Mittwoch, 12. Dezember 2018

Deutscher Elektroautopionier BMW droht Vorsprung in der E-Welt zu verspielen

BMW: Antriebsprobleme
Patrick Strattner für manager magazin

8. Teil: "Geiler Bock"

Das Modell soll ein Alleskönner werden, autonom fahren können, vernetzt sein und mit den wichtigsten digitalen Diensten versorgt. Wenn alles nach Plan läuft, soll der Begriff iNext bei den Bayern aber noch für mehr stehen als nur ein Elektroauto. Er soll zu einer neuen Autoarchitektur werden: die den Platz nutzt, den die wegfallenden Verbrennungsmotoren, Getriebe und Kardanwellen bieten. Und die es trotzdem ermöglicht, Benziner, Diesel und Plug-in-Hybride auf der gleichen Plattform zu bauen.

Aufsichtsratschef Reithofer und andere Mächtige wollen den iNext sogar als Basis für Brennstoffzellen-Autos in Großserie nutzen können, und das spätestens 2025.

Ein ambitioniertes Vorhaben, das Produktionsexperten verzückt und bei den Entwicklern Albträume auslöst. Sie bevorzugen speziell zugeschnittene Lösungen für die einzelnen Produktlinien und zweifeln offen daran, ob und wie sie den Traum iNext wahr machen können.

Krüger, in der Produktion sozialisiert, lässt sich davon nicht beeindrucken. Das muss machbar sein, er geht volles Risiko. Wie bereits Reithofer mit seiner Wette auf den i3 und den i8. Denn für den iNext müssen sämtliche Modellarchitekturen erneuert, sämtliche Werke umgerüstet werden. Vom "gleichen Mobilitätszeugs" wie bei allen anderen kann da keine Rede mehr sein. Scheitert das Milliardenprojekt, wäre BMW um Jahre zurückgeworfen.

Krüger hat sich also viel vorgenommen. Jetzt muss er es aber auch durchpauken, gegen die Bedenkenträger im oberen und mittleren Management. Die hat er mit seinen Ideen noch längst nicht überzeugt.

Natürlich hilft es ihm, dass er Reithofer und den Betriebsratsvorsitzenden Schoch hinter sich weiß. Auf die beiden hören auch die Eigentümer, die Quandt-Familie. Ein Spießrutenlauf werden die kommenden Jahre für Krüger trotzdem.

Die Bayerischen Motoren Werke, die keine richtigen Motoren mehr produzieren, wären im Dax ein Unikum. Aber BMW war schon immer ein besonderes Unternehmen, der Großaktionärsclan Quandt hält überdurchschnittlich lange an seinen Vorständen fest, denkt langfristig, akzeptiert auch mal Schwächen, zumal in der öffentlichen Darstellung.

Auftritte wie in Berlin und München, die Scheu vor der großen Bühne, so etwas mag in der Mannschaft schaden. Die entscheidenden Personen verzeihen es.

11. Oktober, ein Flugzeughangar in Los Angeles, es ist die vierte und letzte Station der 100-Jahr-Feier des Konzerns. Ein Pult rollt auf die Bühne, Krüger stützt sich auf, drückt die Beine durch und präsentiert das Motorrad der Zukunft, ein "Geiler Bock" (SPIEGEL ONLINE).

Krüger liest vom Manuskript ab, ein paarmal lächelt er in sich hinein. Und doch: Sein Unbehagen ist wieder sichtbar. Aus diesem Mann wird kein Showmaster mehr.

Aber er hält durch.

© manager magazin 11/2016
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