Montag, 16. Juli 2018

August-Wilhelm Scheer Deutschlands Informatik-Pionier

August-Wilhelm Scheer
Fritz Beck für manager magazin
August-Wilhelm Scheer

Der Forscher hat das Managen von Geschäftsprozessen digitalisierbar gemacht. Und reihenweise Firmen gegründet.

Das folgende Porträt stammt aus der Dezemberausgabe 2017 des manager magazins, die Ende November erschien. Wir veröffentlichen sie hier als Kostprobe unseres Journalismus' "Wirtschaft aus erster Hand". Damit Sie künftig früher bestmöglich informiert sind, empfehlen wir ein Heft-Abo.

Eine Pracht!", sagt August-Wilhelm Scheer. Vom Konferenzraum im neunten Obergeschoss des Scheer-Tower bietet sich nach Südwesten ein eindrucksvolles Panorama: Bewaldete Bergzüge erstrecken sich bis weit ins lothringische Frankreich.

Unter Scheer liegt der Campus der Universität Saarbrücken. Gleich neben dem Hochhaus das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz, weltweit die größte Institution in dieser Disziplin. Nicht weit entfernt die Max-Planck-Institute für Informatik und für Softwaresysteme. Die Helmholtz-Gemeinschaft wird ein neues Zentrum für IT-Sicherheit mit 500 Wissenschaftlern aus aller Welt hier eröffnen. Im Scheer-Tower selbst arbeiten 380 Menschen vor allem für die Scheer Group.

Dieses engmaschige Netzwerk aus Wissenschaft und Wirtschaft hat der Patriarch geschaffen. Der Wirtschaftsinformatikpionier hat das abgelegene Saarland zu einem Innovation-Hub für IT gemacht. Er hat eine Vielzahl von Unternehmen gegründet, darunter die lange börsennotierte IDS Scheer, und hat als Präsident den Branchenverband Bitkom geprägt. Deswegen wurde er nun die Hall of Fame der deutschen Forschung berufen.

Der 76-Jährige ist kein Nerd, er hat Charisma. Gertenschlank und vom morgendlichen Joggen durchtrainiert, wirkt Scheer wie aus dem Ei gepellt. Er formuliert druckreif, kann Menschen für sich einnehmen.

Ins Saarland kam der promovierte Betriebswirt 1975, er wurde auf einen der ersten IT-Lehrstühle Deutschlands berufen. Im Studium hatte sich der Sohn eines Versicherungsvertreters und einer Hutmacherin "mehr in Rechenzentren herumgetrieben als in Vorlesungen". Seine Scheine bekam er meist nicht für die üblichen Seminararbeiten, sondern fürs Programmieren von Software, die seinen Profs das Lehren und das Verwalten erleichterten.

Scheers erstes akademisches Großprojekt war die Entwicklung von ARIS, einer "Architektur integrierter Informationssysteme". Mit diesem Konzept ließen sich zum ersten Mal die Geschäftsprozesse einer Firma von einer einzigen Software verwalten und steuern, eine enorme Vereinfachung der gerade etablierten SAP-Systeme.

Für die Vermarktung gründete der Wirtschaftsinformatiker eine eigene Firma, die IDS Scheer, auch weil SAP erst einmal nichts von seinem Konzept wissen wollte. Es dauerte Jahre, bis die Walldorfer den Professor aus Saarbrücken ernst nahmen und mit ihm kooperierten.

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Bild: manager magazin

Scheer wurde in den Aufsichtsrat von SAP gewählt, seine IDS ging 1999 selbst an die Börse - mit ihm als Chef des Kontrollgremiums. Die saarländischen Landesregierungen griffen stets gern auf den Rat des Professors zurück, seinen Erfahrungen und Ideen ist es zu verdanken, dass aus der sterbenden Montan-Region ein prosperierender Cluster der deutschen Digitalwirtschaft und künstlichen Intelligenz wurde.

Seit Mitte der 90er Jahre hat der Wirtschaftsinformatiker immer weiter Unternehmen gegründet, sich an Start-ups beteiligt. Im Jahr 2003 wurde der Professor sogar zum "Entrepreneur des Jahres" gekürt.

Zu Scheers Portfolio gehören heute etwa die IMC AG, ein weltweit arbeitender Full-Service-Anbieter für E-Learning mit über 300 Mitarbeitern. Oder das Saarbrücker Okinlab, eine Softwareplattform, die es Kunden ermöglicht, Möbel individuell zu gestalten und zu designen. Aus den so erstellten Dateien sägen und fräsen Großschreinereien dann mit computergesteuerten Maschinen die Bauteile für die Regale und versenden sie direkt an die Besteller.

Investor Scheer hat den Chefs von Okinlab ausgeredet, eine eigene Möbelfabrik aufzubauen: "Digitale Unternehmen kommen künftig ohne Produktion, ohne groben Maschinenpark aus. Airbnb macht keine Betten, Uber wäscht keine Autos."

Seine Anteile an IDS Scheer verkaufte er bereits vor Jahren an die Darmstädter Software AG. 200 Millionen Euro hat er damit erlöst und ist seitdem ein reicher Mann. Das Beratungsgeschäft der IDS hat er inzwischen wieder zurückerworben, und auch seine technologische Neugier hat er sich erhalten. Er habe bei seiner Scheer Group noch diverse Produktneuheiten in der Pipeline, deren Markteinführung wolle er aktiv miterleben. Und natürlich hat einer wie er seit Jahren einen Tesla in der Garage stehen. Er will wissen, wie sich das mit der Elektromobilität anfühlt.

Forscher, Unternehmer - Scheer hat auch noch eine andere Seite, eine musische. Er spielt Bariton-Saxofon. Vor 33 Jahren hat er seine Leidenschaft wiederentdeckt. Inspiriert von seinem Vorbild Jerry Mulligan, spielt er sich seither durch das Repertoire moderner Jazzklassiker.

Auf seinen Studioaufnahmen für 13 Alben sowie bei Konzerten in aller Welt wurde er begleitet von Stars wie Randy Brecker oder Jimmy Cobb. Mindestens einmal pro Monat tritt seine Band Groovin' High im Saarbrücker Hotel "Domicil" auf; der Eintritt ist frei, die Konzerte sind meist bis auf den letzten Platz besetzt. Mit seiner Stiftung fördert der Jazzenthusiast inzwischen ganze Studiengänge an Musikhochschulen.

Auch als Bauherr will er sich noch mal beweisen. Neben dem Scheer-Tower, der aus allen Nähten platzt, soll ein zweiter entstehen, wieder im Rotton der Golden Gate Bridge. Die berühmte Hängebrücke ist für Scheer "die Pforte ins Silicon Valley". Ähnliche Symbolkraft wünscht er sich für seine Twin-Tower.

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