Samstag, 16. Dezember 2017

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Rocket Internet Ansichten eines Klons

Globaler Feldzug: Wer den Samwers Geld gibt
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Dieter Mayr

3. Teil: Kostspieliger Gewaltmarsch - in Deutschland wie in Brasilien

Und die Samwers wollen stets die ersten im Land sein. Kein Amazon Börsen-Chart zeigen, kein anderer lokaler Gegner soll stören, wenn sie Marktanteile an sich reißen, bis niemand mehr an ihnen vorbeikommt. Nirgendwo sind die Deutschen damit schon so fortgeschritten wie in Brasilien mit der Mode-Website Dafiti.

Die Dafiti-Co-Chefs Philipp Povel (30) und Malte Huffmann (30) waren den Samwers schon als Geschäftsführer der deutschen Internetseite MyBrands bekannt. Nachdem sie ihre Firma an Zalando verkauft hatten, zog es die beiden Jungmanager nach São Paulo. Dort, gewissermaßen vor der Haustür des US-Giganten Amazon, erhielten sie ein verlockendes Angebot: vor Ort ein Modeportal wie Zalando aufzubauen.

Zu Hunderten werden hungrige Jungberater von McKinsey oder BCG, Investmentbanker und Absolventen von Eliteuniversitäten eingestellt. Schneller, weiter, mehr: Knapp drei Jahre nach Gründung beschäftigt Dafiti bereits 1800 Mitarbeiter und ist als Marke 75 Prozent aller Online-Shopper in Brasilien ein Begriff. 2012 setzte die Zalando-Schwester schon gut 91 Millionen Euro um. Brasilien ist das Gravitationszentrum, von dem aus das Geschäft in Argentinien, Mexiko, Kolumbien und Chile vorangetrieben wird. Weitere Länder sollen folgen.

Der Gewaltmarsch verschlingt indes eine Menge Geld: Fast 56 Millionen Euro Verluste machte Dafiti 2012. Die Zukunft sieht, glaubt man den Business-Plänen, umso rosiger aus: Schon im März 2014 soll die Gewinnschwelle erreicht sein. Damit wäre Dafiti schneller profitabel als das Vorbild Zalando. 2016 soll es einen satten Nettogewinn von 240 Millionen Euro erwirtschaften.

Die weltumspannenden E-Commerce-Pläne der Brüder lesen sich nicht nur im Falle Dafitis wie Business-Fiktion: Binnen drei bis fünf Jahren soll fast jedes der noch jungen Samwer-Unternehmen in die Milliardenumsatzliga vorstoßen und dann zweistellige Umsatzrenditen erwirtschaften.

Die russische Zalando-Schwester Lamoda etwa ist für 2016 auf rund 1,5 Milliarden Euro Erlöse programmiert. Der erst Anfang 2012 gestartete südostasiatische Amazon-Klon Lazada soll in diesem Jahr schon 120 Millionen Euro Umsatz machen und bis 2017 fast drei Milliarden; im zweiten Halbjahr 2012 waren es gut neun Millionen Euro, also 0,3 Prozent der Traumzahl.

Gewinne großzügig gerechnet - Investoren befürchten Größenwahn

Auch die Gewinne rechnen die Samwers ähnlich großzügig. Der noch im Embryonalstadium befindliche südamerikanische Amazon-Doppelgänger Linio soll 2017 einen Ertrag von 281 Millionen Euro einfahren, eine angenommene Umsatzrendite von 12 Prozent. Zum Vergleich: Das amerikanische Original Amazon brachte es im vergangenen Jahr gerade einmal auf gut 1,1 Prozent.

"Die Prognosen übertreffen alles, was wir bisher zu sehen bekommen haben", konstatiert ein Vermögender, der den Business-Case intensiv studiert hat. Er befürchtet einen Fall von Größenwahn.

Die Skepsis ist berechtigt: Selbst der kühne Amazon-Chef Jeff Bezos wagte es nicht, mit einer derart aggressiven Wachstumsstrategie gleich im Dutzend auf mehreren Kontinenten gleichzeitig vorzupreschen, sondern nahm sich Markt für Markt vor. Oliver Samwer dagegen gestand: Er sei süchtig nach Wachstum. "Das schnelle Wachstum. Formel 1, nicht Golf."

Ein Ziel ist damit erst einmal erreicht. Die Bewertung der Samwer-Firmen und damit der potenzielle Gewinn der Brüder und ihrer Geldgeber steigt rasant. Die Dachgesellschaften Bigfoot I, Bigfoot II und BigCommerce werden auf Basis der in der jüngsten Investorenrunde aufgerufenen Anteilspreise auf einen Wert von rund 1,3 Milliarden Euro taxiert. Die Samwers versprechen, dass die hier versammelten Töchter, an denen die Holdinggesellschaften zwischen 29 und 90 Prozent halten, 2013 gemeinsam rund 800 Millionen Euro umsetzen werden. Ein Schnäppchen für die Investoren wird es aber erst, wenn daraus möglichst bald Milliarden werden.

Ein gründlicher Blick in die einzelnen Unternehmen dürfte Zweifler bestärken. Fast überall kämpfen die Amazon-Klone und Zalando-Schwestern mit Widrigkeiten.

Nicht nur in Indonesien, Brasilien und Indien erweist sich die dürftige oder instabile Infrastruktur als Stolperstein. Hier müssen Warenzentren selbst aufgebaut werden, das frisst Geld. Beliefert werden können zudem in der Regel nur die großen Ballungsgebiete; die 1,2 Milliarden Inder etwa, die die Samwers in ihren Präsentationen so gern als potenzielle Kunden anführen, sind also eine Fantasiezahl.

Oliver Samwer, ein begnadeter Selbstvermarkter, lässt sich von derart irdischen Problemen nicht beirren. Dort, wo es keine Infrastruktur gebe, werde er sie sich notfalls eben selbst schaffen, sagte er kürzlich auf einer Veranstaltung des Rocket-Investors Tengelmann. So würden bereits 80 Prozent der Lieferungen in Indien von rocketeigenen Unternehmen gebracht. Ob er, falls nötig, auch Straßen in die indische Provinz teeren will, ließ er allerdings offen.

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