Sonntag, 19. November 2017

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Dietmar Hopp Hopp und Ex? Das Biotech-Cluster des SAP-Mitgründers

Hoffnungswerte: Dietmar Hopp investiert Milliarden in Biotech
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picture alliance / dpa

Dietmar Hopp hat sich verrechnet. Anders als geplant, produziert seine Milliardeninvestition seit mehr als zehn Jahren nur Hoffnungswerte.

Die folgende Geschichte stammt aus der Ausgabe 8/2017 des manager magazins, die Ende Juli erschien. Wir veröffentlichen hier eine leicht geänderte Version (mit einem Update zu Curevac) als Kostprobe unseres Journalismus' "Wirtschaft aus erster Hand". Damit Sie künftig früher bestmöglich informiert sind, empfehlen wir ein Heft-Abo.

Das Restaurant im Golfklub St. Leon-Rot servierte italienische Spezialitäten, intellektuelles Futter lieferte ein Vortrag über das Management medizinischer Daten. Am Anreisetag verlief die Herbsttagung der Dievini Hopp BioTech Holding GmbH & Co. KG vor zwei Jahren noch völlig unaufgeregt. Beim Abendessen plauderten die Vorstands- und Finanzchefs der zwölf Biotech-Unternehmen, in die Dietmar Hopp (77) investiert hat, über wissenschaftliche Fortschritte, klinische Tests und frisches Kapital.

Als der SAP-Mitgründer am nächsten Morgen ans Rednerpult im Konferenzraum seines Klubhauses trat, war es vorbei mit der kuscheligen Stimmung. Mit einem einzigen Satz zerstörte Hopp das wohlige Gefühl finanzieller Sicherheit, in dem sich seine Angestellten wiegten. So tief saß der Schock, dass etliche der Anwesenden noch heute ihren Geldgeber übereinstimmend zitieren können: "Wenn ich gewusst hätte, dass es mich mehr als eine Milliarde Euro kosten würde, heute hier zu stehen, hätte ich es nicht gemacht."

Auch wenn Hopp seine Ansage mit einem Lächeln abmilderte - die Botschaft war klar: Der größte Investor der deutschen Biotech-Szene hat sich verrechnet. In neue Start-ups hat er deshalb schon seit geraumer Zeit nicht mehr investiert.

25.000 Hightech-Arbeitsplätze - auch dank der Geduld des Mäzens

Rund 25.000 Hightecharbeitsplätze zählt der Sektor hierzulande, immer wieder werden vielversprechende Firmen gegründet. All das ist auch der Geduld des Mäzens zu verdanken. Hopp inspirierte viele Forscher, ihre unternehmerischen Ideen in Deutschland umzusetzen und nicht in den USA.

Rein geschäftlich aber spricht das Resultat dem Unternehmensnamen Dievini Hohn - der baltischen Mythologie zufolge bedeutet er "Wächter des Eigentums". In ihren bald 13 Jahren als Dievini-Co-Geschäftsführer ist es Friedrich von Bohlen (55), Christof Hettich (50) und Mathias Hothum (57) nicht gelungen, aus den investierten 1,2 Milliarden Euro (siehe Tabelle) eine Rendite zu erwirtschaften. Von den 21 Firmen in seinem Portfolio ist bisher kein Euro an Hopp zurückgeflossen. Stattdessen muss der Milliardär immer wieder Geld nachschießen.

