Freitag, 16. November 2018

Nach dem Masterplan von Eon und RWE Was diese Frau mit Deutschlands Atom-Milliarden vorhat

Anja Mikus soll für Deutschland die Atom-Altlasten zumindest finanziell beherrschbar machen.

Zur Finanzierung der nuklearen Altlasten darf Anja Mikus 24 Milliarden Euro anlegen, das sie unter anderem von Eon und RWE bekommt. Sie will das möglichst ökologisch tun, aber auch nach allen Regeln der Kunst. Ein interessantes Experiment auch für Privatanleger.

Die folgende Geschichte stammt aus der Februar-Ausgabe 2018 des manager magazins, die Ende Januar erschien. Wir veröffentlichen sie hier als Kostprobe unseres Journalismus' "Wirtschaft aus erster Hand". Damit Sie künftig früher bestmöglich informiert sind, empfehlen wir ein Heft-Abo.

Der Flur des Bundeswirtschaftsministeriums versprüht an diesem Nachmittag kurz vor Weihnachten das Flair eines historischen Museums. Unter einem Schild mit der Aufschrift "Zeiterfassung nicht vergessen" glänzen die Holzböden wie frisch gebohnert, ein Reinigungswagen wartet darauf, noch mal durchzufeudeln. Alle Bürotüren sind geschlossen. Anja Mikus (59), die 30 Jahre lang in Stuttgart, München und Frankfurt für große Geldverwalter gearbeitet hat, kann sich an diese Grabesruhe einfach nicht gewöhnen. Mitte Juni ist sie angetreten, den sogenannten Atomfonds aufzulegen, den ersten großen deutschen Staatsfonds.

24,1 Milliarden Euro soll Mikus so verwalten, dass mit dem Geld die Zwischen- und Endlagerung des deutschen Atommülls finanziert werden kann, bis zum Ende des Jahrhunderts. Die Summe stammt von den Versorgern Eon Börsen-Chart zeigen, RWE Börsen-Chart zeigen, EnBW Börsen-Chart zeigen und Vattenfall Börsen-Chart zeigen, die nach dem Reaktorunfall in Fukushima von Bundeskanzlerin Angela Merkel zu einem Turboausstieg aus der Kernenergie gezwungen wurden.

Bislang sind Mikus und ihre Staatsfondstruppe zu acht hier, ein Start-up mitten unter Ministerialbeamten. Das Team lässt die Bürotüren offen stehen, damit wenigstens etwas Leben in die Bude kommt. Es gab schon erste Beschwerden. Aber Unruhe zu stiften ist Teil von Mikus' Strategie. "Wir wollen gehört werden", sagt sie. "Zumindest wenn es um Nachhaltigkeitskriterien im Investmentprozess geht."

Womit wir beim Konzept wären: Mikus legt höchsten Wert auf eine soziale und ökologische Ausrichtung ihrer Kapitalanlage. CEOs werden viele Fragen beantworten müssen, wenn sie Geld vom "Fonds zur Finanzierung der kerntechnischen Entsorgung" erhalten wollen. Die Fondsmanagerin darf das ihr anvertraute Vermögen breit und global streuen, in Aktien, Anleihen, aber auch Immobilien oder hochspekulative Wagniskapitalfonds und Firmenbeteiligungen. Gerade erst war ein Hedgefonds-Grande zum Rapport in der Scharnhorststraße.

Einen kleinen Teil des Vermögens muss sie wegen der Auszahlungsverpflichtungen in Zinspapiere anlegen. Mit dem großen Rest darf ihr Team, das bis Ende 2018 auf rund 25 Experten anwachsen soll, wegen des langen Anlagehorizonts von 80 Jahren laut Mikus "viele interessante Investmentmöglichkeiten nutzen".

Der Ansatz ist für Deutschland geradezu revolutionär. Die Atomfonds-Chefin will beweisen, dass sich auch im Stammland der Pfandbriefe, Sparbücher und Bundesanleihen hohe Rendite erzielen und hochtrabende Pläne umsetzen lassen. So wie das die Staatsfonds aus Norwegen, den Niederlanden oder Singapur seit Jahrzehnten vormachen. 4,58 Prozent Rendite soll Mikus langfristig jährlich erwirtschaften, auf das Grundkapital von 17,9 Milliarden Euro. Bezieht man die zusätzlichen 6,2 Milliarden Euro mit ein, die sie als Risikopuffer im Portfolio hält, sinkt das Profitziel auf 3,3 Prozent über die gesamten 24,1 Milliarden Euro. Viele der gut 200 deutschen Pensionskassen und Versorgungswerke scheitern schon an der 2-Prozent-Marke.

