Freitag, 22. September 2017

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VWs einstige Vorzeigetochter Audi Warum Audi seinen Nimbus verloren hat

Audi: Talfahrt in Ingolstadt
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REUTERS

Rupert Stadler sollte Volkswagens Premiummarke zur Nummer eins der Autowelt machen, besser als BMW, besser als Mercedes. Doch er scheiterte an den Machtverhältnissen im Konzern. Und an eigenen Fehlern.

Die folgende Geschichte stammt aus der Ausgabe 6/2017 des manager magazins, die Ende Mai erschien. Wir veröffentlichen sie hier als Kostprobe unseres Journalismus' "Wirtschaft aus erster Hand". Damit Sie künftig früher bestmöglich informiert sind, empfehlen wir ein Heft-Abo.

Spätherbst 2006. Ferdinand Piëch (heute 80) und Martin Winterkorn (70) planten mit ein paar Getreuen die Zukunft. Die Volkswagen AG Börsen-Chart zeigen sollte einen neuen Chef bekommen, das stand fest. Bernd Pischetsrieder (69) musste den CEO-Posten abgeben, Audi-Lenker Winterkorn würde übernehmen.

Jetzt brauchte man einen Neuen für Audi Börsen-Chart zeigen. Einer aus Ingolstadt sollte es sein, einer, der schon ein paar Jahre an Bord war. Und eigentlich sollte der Winterkorn-Nachfolger ein Ingenieur und Entwickler sein. E=G, oberster (E)ntwickler gleich (G)eneraldirektor, neuerdeutsch Vorstandschef. So lautete die Formel bei Audi.

Doch dann definierte Ferdinand Piëch die Dinge einfach neu. "Nehmt's den Stadler", beschloss er, damals als Aufsichtsratschef bei Volkswagen noch fast allmächtig. "Das ist ein Finanzer. Mehr braucht Audi in den nächsten Jahren nicht."

Rupert Stadler. Sohn eines oberbayerischen Landwirts, studierter Betriebswirt, ehemaliger Assistent Piëchs und seit 2003 Finanzchef in Ingolstadt: Ein 43-jähriger Controller sollte Audi zur Nummer eins im Premiumsegment machen.

Besser als BMW Börsen-Chart zeigen. Besser als Mercedes. Stadlers Ziel war vorgegeben. Was sollte schon passieren? Die Autos für die nächsten vier Jahre waren mehr oder weniger fertig, der Winterkorn-Vertraute Michael Dick (65) würde sie als Entwicklungsvorstand auf die Straße bringen. Stadler musste nur dafür sorgen, dass die Zahlen stimmen.

Als den wahren Chef sah sich sowieso weiter Winterkorn, eng begleitet von Piëch. Rupert Stadler war ihr Statthalter.

Nun sind die Überbosse nicht mehr da; vom Dieselskandal weggeblasen der eine, nach verlorenem Machtkampf ausgestiegen der andere. Und Stadler, der Mann, der seine Chefrolle nie in Gänze auszufüllen hatte, wackelt bedenklich.

Die Staatsanwaltschaft in München ermittelt wegen des Dieselskandals und durchsucht Audi-Büros und Privatwohnungen ostentativ am Tag der Bilanzpressekonferenz. Mächtige Leute im Konzern- und Audi-Aufsichtsrat vertrauen Stadler nicht mehr; wegen der Dieselvorwürfe und - für ihn fast gefährlicher - weil sie mit den Ergebnissen der Marke nicht zufrieden sind. "Stadler kämpft", sagt ein Volkswagen-Manager. "Aber er weiß, dass die Dinge hier endlich sind."

Wie endlich, zeigen Gespräche mit Aufsichtsräten, geführt im Frühjahr 2017. Kontrolleur A: "Eigentlich müssten wir Rupert Stadler jetzt herausnehmen. Aber vielleicht beginnen wir besser mit anderen Audi-Vorständen. Da ist die Not größer."

Kontrolleur B: "Langfristig geht es so nicht weiter. Aber warum schon jetzt wechseln? Die Dieselermittler haben bislang nichts gegen Stadler persönlich gefunden; und warum soll sich ein Nachfolger in der Aufarbeitung des Skandals aufreiben?"

Kontrolleur C: "Ich würde nicht darauf wetten, dass er Ende des Jahres noch im Amt ist."

Kontrolleur D: "Warum er lange keinen neuen Vertrag bei Audi bekam? Da kann man sich auch mal Zeit lassen."

Auf sein Drängen hin bekommt Stadler jetzt zwar anders als ursprünglich geplant einen neuen Fünfjahresvertrag als Audi-Chef - und nicht nur eine Verlängerung um zwei Jahre. Doch das sei im Zweifel auch kein Schutz, heißt es im Aufsichtsrat.

Ihre Namen wollen die Kontrolleure nicht lesen im manager magazin; aber ihre Sorge ist echt. Die Marke stecke in der Krise. Die einen trauen es Stadler nicht zu, Audi wieder nach vorn zu bringen. Die anderen sehen ihn in der Mitverantwortung für den Dieselskandal. Selbst die Eignerfamilie der Porsches und Piëchs, stets loyal gegenüber den eigenen Topleuten, steht nicht mehr uneingeschränkt hinter Stadler.

So kündigt sich das Ende einer langen Geschichte an, die mit Glanz und Gloria begann. Rund 40 Milliarden Euro verdiente Audi in den zehn Jahren unter Stadlers Führung, fast 23 Milliarden Euro Dividende überwies er an die Mutter in Wolfsburg. Die Umsatzrendite war oft zweistellig, 2011 überholte Audi Mercedes, auch BMW war mehrfach fast eingeholt. Audi galt als "der neue Stern" (mm 1/2010), Rupert Stadler bereits als künftiger Volkswagen-Chef.

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