Montag, 16. Juli 2018

Irre Bewertungen locken Anleger Bitcoin-Blase und Tech-Träume: Worauf Sie jetzt achten müssen

Techblase: Der neue Neue Markt
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Jonas Holthaus für manager magazin

2. Teil: Cashburn-Könige im Nasdaq 100

Ein Dotcom-Déjà-vu erleben Finanzmarktbeobachter nicht nur bei den Kryptogutscheinen. Auch an der Börse gewinnt man zunehmend den Eindruck, der Neue Markt sei auferstanden.

Börsengänge von Techfirmen basieren wie zu den schlimmsten Nemax-Zeiten auf reinen Wachstumsfantasien. Da liefern Gründer bei der Investorenwerbung Gewinnprognosen ab, die sie schon ein halbes Jahr später krachend verfehlen, was den Kurs um 50 Prozent kollabieren lässt - an nur einem Tag.

So wie Ende Februar bei Rovio: Der Anbieter des Computerspiels "Angry Birds" war im September 2017 an die Börse gegangen und kann nur ein halbes Jahr später kaum noch eines seiner Versprechen einhalten.

Das Milliardendebüt von Snapchat geriet für Anleger ebenfalls zum Flop, das des hoch verschuldeten Kabelnetzbetreibers Altice USA im vergangenen November gar zum Desaster (minus 33 Prozent). Nun plant der Musikstreamingdienst Spotify den Handelsstart, trotz Hunderter Millionen Dollar Jahresverlust und mächtiger Konkurrenz von Apple und Amazon.

Vor 18 Jahren war es das Listing der Volksaktien-Tochter T-Online, das dem Irrsinn die Krone aufsetzte und zum Rohrkrepierer geriet. Viereinhalb Jahre später gliederte die Telekom ihren ungeliebten Ableger wieder ein, zu einem Drittel des Ausgabepreises.

Ähnlich wie damals haben sich Techaktien zu einem echten Klumpenrisiko entwickelt. Die fünf größten US-Techkonzerne steuern heute ein knappes Sechstel der Marktkapitalisierung zum Leitindex S&P 500 bei, wie schon im Dotcom-Boom (siehe Tabelle). Der Ansturm auf die Giganten sei extrem, warnt Ulrich Kaffarnik (60), Vorstandsmitglied beim Vermögensverwalter DJE Kapital und seit mehr als 30 Jahren am Finanzmarkt aktiv. "Kursverluste von 20 Prozent wären eine ganz normale Korrektur - damit würde nicht einmal der Aufwärtstrend gebrochen."

Noch nicht ganz so teuer
Die fünf jeweils größten Techkonzerne nach Marktkapitalisierung, 2000 und heute
1. Quartal 2000
Kurs-Gewinn-Verhältnis* Free-Cashflow-Marge
Microsoft 55,1 34%
Cisco Systems 116,8 31%
Intel 39,3 27%
Oracle 103,6 22%
Lucent 35,9 -2%
Dotcom-Blase Top 5 insgesamt 58,3 19%
Heute
Kurs-Gewinn-Verhältnis* Free-Cashflow-Marge
Apple 12,1 22%
Alphabet 19,4 22%
Microsoft 20,2 32%
Amazon 56,3 4%
Facebook 16,8 43%
Heutige Top 5 insgesamt 22,7 23%
Cashburn-Könige 2018 in Nasdaq 100 und Stoxx Technologie
Kurs-Gewinn-Verhältnis* Free-Cashflow-Marge
Iliad 17,9 -35%
Biomarin Pharm. 80,9 -34%
Tesla 35 -30%
Netflix 49,2 -17%
Incyte 53,8 -13%
*Anhand des geschätzten Gewinns für 2001 (Dotcom) und 2020
Stand: 21.2.2018
Quelle: Goldman Sachs, Bloomberg

Weit tiefer abstürzen könnten jene Techlieblinge, die trotz Boom und breitem Kundenstamm immer noch negative Cashflow-Margen aufweisen. Ein Alarmsignal, dessen Missachtung die Anleger bereits 2000 viel Kapital gekostet hat. "Der Dotcom-Boom endete, als das Anlegermagazin ,Barron's' die Cashburn-Raten der Internettitel offenlegte", sagt Baki Irmak (45), Fondsmanager des Digital Leaders Fund, der alles, was beliebt und teuer ist, umgeht.

