Freitag, 25. Mai 2018

Das Davos der "Dudes" Wo die Wirtschaftselite nach Nestwärme sucht

USA, Indien, Berlin: Festivals der forschen Feingeister
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REUTERS

Einzelkämpfer war gestern. 50 Jahre nach dem Summer of Love sucht die Wirtschaftselite Nestwärme bei Gleichgesinnten. Eine Reise zu den modernen Utopisten.

Die folgende Geschichte stammt aus der Dezember-Ausgabe 2017 des manager magazins, die Ende November erschien. Wir veröffentlichen sie hier als Kostprobe unseres Journalismus' "Wirtschaft aus erster Hand". Damit Sie künftig früher bestmöglich informiert sind, empfehlen wir ein Heft-Abo.

Einmal im Jahr eine überdimensionale Holzpuppe im heißen, staubigen Sand der Black-Rock-Wüste Nevadas zu verbrennen, das reicht der globalen Wirtschaftselite nicht mehr. Burning Man soll es jetzt das ganze Jahr geben.

Der Vorstand des Festivals, bei dem Topmanager im indischen Kilt, mit Wasserflasche am Gurt und Staubmaske um den Hals (für die schnell aufkommenden Wüstenstürme) herumlaufen, baut gerade an der Fly Ranch, einer 1500 Hektar großen Farm mit heißen und kalten Quellen, Geysiren, Sumpfgebieten und Weideland, zig Tiergattungen und Hunderten von Pflanzenarten. Gekauft wurde die Ranch mit einer Spende von Tesla-Chef und Ober-Business-Punk Elon Musk, so heißt es.

Eine Art Versuchslabor soll hier entstehen, für Umweltschutz sowie neue Arbeitsformen, schreiben die Burner in ihrem hauseigenen Journal. Das Ziel: Burning Man soll sich "von einem kurzlebigen Experiment zu einer globalen kulturellen Bewegung" weiterentwickeln.

Einen festen Sitz hat mittlerweile auch der Summit Powder Mountain. Das "Davos for Dudes" ("Financial Times") ist eine Mischung aus Thinktank und Festival, das sich aus einer "globalen Community von Innovatoren, Unternehmern und Künstlern" speist, wie Co-Gründer Brett Leve postuliert. Pow Mow, wie Insider liebevoll sagen, soll "kreative Errungenschaften und den globalen Wandel beschleunigen". Die Zutaten: Gründer, Performancekünstler, Musiker, Modedesigner, Sportler, Philosophen.

Anfangs fand die mehrtägige Konferenz noch auf einem Segelschiff statt. 2013 spendierten dann ein paar Reiche (darunter Martin Sorrell, CEO des Werberiesen WPP Börsen-Chart zeigen, und der allgegenwärtige Richard Branson) ein paar Dutzend Millionen Dollar und kauften für Pow Mow die Wasatch Mountain Range in den Bergen des Ogden Valley in Utah, mit 4000 Hektar das größte Skigebiet der USA.

Seither entsteht dort ein alternatives Alpindorf für Avantgardisten, mit einem ganzjährigen Kulturprogramm auf Weltniveau, Salons zu verrückten Themen, gemeinsamen Essen am langen Küchentisch, Skitouren, Yoga oder Eisangeln. Man trifft Milliardäre in pludrigen Skihosen und mit Beanie-Mützen, vor Baubeginn pendelte ein geweihter Geodät das perfekte Terrain aus.

Als die vielleicht spirituellste Pilgerstätte der Techszene gilt aber Kainchi Dham, der Tempel im Norden Indiens, sieben Stunden mit dem Auto von Neu-Delhi entfernt. Seit Mark Zuckerberg im Herbst 2015 fast beiläufig erzählte, dass er auf Anraten von Steve Jobs mal ein paar Tage dort war, um sich über seine und Facebooks Zukunft klar zu werden, wollen alle dorthin. Erst recht, nachdem rausgekommen war, dass auch Google-Grande Larry Page und Ebay-Mitgründer Jeffrey Skoll dort zu sich selbst fanden.

Big Business und Spiritualität. 50 Jahre nach dem Summer of Love zeigen die Wegweiser wieder Richtung Wir-haben-uns-alle-lieb-Kommune, gepaart mit Selbsterfahrung, In-Kontakt-mit-sich-sein und dem Anspruch, bewusst zu leben und zu arbeiten. Einfach nur ackern und Karriere machen ist für Autisten und Materialisten.

Anders als früher heißt das Ganze heute Community und findet nicht mehr in runtergerockten Altbauwohnungen statt, wo die Klos über Monate nicht geputzt wurden. Sondern auf schicken Farmen, alten, luxussanierten Fabrikgeländen oder gar in von Toparchitekten entworfenen Stadtteilen. Und natürlich mit Full Service. Geld haben die spirituellen Kapitalisten meist zur Genüge, auch wenn sie erzählen, dass Profit unbedeutend ist, dass es um Erlebnisse, Ideen und Gemeinschaft geht - und nicht um Status.

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