Hopps Deutsches Biotech-Cluster
Vom Pleitefall bis zum großen Hoffnungswert: Die Chancen der Dievini-Beteiligungen
Name Tätigkeitsfeld Anteil Dievini (in Prozent) Bewertung Perspektive
AC Immune Entwicklung eines ersten Alzheimer-Medikaments bis 2020 31,78 hochriskant, Aktienkurs minus 45 Prozent seit Börsengang 2016, viele gute Kooperationspartner finanziert bis 2019, 300-Mio.-USD-Deal bei erfolgreicher Entwicklung mit Genentech
Agennix Forschung im Bereich Lungenkrebs, Blutvergiftung 64,92 gescheitert mit Medikament Talactoferrin seit 2013 in Liquidierung
Apogenix immunonkologische Proteinwirkstoffe gegen Krebs 92,2 riskant, Hirntumortherapie in Phase II wirksam, Ziel Zulassung 2019 kein Pharmadeal, sucht Co-Investor
Axaron innovativer Ansatz in der Schlaganfalltherapie - kein Erfolg in Phase II 2006 in Sygnis aufgegangen
Cassiopea Dermatologieprodukte (Akne, Haarausfall, Warzen) 1,36 Aktienkurs minus 29 Prozent seit Börsengang finanziert bis 2017 durch Börsengang
Cosmo Pharmaceuticals Hilfsmittel Darmspiegelung, Medikament Darmkrebs 4,93 2,27 Milliarden Euro Marktkapitalisierung Markteintritt USA 2017 erwartet
CureVac RNA-basierte Impfstoffe gegen Krebs, Infektionskrankheiten 84,97 Prostatakrebsmittel scheitert in Phase II, gute Kooperationen Börsengang fraglich
Curacyte Blutvergiftung 100 verfehlt klinische Ziele mit Kandidat Hemoximer in Liquidierung
Cytonet Leberzelltherapie gegen Defekte im Harnstoffzyklus - keine Zulassung 2015 beendet
Febit Bau von Geräten zur Gensequenzierung 81,38 zu wenig Käufer für die Geniom-Apparate Management übernimmt Reste
GPC Biotech Chemotherapeutikum gegen Prostatakrebs - keine Zulassung für Kandidat Satraplatin 2007 Insolvenz nach Fusion mit Agennix
Heidelberg Pharma ATAC-Technologie aus Gift des Grünen Knollenblätterpilzes - riskante frühe Forschung, klinische Entwicklung einer Knochenkrebstherapie soll 2018 starten übernommen von Wilex
Immatics T-Cell-Rezeptoren-Plattform für Immunonkologie 39,38 Neustart nach Misserfolg bei Nierenzellkarzinom, hat Co-Investoren und Deal mit Amgen aussichtsreich
Joimax minimalinvasive Wirbelsäulenchirurgie 85,16 erst gut 50.000 Operationen seit 2004 wenig dynamisch
Lion Bioscience Bioinformatik - Resteverwertung nach Verkauf des Kerngeschäfts eingebracht in Sygnis
Life Biosystems personalisierte Krebsmedizin - renommierter Kooperationspartner aufgegangen in Molecular Health
LTS Lohmann Therapie Systeme Nikotin-, Schmerzpflaster und Pflaster zur Behandlung von Parkinson 100 Weltmarktführer, mehr als 300 Millionen Euro Umsatz, hochprofitabel Verkaufskandidat
Molecular Health Krebsdiagnoseunterstützung, personalisierte Krebsmedizin 93,85 kaum Umsatz, 2016 ein Drittel der Mitarbeiter abgebaut große Chancen, aber noch unsicher
Novaliq Augentropfen, Dermatologie, Organschutz 93,11 Tropfen gegen trockene Augen am Markt wenig dynamisch
Sygnis Erkrankungen des zentralen Nervensystems (ZNS) 2,56 ZNS-Aktivitäten eingestellt, zählt zu den größten Kapitalvernichtern Fusion mit X-Pol-Biotech und Neustart als Enzymhersteller
Wilex Krebsantikörper, Diagnose von Nierenzellkrebs 59,56 80 Prozent der Mitarbeiter entlassen überlebt nur mit Kapitalspritzen
Quelle: Dievini/Recherche manager magazin

Während Biotech global boomt, geht Hopp leer aus. Sein System, das sich längst selbst tragen sollte, ist so subventionsbedürftig wie die heimische Landwirtschaft.

"Ich hatte unterschätzt, wie aufwendig Biotech ist und wie langfristig"

"Ja", sagt Hopp, "ich hatte unterschätzt, wie aufwendig Biotech ist und wie langfristig." Es ist ein heißer Nachmittag Ende Juni, wir sitzen im angenehm heruntergekühlten Konferenzraum seines Golfklubs, mit am Tisch seine drei Geschäftsführer: Hettich, Hopps langjähriger Anwalt und Berater des Vertrauens, Hothum, Betriebswirt und der Finanzmann des Trios, und natürlich von Bohlen, promovierter Neurobiologe, erst gehypter, dann gescheiterter Gründer des Heidelberger Bioinformatik-Start-ups Lion Bioscience.

Friedrich von Bohlen, Neffe des großen Alfried Krupp, ist ein schlanker, noch jung wirkender Mann mit säuberlich hochgekrempelten Ärmeln, der das Wort zu führen versteht. "Wir haben keine Me-too-Strategie", sagt der intellektuelle Kopf der Holding, "wir wollen First-in-Class sein." Er ist der Mann, dem der "Laie" (Hopp über Hopp) vertraut, er besitzt gewissermaßen einen Blankoscheck, um sein großes Ziel zu erreichen: "Transformative Vorteile für die Behandlung schwerst erkrankter Patienten." Das brauche eben seine Zeit und gehe nicht ohne Fehlschläge ab, sagt von Bohlen, und Hopp nickt.

Tatsächlich werden in der globalen Pharmaindustrie aus vielen Ideen nur wenige Innovationen. Doch die zahlen sich häufig genug so gut aus, dass sich die gesamten Investitionen am Ende lohnen. In den USA sind dank Wagniskapital bereits Dutzende milliardenschwerer Pharmakonzerne entstanden.

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