Montag, 11. Dezember 2017

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Bitcoin-Boom Eine Berliner WG im Goldrausch

Bitcoin: Die Blase ihres Lebens
Fotos
Mary Beth Koeth für manager magazin

Die wildeste Internetspekulation seit dem Dotcom-Boom greift um sich. Und produziert eine neue Generation von Multimillionären.

Die folgende Geschichte stammt aus der Ausgabe 11/2017 des manager magazins. Wir veröffentlichen Sie hier als Kostprobe unseres Journalismus' "Wirtschaft aus erster Hand". Damit Sie künftig früher bestmöglich informiert sind, empfehlen wir ein Heft-Abo.

Florian Reike (22), bleiches Gesicht, zerzauste Haare, schwarze Adidas-Trainingsjacke, hat seit vier Jahren keine Nacht mehr als vier Stunden geschlafen. Eigentlich, sagt er, schläft er gar nicht mehr ein. Er wacht nur noch irgendwo auf.

Der erste Blick geht dann zu seinem Smartphone, die Kurse von Kryptowährungen wie Bitcoin Börsen-Chart zeigen checken.

Als Schüler hat Reike angefangen, in Bitcoins zu investieren. Um sie zu finanzieren, hat er Blut gespendet und im Burger-Laden gearbeitet.

In den vergangenen neun Monaten sind seine Coins dann in die Höhe geschossen. Zwischenzeitlich sind sie wieder abgestürzt. Doch die Kurse haben sich teils immer noch mehr als verhundertfacht.

Der Wertzuwachs ist so hoch, dass Reike inzwischen Multimillionär ist. Wie jeder in seiner Wohngemeinschaft, die gerade aus dem herbstdüsteren Berlin ins leuchtende Florida umgezogen ist.

In dem Mitte-Apartment (Klingelschild: "Bitcoin Babo") hatten sie schneller als die meisten anderen realisiert, dass eine neue Bitcoin-Zeitrechnung angebrochen ist. Bitcoin, lange die Domäne von Nerds, Libertären und Drogendealern, ist zum Treibstoff für die Finanzierung von Start-ups geworden.

Über zwei Milliarden Dollar sind innerhalb weniger Monate in Neugründungen geflossen. Das Geschäft ist größer geworden als das gesamte Frühphasen-Wagniskapitalbusiness. Start-ups können sich inzwischen schneller mit zweistelligen Millionensummen aufpumpen als zu Dotcom-Zeiten. Mit einem Konzeptpapier sammeln Teams, die sich nur übers Internet kennen, säckeweise Kapital ein.

In den letzten sieben Monaten hat sich die größte Internetblase seit dem Dotcom-Boom gebildet, inzwischen ist das Gebilde rund 160 Milliarden Dollar schwer. Start-ups wurden binnen Monaten zu Unicorns, Unternehmen mit Milliardenbewertung, die aber kaum einer kennt, genauso wenig wie die neuen Risikokapitalgeber - Millennials wie Reike, die ihre Millionen mit Kryptowährungen gemacht haben.

© manager magazin 11/2017
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