Dienstag, 27. September 2016

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Sandalen-Hype ohne Facebook Birkenstock - Die Rettung der Ökoschuhe

Birkenstock: Aus der Provinz zur Weltmarke
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DPA

Fast wäre die Marke im Familienzoff zerbrochen. Jetzt gehen die Ökoschuhe um die Welt. Die Verantwortung dafür trägt ein Manager, der ganz anders ist als seine Zielgruppe.

Seine Arbeitsräume hat Oliver Reichert eingerichtet wie ein Spielzimmer für große Jungs. Am Eingang zum Büro des Birkenstock-Chefs steht eine Tischtennisplatte. Gerade hat Reichert gegen seine Sekretärin knapp verloren. Drinnen hängen Lederhäute, wie in einer Urzeithöhle. An der Rückwand klebt eine Fototapete mit großen Birken.

Besuchern weht der Geruch eines herben Männerparfüms entgegen. Hinter zwei Computerbildschirmen erhebt sich eine hünenhafte Gestalt, Reichert ist etwa zwei Meter groß und locker einen Doppelzentner schwer, die Barthaare kräftig wie die Stacheln an einem Kaktus. Dem früheren Footballer sollte man sich besser nicht in den Weg stellen, berichten Mitarbeiter und Ex-Kollegen. Er selbst sagt: "Ich bin ein Offensivspieler, immer im Vorwärtsmodus."

Mit der Stimmgewalt eines Grizzlybären verkündet Reichert, was Birkenstock unter seiner Führung seit 2013 alles erreicht hat. Die Schuhproduktion nahezu verdoppelt. Den Umsatz auf "fast eine halbe Milliarde Euro" gesteigert, wobei er den tatsächlichen Jahreserlös von etwa 400 Millionen Euro großzügig aufrundet. Die Rendite vor Steuern und Zinsen liege "jenseits von 20 Prozent". Die Belegschaft hat Reichert mal eben um 50 Prozent vergrößert - auf 3000 Mitarbeiter. Trotzdem kann er die wachsende Nachfrage noch immer nicht bedienen.

Der Birkenstock-Hype, der längst Märkte wie die USA, Japan oder den Libanon erfasst hat, lässt die ganze Konsumgüterbranche aufhorchen. Einen derartigen Aufschwung hatte die biedere Schuhmarke aus Neustadt/Wied - im Niemandsland zwischen Bonn und Koblenz - seit ihrer Gründung im Jahr 1774 noch nie erlebt.

Seit Menschengedenken kreiert Birkenstock die immer gleichen Ungetüme aus Kork, Latex und Leder, brüskiert viele Fachgeschäfte mit unbotmäßig langen Lieferzeiten - und gab bislang kaum Geld für Marketing aus. In den aktuellen Katalogen posieren Reicherts Kinder als Models. Social-Media-Aktionen gibt es nicht, Birkenstock hat nicht einmal eine eigene Facebook-Seite.

Und doch wird die Marke ständig professioneller, internationaler und größer - mit einem branchenfremden Abenteurer an der Spitze. Oliver Reichert betrieb als Gymnasiast einen Techno-Klub in Oberschwaben, später berichtete er als Krisenreporter aus dem Kongo und dem Kosovo. Dann stieg er beim TV-Sender DSF (heute Sport1) zum Geschäftsführer auf. Abgeschlossenes Studium? Fehlanzeige. "Die Schule des Lebens", sagt Reichert, "hat mich gegen Wind und Wetter imprägniert."

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