Freitag, 14. Dezember 2018

Bitcoin-Boom Eine Berliner WG im Goldrausch

Bitcoin: Die Blase ihres Lebens
Mary Beth Koeth für manager magazin

2. Teil: Die Krypto-WG

Robert Küfner hatte das Luxusapartment in Mitte angemietet. Er trägt eine dickrandige Brille, seine Haare sind zurückgegelt, mit 29 ist er der Älteste und der Anführer der Kryptowohngemeinschaft.

Küfner lernte Reike auf einem Szenetreffen kennen. Er wollte ihm exotische Kryptocoins abkaufen, die nicht an den Börsen gehandelt wurden. Reike lehnte ab, zog aber in die WG ein, in der sie zuletzt zu fünft wohnten.

Die Mitbewohner sind zugleich Aktionäre des neuen Unternehmens, das Küfner gerade hochzieht: eine Investmentfirma namens Nakamo.to, benannt nach dem Pseudonym des Bitcoin-Erfinders Satoshi Nakamoto.

Ihr Plan ist, in Kryptowährungen und -anleihen zu investieren und dazu noch eigene Kryptoprodukte zu bauen. Family Offices und vermögende Individuen würden einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag in die WG stecken, behauptet Küfner. Die Wohnung ist Teil seines Konzepts; separat unterzukommen würde zu viel Zeit vergeuden.

Den Oktober über wohnen sie in Florida. Küfner hat dort eine Farm gekauft, weil er schon immer mal eine Farm in Florida besitzen wollte. Nun machen sie dort sechs Wochen ein Bootcamp, um an ihrer Software zu werkeln.

Es seien stürmische Zeiten, sagt Küfner, da müsse man die Geschwindigkeit aufrechterhalten, "den Pace".

Beiläufig nimmt er eine Pipette aus einem kleinen Fläschchen und drückt Reike einige Tröpfchen auf die Zunge. Als nächster Mitbewohner ist Till Wendler (24) dran, sein COO. "Vitamin D", sagt Küfner, "gut für die Zellen".

Küfner ist vor sechs Jahren in der Bitcoin-Szene gelandet. Er hat einen ziemlich sicheren Instinkt dafür, womit sich gerade Geld verdienen lässt. An seinen Geschäften lässt sich die Evolution des digitalen Finanzmarkts nachvollziehen. Dabei hat Küfner nie auch nur einen einzigen Bitcoin gekauft. Er hat sie "abgebaut". "Mining" nennt sich das.

In der Anfangszeit konnte man im Bitcoin-Netzwerk leicht ein Vermögen machen, allein indem man die Rechenkraft bereitstellte, um andere Transaktionen zu verifizieren. Als Belohnung erhalten diese "Miner" Bitcoins ausgezahlt. Küfner verstand schnell, dass der Deal Strom gegen Bitcoins ein guter war.

Er ließ eine Starkstromleitung in seinen Keller legen, kaufte leistungsstarke Prozessoren und drehte die Rechenleistung so auf, dass der Boden in der Wohnung darüber sich anfühlte, als hätte jemand eine Fußbodenheizung installiert.

Küfner hatte eine Goldmine geschaffen.

Als immer mehr Konkurrenten einstiegen und die Margen sanken, begann er seine Bitcoins in andere Kryptowährungen zu stecken. Litecoin oder Dash heißen die, funktionieren nach einem ähnlichen Prinzip wie Bitcoin, sind aber für verschiedenartige Anwendungen optimiert. So ist Bitcoin für den Zahlungsverkehr komplett ungeeignet, Überweisungen dauern zu lange, die Gebühren sind viel zu hoch. Litecoin ist dagegen genau dafür konzipiert.

Küfner handelte mit seinen Kryptowährungen, über 80.000 Trades hat er im vergangenen Jahr gemacht, sie sind alle ordentlich aufgelistet in einer Tabelle für seinen Steuerberater.

Um Preisunterschiede zwischen den Börsen schnell auszunutzen, ließ er die Websites automatisiert via Software abtasten. An hochvolatilen Tagen könne man so in einigen Stunden leicht 100.000 Euro und mehr machen, sagt Küfner. Das große Geld verdiene aber nur noch, wer früh auf das nächste große Ding setze, die nächste Infrastrukturtechnologie, die wieder alles ändere.

So wie damals, Anfang 2014, als er sein Kapital vertausendfachte.

Auf einem Szenetreffen erzählte ein hochgewachsener Brite mit graublonden Haaren Küfner von einer ganz neuen Blockchain-Technologie. Nicht unähnlich Bitcoin, aber doch so anders, dass sie zugleich als eine Art Betriebssystem für dezentrale Apps tauge. Ein dezentrales Uber oder Airbnb könnte darüber zum Beispiel laufen.

Küfner stieg ein, kaufte Zehntausende Coins zum Stückpreis von 30 Cent. Heute ist einer allein 304 Dollar wert.

© manager magazin 11/2017
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