Samstag, 23. September 2017

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Deutscher Elektroautopionier BMW droht Vorsprung in der E-Welt zu verspielen

BMW: Antriebsprobleme
Fotos
Patrick Strattner für manager magazin

Der bayerische Autokonzern war das Vorbild für eine ganze Branche. Jetzt scheinen die Konkurrenten von Mercedes bis Tesla mit ihren Elektroautos vorbeizuziehen. Vorstandschef Harald Krüger muss sehr schnell Tempo aufnehmen, auch im eigenen Interesse.

Die folgende Geschichte stammt aus der Ausgabe 11/2016 des manager magazins, die Ende Oktober erschien. Wir veröffentlichen sie hier als Kostprobe unseres Journalismus' "Wirtschaft aus erster Hand". Damit Sie künftig früher bestmöglich informiert sind, empfehlen wir ein Heft-Abo.

Prolog

Internationale Automobil-Ausstellung (IAA) Frankfurt, 15. September 2015: Harald Krüger (51) hat seinen ersten ganz großen Auftritt. Seit 125 Tagen führt er BMW, für viele die Nummer eins der Autowelt. Ein Traumjob. Jetzt will Krüger untermauern, dass er der Richtige ist für die Spitze. Es kommt anders. Der BMW-Chef wirkt nervös auf der Bühne. Als er über die Konzernmarke Rolls-Royce spricht, stockt er plötzlich, wankt kurz, und sackt dann zu Boden.

Paris 29. September: Alle sind sie da. Und alle haben etwas mitgebracht. Ein Jahr nach der IAA präsentieren die Chefs der großen Autohersteller ihre Zukunftsmodelle. Daimler-Chef Dieter Zetsche (63) zeigt den "EQ". VW-Sanierer Herbert Diess (57) den "I.D.", Porsche-CEO Oliver Blume (48) den "Mission E" und Rupert Stadler (53) fährt Audis "Q6 e-tron" auf. Elektroautos, jedes mit mindestens 500 Kilometer Batteriereichweite. Von 2018 an werden sie in den Verkauf gehen - der Aufbruch in eine neue Autowelt.

Nur BMW-Chef Harald Krüger fehlt. Er hat einen Stellvertreter geschickt, wie schon Anfang März zum Autosalon in Genf: Vertriebsvorstand Ian Robertson (58) schwärmt über den i3. Auch dieses Auto stand mal für Zukunft und Innovationsführerschaft. Das war 2013. Jetzt sind der Wagen und seine Carbonkarosserie gefühlt eher Vergangenheit, trotz der erhöhten Batteriereichweite.

Eigentlich sollte Krüger hier selbst auf der Bühne stehen und den i5 präsentieren. Einen größeren Bruder des i3, sportlich, dynamisch, ähnlich eher dem 3er, BMWs Börsen-Chart zeigen Kernmodell. Und vor allem: elektrisch betrieben, ein echter Rivale für Tesla Börsen-Chart zeigen, Kaliforniens Avantgarde.

Das Auto ist so gut wie fertig. Mehrfach hat der Vorstand vor Prototypen gestanden. Zunächst 2013 , dann 2014 und zuletzt 2015. Hätte das Gremium, bis Mai 2015 geführt von Krügers Vorgänger Norbert Reithofer (60), "Ja" gesagt, wäre das Gefährt in zwei, spätestens drei Jahren auf den Markt gekommen. So wie es die BMW-Produktpläne einmal vorsahen.

Doch die Runde lehnte den i5 immer wieder ab. Zu teuer wegen der Carbonkarosserie. Zu ungewiss der Erfolg. Nicht wirklich zukunftsfähig.

So ruhen die Prototypen in den Geheimgaragen der Entwickler. Und BMWs Führungsanspruch verblasst mit jedem Batteriemodell der Konkurrenz ein wenig mehr.

Keine neuen Elektrofahrzeuge, ein verunsichertes Topmanagement, ein Vorstandschef, der für die Automobilwelt ein Phantom geblieben ist: Verspielt BMW gerade seinen Vorsprung? Ist Harald Krüger überhaupt der Richtige, um auch die neuen Rivalen aus dem Silicon Valley und China auf Abstand zu halten - und die bayerische Nobelmarke zum deutschen Apple zu machen?

Krügers Wahl jedenfalls war alles andere als eine Notlösung. Aufsichtsratschef Reithofer und dessen Vorgänger Joachim Milberg (73) haben ihn sorgfältig aufgebaut. Produktionsexperte wie sie selbst, fiel er ihnen schon in den 90er Jahren auf. Sie machten ihn zum Werksleiter in Großbritannien, Reithofer ließ ihn neue Fabriken planen. Im Vorstand sammelte er dann als Leiter des Personal- und Produktionsressorts sowie der Marken Mini und Rolls-Royce das nötige Generalwissen.

Krüger weiß viel und ist hochintelligent. Ein netter Kerl dazu und damit das Gegenteil von autoritären Typen wie Martin Winterkorn (69) oder auch Dieter Zetsche. Er scheint der perfekte Mann zu sein für die neue hierarchieentwöhnte Unternehmensordnung, die Talenten mehr Freiheit ge-währt und die allerorten beschworen wird.

Krüger soll BMW auf die nächste Stufe heben: umsteuern, digitalisieren und beschleunigen. Er soll BMW einen ordentlichen Schuss Silicon Valley verpassen. Und vor allem soll er den Konzern bis 2025 führen - und nicht vorher schlappmachen.

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