelt, die völlig anderen Regeln folgt als das sozialistische Plansystem, an dem einst die Sowjetunion zugrunde ging.

Sebastian Heilmann, scheidender Chef des Berliner China-Thinktanks Merics, hält diesen "Techno-Autoritarismus" sogar für besonders geeignet, um die Umwelt und Sicherheitsprobleme des 21. Jahrhunderts zu lösen. Zumal es der Volksrepublik an Ressourcen für die erhofften Technologieschübe nicht mangelt. Menschen und Kapital hat sie zuhauf.

China schöpft bei den Fachkräften aus dem Vollen

Bei den Fachkräften kann das bevölkerungsreichste Land der Erde aus dem Vollen schöpfen: Über 30.000 Nachwuchsforscher werden jährlich in naturwissenschaftlich-technischen Disziplinen promoviert, an die 1,5 Millionen Studenten machen in diesen Fächern ihren Abschluss. Nach wie vor gehen Hunderttausende zum Studium in den Westen, aber die Zahl der zurückkehrenden "Haigui" ("Meeresschildkröten") ist inzwischen beträchtlich: 2016 standen gut 540.000 Abwanderern über 430.000 Heimkehrer gegenüber.

Das seit zehn Jahren laufende "Tausend-Talente-Programm" umwirbt ganz gezielt die besten Wissenschaftler der Welt. Emigrierte Chinesen sowie Ausländer werden damit gelockt. Sören Schwertfeger etwa hat jahrelang an der Jacobs University Bremen geforscht. Das Spezialgebiet des 39-Jährigen: Roboter. Im September 2014 wechselte er an die ShanghaiTech University. Dort erhielt er eine Förderung, mit der er ein komplettes Labor einrichten sowie einen Assistenten bezahlen konnte. "So viel Geld hätte ich als Assistenzprofessor in Europa oder den USA nie bekommen", sagt er.

Die Finanzen sind für China kein Engpass mehr. Die Ausgaben für Forschung und Entwicklung (FuE) wachsen seit Jahren in zweistelligen Raten. Ihr Anteil am Bruttoinlandsprodukt, der zur Jahrtausendwende noch unter 1 Prozent lag, soll 2020 die Marke von 2,5 Prozent erreichen - guter OECD-Durchschnitt.

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