Donnerstag, 13. Dezember 2018

Irre Bewertungen locken Anleger Bitcoin-Blase und Tech-Träume: Worauf Sie jetzt achten müssen

Techblase: Der neue Neue Markt
Jonas Holthaus für manager magazin

Euphorische Anleger, Megafusionen, gehypte Börsengänge und Cashburn-Rekorde: Die Exzesse der Dotcom-Ära kehren zurück. Mit Kryptocoins lassen sich heute sogar noch leichter Millionen einsammeln als während der Internetmanie 2000.

Die folgende Geschichte stammt aus der April-Ausgabe 2018 des manager magazins, die Ende März erschien. Wir veröffentlichen sie hier als Kostprobe unseres Journalismus' "Wirtschaft aus erster Hand". Damit Sie künftig früher bestmöglich informiert sind, empfehlen wir ein Heft-Abo.

Jan Denecke (44) ist die letzte Hoffnung des hoch verschuldeten US-Unternehmens Kodak. Dabei hat der Deutsche den Firmensitz in Rochester, New York, noch nie von innen gesehen. Seinen ersten großen Auftritt hatte Denecke am 9. Januar in Las Vegas: Auf der Elektronikmesse CES stellte er an der Seite von Kodak-CEO Jeff Clarke das Projekt KodakOne vor, das die Bildrechte von Fotografen im Internet durchsetzen soll. Binnen Stunden explodierte der Aktienkurs: Mit 220 Millionen Dollar ist der Börsenwert nun fast doppelt so hoch wie vor der Pressekonferenz.

Vier Wochen später steht Denecke in seinem Westberliner Büro, blickt auf die knallgelbe Fassade des Altenheims "Ruhesitz am Zoo" und denkt darüber nach, was er noch packen muss, bevor er in zwei Tagen mit Frau und Kind nach Venice Beach aufbricht. In seinem neuen Office am Stadtstrand von Los Angeles will er in den nächsten drei Monaten sein Kodak-Projekt vorantreiben und Investoren ansprechen.

Der Berliner Rechtsanwalt verdiente sein Geld eine Zeit lang mit dem Abmahnen von Teenagern wegen illegaler Musikdownloads. Zudem betreibt er mit Freunden den Klub "Haubentaucher" auf dem RAW-Partygelände, der gut besucht ist, auch dank unermüdlichen Marketings: Im April 2016 kam Til Schweiger zur Saisoneröffnung an den Außenpool.

Als geschickter Verkäufer weiß Denecke, dass es für den Erfolg eines Projekts vor allem eines bekannten Namens und einer guten Story bedarf. Dass KodakOne so viel mehr Aufmerksamkeit bekommt als andere Start-ups, die fast das Gleiche machen, liegt an der weltberühmten Marke. Und an einem Buzzword, mit dem sich derzeit noch schneller Millionen einsammeln lassen als mit dem Begriff Internet Ende der 90er Jahre: Blockchain.

Bei der Softwaretechnologie werden Informationen nicht in einer zentralen Datenbank auf einem Server gespeichert, sondern von vielen Computern, die immer neue Blöcke an die Datenkette hängen. Mit dem Verfahren wollen Hunderte Start-ups die Wirtschaft noch einmal ganz neu aufbauen. Denecke verspricht, das Abrechnen von Fotohonoraren einfacher und fairer zu machen.

Ganz ohne Blockchain treibt Denecke schon seit 2015 Honorare für Fotografen ein. 2016 gründete er Ryde ("Reward your ideas") und ließ eine Bildersuchmaschine für das Internet programmieren. Mittels Blockchain sollen fortan alle Lizenzverkäufe festgehalten werden. Bildnutzer zahlen das Honorar per KodakCoin, die Kryptomünze will Denecke demnächst herausgeben.

Bis zu 20¿Millionen Dollar soll das Initial Coin Offering (ICO) für KodakOne und seine Berater laut Werbebroschüre bringen. Firmenanteile muss Denecke dafür nicht abgeben, rechtlich bindende Verpflichtungen, was KodakOne mit den Millionen machen darf, gibt es kaum. Der Berliner hätte ausgesorgt.

Dabei ist KodakOne bisher nicht viel mehr als eine Idee. An deren Umsetzbarkeit und Beteiligten große Zweifel angebracht sind. Kodak ist immer noch hochgradig pleitegefährdet.

Seit dem Anschwellen der Dotcom-Blase vor der Jahrtausendwende war es nicht mehr so leicht, an Anlegergelder zu kommen. Mit ICOs wie dem von KodakCoin haben Gründer seit 2015 bereits knapp vier Milliarden Dollar eingesammelt, meldete der Beratungsriese EY Ende des vergangenen Jahres. In den ersten zwei Monaten 2018 kamen laut der Website CoinDesk bereits drei Milliarden Dollar dazu.

EY hat 372 Coin-Offerings analysiert und festgestellt: Treiber des Hypes sind Privatanleger, die Angst haben, das nächste Google zu verpassen. Viele der Projekte sind noch in der Entwicklungsphase, erzielen weder Umsatz noch Gewinn. Weil Käufer keine Firmenanteile erhalten, sondern nur Nutzungsrechte an nicht vorhandenen Produkten, werden die Coins auch Token ("Chip" oder "Gutschein") genannt.

Der ICO-Boom erinnere ihn fatal an die Zeit, als Techunternehmen ohne Produkte gigantische Bewertungen auftürmten, um nach 2000 dann im Dotcom-Crash zu implodieren, sagt Julian Hosp. Der ehemalige Kitesurfprofi ist Chief Visionary Officer bei TenX, das im vergangenen Juli 80 Millionen Dollar per ICO für die Idee einer Bitcoin-kompatiblen Kreditkarte eingestrichen hat. "Ich bin sicher, wir werden dieselben Failure-Rates sehen wie immer bei Start-ups: Weniger als 1 Prozent überleben", schätzt Hosp.

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