Irmak weiß, wie riskant es ist, auf solche Trendaktien zu setzen. In den 90ern hat er bei der BHF Bank gearbeitet, deren Investmentbanker einige der größten Kapitalvernichter an den Markt brachten, wie EM.TV. Damals erlebte er, wie die Stimmung kippte. Lucent Technologies, eine der fünf schwersten Techaktien, traf es besonders hart; der Aktienkurs des US-Telekomausrüsters mit der negativen Cashflow-Marge fiel von 59 Dollar auf 58 Cent. Gemessen an der negativen Cashflow-Marge akut gefährdet sind diesmal Tesla und Netflix (siehe Tabelle oben).

Mitgefüttert wurde und wird der Hype von enormen Mengen an Wagniskapital. Die Venture-Capital-Investitionen sprudeln wieder fast so üppig wie einst. Zwischen 70 und 80 Milliarden Dollar flossen in den vergangenen Jahren in Gründungen (siehe Grafik).

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Das viele Kapital führt an einigen Stellen schon wieder zu extrem aufgeblähten Bewertungen. Beste Beispiele: der skandalgeschüttelte Fahrdienstvermittler Uber und der Bürovermieter WeWork, der zur Ikone des modernen Headquarters hochstilisiert wird. Das Immobilienunternehmen vermarktet sich als IT-Plattform und ist im Branchenvergleich grotesk überbewertet.

Fusionsfieber: Anzahl der Megadeals und Wert aller Deals weltweit
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Fusionsfieber: Anzahl der Megadeals und Wert aller Deals weltweit

Zugleich hat das billige Geld auch das Übernahmefieber wieder angeheizt. Allein in den ersten zwei Monaten des Jahres wurden 33 Megadeals mit mehr als fünf Milliarden Dollar Kaufpreis angekündigt. Im bisherigen Rekordjahr 2000 waren es zu diesem Zeitpunkt erst 19. Insgesamt gaben Unternehmen schon 788 Milliarden Dollar für Firmenakquisitionen aus (siehe Grafik). Erfahrungsgemäß markieren solche Großdeals das Ende eines Aufschwungs.

Wie irrational der Überschwang schon wieder ist, zeigen die Stimmungsindikatoren. Vor allem amerikanische Anleger sind in Partylaune. US-Aktien sind so teuer wie seit dem Dotcom-Boom nicht mehr. Und selbst im risikoscheuen Deutschland gibt es wieder mehr als zehn Millionen Aktionäre.

Viele, die den Boom bei Techaktien und Bitcoin verpasst haben, lockt die Euphorie. Sie legen ihre Vorsicht genau zum falschen Zeitpunkt ab. Je höher die Bewertungen noch steigen, desto größer wird die Gefahr eines Aktiencrashs, in dessen Folge die Kurse um mehr als die Hälfte einbrechen, wie nach 2000.

Ein Markt, der das bereits hinter sich hat, ist der für Kryptowährungen wie Bitcoin und Ethereum. Sie sind die populärste Variante der virtuellen Coins. Der Bitcoin-Kurs stieg 2017 von 830 auf 19¿300 Dollar, Ethereum schoss von 8 auf 820 Dollar. Chris Larsen, Entwickler des Kryptocoins Ripple, war rechnerisch mit 20 Milliarden Dollar zwischenzeitlich reicher als SAP-Mitgründer Hasso Plattner.

Unlängst feierten 600 Nerds ihren Reichtum mit einer Blockchain-Kreuzfahrt von Singapur nach Thailand. Andere gingen in Puerto Rico auf die Suche nach Land, um dort eine Blockchain-Republik zu gründen. "Alle werden lächerlich reich, nur Sie nicht", überschrieb die "New York Times" einen Artikel.

Kurz darauf stürzte Bitcoin auf 6000 Dollar. Doch die wilde Fahrt ist noch nicht vorbei: Seit Anfang Februar hat sich der Kurs wieder fast verdoppelt. Viele von denen, die auf dem Papier zu Multimillionären wurden, investieren jetzt in ICOs oder starten selbst einen.

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