Sonntag, 29. Mai 2016

Alle Artikel und Hintergründe

Rocket Internet Ansichten eines Klons

Globaler Feldzug: Wer den Samwers Geld gibt
Fotos
Dieter Mayr

2. Teil: Sagenhafter Lockruf

Es ist ein sagenhafter Lockruf, dem die deutsche Pharmadynastie Schwarz, der kolumbianische Biermagnat und Finanzier Alejandro Santo Domingo und viele andere Investoren gefolgt sind. Sie alle glauben an den Erfolg des größten Online-Entwicklungshilfeprojekts, das je gestartet wurde - und gerade jetzt zum wohl teuersten ausartet.

Die aus Berlin gesteuerte Web-Galaxie verbrennt Schätzungen zufolge mindestens 50 Millionen Euro - pro Monat. 1,2 Milliarden Euro von Investoren flossen allein in den vergangenen drei Jahren in Unternehmen von Rocket Internet. Die teutonischen Web-Eroberer haben sich einen gefräßigen Koloss herangezüchtet, der mit immer mehr Geld gefüttert werden will.

"Die Samwers brauchen die Millionen inzwischen im Hunderterpaket von neuen Investoren", resümiert ein Finanzer, der mit den geheimen Business-Plänen vertraut ist. Kein Wunder, dass Oliver Samwer die meiste Zeit damit verbringt, wie in Davos neue Geldgeber rund um den Globus zu bezirzen. Ein kleines Team erstellt systematisch Listen von High Net-Worth Individuals, so werden die Reichen im Bankerjargon genannt, dann werden sie per E-Mail angeschrieben und abtelefoniert.

Im Fundraising haben die Samwers Erfahrung. Ihr Geschäft haben die drei Brüder aus einer Kölner Anwaltsfamilie im Silicon Valley gelernt. Zu Zeiten des Dotcom-Booms im Tal der legendären Tech-Start-ups unterwegs, gründeten sie nach der Heimkehr einen Ebay-Klon für Deutschland. Nach nur 100 Tagen verkauften sie ihr Unternehmen, Alando, für 53 Millionen Dollar an das Original - und fanden so die Blaupause für ihr künftiges Geschäftsmodell.

Web-Klone werden aggressiver ausgerollt als das Original

Im Akkord kopieren die findigen Brüder seither Internetunternehmen oder beteiligen sich an ihnen, um diese später zu verkaufen. Rund 700 Mitarbeiter beschäftigt dafür allein Rocket Internet in Berlin. Die Brüder haben sich weltweit den Ruf erarbeitet, Web-Klone schneller und effektiver als das Original auszurollen, weil niemand so aggressiv und skrupellos wie sie agiert. Im Valley werden die Samwers heute von vielen gefürchtet - und manchmal regelrecht gehasst. So sehr, dass der US-Internetunternehmer Jason Calacanis warnte, die "Samwers schaden dem Ansehen Deutschlands in der Welt".

In Europa sieht die Bilanz nicht besser aus: Ob Klingeltonanbieter Jamba, Facebook-Konkurrent StudiVZ oder Online-Spiele-Entwickler Bigpoint - wo immer die Samwers wieder aussteigen, am Ende verdienen meist nur sie selbst und ihr engster Geldgeberkreis daran. Die Unternehmen fallen danach häufig in sich zusammen.

Zuletzt zockten die Samwers beim Skandalbörsengang des Rabattanbieters Groupon Börsen-Chart zeigen ab. Der Online-Gutscheinanbieter Citydeal, für den sie 2010 Anteile an Groupon erhielten, steuert gemeinsam mit dem Mutterkonzern inzwischen dem Niedergang entgegen. Groupon notiert nur noch mit einem knappen Viertel des anfänglichen Börsenwerts.

Bei dem US-Unternehmen waren es die Samwers, die für die exorbitante internationale Expansion verantwortlich zeichneten. Doch trotz des Misserfolgs ist Groupon die Blaupause für die neuen Samwer-Pläne, berichten Gefährten der Brüder.

Die Strategie der Samwers ist simpel: Die Bevölkerung in einer angepeilten Region muss nur groß genug sein, die Wirtschaft stabil wachsen und das Internet sich schnell verbreiten, dann sind die meisten Grundbedingungen für eine Eroberung schon erfüllt. "Die Vorbereitung auf einen Markteintritt kommt ungefähr einer fünfminütigen Wikipedia-Recherche gleich", berichtet ein Wegbegleiter.

Mehr manager magazin
Zur Startseite

© manager magazin 5/2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH