Donnerstag, 24. Mai 2018

Flüchtlinge Wie Frank-Jürgen Weise die größte Managementaufgabe der Republik meistern will

Flüchtlinge
Fotos
DPA

Frank-Jürgen Weise, Chef des Bundesamtes für Migration, muss neben VW-Chef Müller die vielleicht größte Managementaufgabe der Republik meistern. Für die Januar-Ausgabe von manager magazin sprach er darüber, wie und in welcher Zeit das zu schaffen ist - und was er dafür in der Wirtschaft gelernt hat.

mm: Herr Weise, Sie haben als Chef des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge neben Volkswagen-Chef Matthias Müller die vielleicht schwierigste Managementaufgabe Deutschlands zu meistern. Wann ist das Amt seiner Aufgabe gewachsen?

Frank-Jürgen Weise: Wir werden sicher noch das ganze Jahr 2016 brauchen, bis wir so weit sind. Wir müssen derzeit zwei grundlegende Dinge gleichzeitig tun. Erstens eine hohe Zahl von Asylanträgen bearbeiten. Zweitens das Amt so umbauen, dass wir unsere Aufgaben in deutlich kürzerer Zeit erfüllen können.

mm: Ein komplettes Jahr? So viel Zeit werden Sie nicht bekommen. Die Innenminister der Bundesländer haben ja schon mit harschen Worten klargemacht, dass es ihnen deutlich zu langsam geht.

Frank-Jürgen Weise: Man muss realistisch sein. Wir stehen vor Herausforderungen, die nicht innerhalb weniger Wochen zu meistern sind. Die Entwicklung geht in die richtige Richtung. Wir haben im November die Anzahl der getroffenen Entscheidungen pro Tag auf 1700 gesteigert. Zum Vergleich: Im ersten Halbjahr 2015 lag der Wert bei weniger als 900. Und in den neu eingeführten Entscheidungszentren wurden innerhalb von sechs Wochen fast so viele Anträge abgearbeitet wie im ersten Quartal 2015 über alle Außenstellen zusammen.

mm: Die Länder fordern, dass Ihre Leute 3000 Asylanträge pro Tag abarbeiten. Sie wurden aufgefordert, Wochenendarbeit und Schichtbetrieb anzuordnen.

Frank-Jürgen Weise: Im Rahmen der Möglichkeiten sind die Arbeitszeiten bereits heute sehr flexibel, und es werden schon viele Überstunden gemacht. An Standorten wie Feldkirchen oder Erding, wo wir im 24-Stunden-Betrieb Flüchtlinge registrieren, wird im Schichtbetrieb gearbeitet. Jetzt überlegen wir, ob dies ausgeweitet werden muss. Die betriebliche und überbetriebliche Sozialpartnerschaft ist für mich ein hohes Gut. Ich habe in der freien Wirtschaft stets gute Erfahrungen mit der betrieblichen Mitbestimmung gemacht, bei vielen Restrukturierungen in der Automobilindustrie hervorragend mit dem Betriebsrat zusammengearbeitet. Es ist mir wichtig, die nötigen Veränderungen gemeinsam mit den Beschäftigten umzusetzen. Dazu gehören auch im öffentlichen Dienst die Regelungen zur Arbeitszeit. Hierzu sind wir in guten Gesprächen, und ich bin zuversichtlich, dass wir zu Lösungen kommen.

mm: Die Bundeskanzlerin hat Sie im September um Hilfe gebeten - weil Sie die Bundesagentur für Arbeit (BA) umgebaut hatten. Zuvor waren Sie Manager und Unternehmer. Was lässt sich aus der freien Wirtschaft überhaupt auf den Staatsapparat übertragen?

Frank-Jürgen Weise: Sehr viel. Unternehmen sind ganz nah dran an ihren Kunden, erfahren sehr schnell, was gut läuft und was nicht, können deshalb Mängel sehr schnell abstellen. Diese Ergebnisorientierung habe ich mitgebracht. Und ich habe den Eindruck, dass sie der Arbeit der BA sehr gut getan hat. Wenn die Rahmenbedingungen richtig gesetzt werden, wenn die Führung stimmt, das haben wir gezeigt, sind Menschen, deren Arbeit vorher nicht erfolgreich war, die vorher als erfolglos galten, auf einmal sehr erfolgreich.

mm: Wobei Sie sehr schnell an Grenzen stoßen, wenn sich die politischen Vorgaben ändern. Dann ändern sich die Zielgrößen in rasendem Tempo.

© manager magazin 1/2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH