Donnerstag, 20. September 2018

Der Brexit und die "Lex Horten" Wie ein toter Kaufhauskönig den Brexit für reiche Deutsche teuer macht 

Der Austritt Großbritanniens aus der EU könnte deutsche Hochvermögende teuer zu stehen kommen. Mitschuldig ist ein toter Kaufhauskönig.

Die folgende Geschichte stammt aus der Januar-Ausgabe 2018 des manager magazins, die Ende Dezember erschien. Wir veröffentlichen sie hier als Kostprobe unseres Journalismus' "Wirtschaft aus erster Hand". Damit Sie künftig früher bestmöglich informiert sind, empfehlen wir ein Heft-Abo .

Helmut Horten war ein Kaufmann mit einem sehr flexiblen moralischen Kompass. Seinen Aufstieg betrieb Deutschlands Kaufhauskönig (1909-1987) auch, indem er 1936 jüdischen Konkurrenten ihr Warenhaus in Duisburg nahm. Mit den Nazis kollaborierte er und war doch nach kurzer Haft schon 1948 wieder groß im Geschäft.

Seinen größten Coup aber landete Horten als Steuerflüchtling. Um 1970 expedierte er sein ganzes Vermögen von über einer Milliarde Mark steuerfrei in die Schweiz. Damit ihm so was nicht noch mal passierte, schrieb sich der deutsche Fiskus 1972 Paragraf 6 ins Außensteuergesetz.

Diese "Lex Horten" entpuppt sich nun, 46 Jahre später, als gefährliche Brexit-Falle. Tritt das Vereinigte Königreich wie geplant am Freitag, den 29. März 2019, aus der EU aus, droht deutschen Unternehmern mit Wohnsitz in Großbritannien am darauffolgenden Montag, den 1. April 2019 - kein Scherz -, eine saftige Steuerforderung.

Betroffen sein könnten einige der prominentesten Namen des heimischen Geldadels. Wer sich durch die Gesellschafterlisten deutscher Unternehmerclans fräst, der findet zahlreiche englische Adressen. Bei der Darmstädter Pharmasippe Merck (Familienvermögen: 15 Milliarden Euro) ebenso wie bei den Haniels in Duisburg (6,8 Milliarden) oder den Werhahns in Neuss (3,4 Milliarden), beim Mischkonzern Freudenberg (Vileda; 4,4 Milliarden), der rheinischen Zucker-und-Salz-Dynastie Pfeifer & Langen (Diamant Zucker, Funny-frisch; 1 Milliarde) oder der Familie Schwanhäußer, den Erfindern der Stabilo-Textmarker (500 Millionen).

Bekannte Wahlengländer sind auch mehrere Mitglieder der Düsseldorfer Konsumgüterdynastie Henkel, allen voran Christoph Henkel, mit gut 5 Prozent größter Einzelaktionär (Marktwert: rund 2,3 Milliarden Euro) sowie die Cousins Ferdinand Groos und Konstantin von Unger.

Nicht mal einer wie der Industrielle Hubertus Benteler (Familienvermögen: 1,2 Milliarden Euro), dessen drei Kinder in Großbritannien weilen, ist sicher: Seine Benteler International AG firmiert seit 2010 in Österreich. Aber auch dort gilt die sogenannte Wegzugsbesteuerung.

Wahl-Insulaner
Familie Henkel
24 Mrd. Euro Vermögen
Mehrere Mitglieder der Persil-Sippe leben in London, darunter Großaktionär Christoph Henkel.
Familie Haniel
6,8 Mrd. Euro Vermögen
Auch einige der fast 700 Haniel-Gesellschafter sind Wahlbriten.
Familie Freudenberg
4,4 Mrd. Euro Vermögen
Der Vileda-Clan gilt ebenfalls als anglophil.
Familie Werhahn
3,4 Mrd. Euro Vermögen
Von den mehr als 400 Gesellschaftern hat es diverse auf die Insel verschlagen.
Familie Benteler
1,2 Mrd. Euro Vermögen
Die drei Kinder von Patriarch Hubertus Benteler leben in England.

Natürlich ist jeder Fall anders. Es gibt Fristen, Ausnahmen und andere Kautelen. Doch der Steuerparagraf hat viele der solventen Expats kalt erwischt. In Family-Offices und Kanzleien ist die "Exit-Tax" ganz nach oben gerückt - schon weil sich viel einträglicher Beratungsbedarf ergibt. Die drohende Wegzugsbesteuerung sei "mittlerweile ein großes Thema" in der Szene, sagt Jens Schönfeld, Partner bei Flick Gocke Schaumburg in Bonn.

Es geht in der Regel um viele Millionen. Denn wer Anteile von mehr als einem Prozent an einer inländischen Kapitalgesellschaft hält und ins Ausland umzieht, muss deren stille Reserven versteuern. Der Steuersatz? Meist knapp 30 Prozent.

Dem entgeht nur, wer in der EU wohnen bleibt. Dann kann die Steuer bis zu zehn Jahre gestundet werden. Viele vermögende deutsche Wahlbriten konnten ihren Steuerbescheid also bisher getrost ignorieren. Der Brexit ändert nun alles.

Anruf in London: Der Mann am anderen Ende hält etwa 15 Prozent an einem Mittelständler, der in der deutschen Provinz angesiedelt ist. Der Umsatz der Firma kratzt an der Milliardengrenze, sein Anteil dürfte etwa 70 Millionen Euro wert sein. Mit Frau und Kindern lebt er seit Jahren in London: wegen der Internationalität, der guten Schulen und seines Zweitjobs als Finanzinvestor.

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