In kaum einem Land der Welt legen die Bürger so viel Geld zurück und verfügen trotzdem über ein so geringes Nettogeldvermögen. Die Deutschen kommen nicht mal auf 50.000 Euro pro Kopf, weniger als Italiener, Franzosen, Dänen, Briten, Niederländer, Schweden und Schweizer sowieso (175.000 Euro). Der Exportweltmeister verdient sich dumm und dämlich - und vernichtet die Überschüsse dann durch eine ebensolche Anlagestrategie. Gerade mal 3 Prozent Rendite erzielten die Deutschen laut Allianz Global Wealth Report mit ihrem Geldvermögen zwischen 2012 und 2016, in den meisten anderen Euro-Ländern fuhren die Bürger 5 Prozent ein.

Warum also sollte nun ausgerechnet Mikus gelingen, was vor ihr niemandem vergönnt war? Zumal sie kontrolliert wird von Leuten, die dem deutschen Volk quasi aus der Seele sprechen.

Vom Grundsatz her mag Mikus' Performanceziel durchaus realistisch sein. Sie hat kluge Ratgeber um sich versammelt. Dem fünfköpfigen Anlageausschuss sitzt Ex-Allianz-CFO und Münchener-Rück-Aufsichtsrat Maximilian Zimmerer vor, ebenfalls dabei der Investmentbanker Martin Korbmacher (ehemals Dresdner Bank und Credit Suisse) und der schwedische Pensionsfondsveteran Mats Andersson. Falls 70 bis 80 Prozent des Risikokapitals in Aktienfonds investiert werden, wie ein Ausschussmitglied erwartet, sind über den langen Anlagezeitraum ordentliche Renditen fast garantiert.

Renditepotenzial mit Ökofilter
Die Top-Investments des früheren Fonds von Anja Mikus - die Aktien müssen zu den ökologisch und sozial verantwortungsvolleren 75 Prozent der Börsenunternehmen gehören
Name ISIN Kurs-Gewinn-Verhältnis 20182 Dividenden-rendite 20182, in % Gewinn-entwicklung 20173, in % Kurs-entwicklung 20173, in % Beschreibung
A. O. Smith Corporation / USA Börsen-Chart zeigen 26,4 1,0 15,4 23,6 Produziert Wasserkocher, hohes Energiesparpotenzial
AAC Technologies / CN Börsen-Chart zeigen 20,5 1,8 29,6 49,0 Handykomponenten
Aena SME / ES Börsen-Chart zeigen 21,2 2,9 39,7 23,0 Betreibt weltweit Flughäfen
Amadeus IT Group / ES Börsen-Chart zeigen 25,5 1,8 20,7 6,1 IT-System für Flugreservierung
Big Lots / US Börsen-Chart zeigen 13,5 1,7 7,0 25,5 Groß im US-Heimdekormarkt
Burlington Stores / US Börsen-Chart zeigen 29,1 - 43,5 50,6 US-Billigmodekette
Caterpillar / US Börsen-Chart zeigen 20,3 2,0 - 36,5 Baumaschinen
The Children’s' Place / US Börsen-Chart zeigen 19,7 1,1 76,8 45,6 Preisgünstige Kleidung für Kinder bis zwölf Jahre
Comerica / US Börsen-Chart zeigen 15,3 1,5 -8,4 62,8 US-Bank, bekannt für gutes Kreditrisikomanagement
D.R. Horton / US Börsen-Chart zeigen 15,4 0,9 17,2 32,2 US-Leader im Eigenheimbau
DSV / DK Börsen-Chart zeigen 23,9 0,5 -18,9 15,6 Margenführer in der Logistik
Essent Group / BM Börsen-Chart zeigen 11,5 - 41,5 47,9 Hypothekenversicherer
Garmin / CH Börsen-Chart zeigen 20,2 3,5 12,0 31,1 Marke für Fitness-Tracker
The Home Depot / US Börsen-Chart zeigen 26,0 1,9 13,5 10,0 Größte US-Baumarktkette
Infineon Technologies / DE Börsen-Chart zeigen 25,7 1,1 6,2 34,2 Chiphersteller
Inogen / US Börsen-Chart zeigen 80,3 - 77,1 67,6 Tragbare Sauerstoffgeräte
Insperity / US Börsen-Chart zeigen 22,5 1,1 67,5 47,4 Outsourcing-Personaldienst
Lear Corporation / US Börsen-Chart zeigen 10,5 0,9 30,8 7,8 Autositze und -elektronik
Marvell Techn. Group / BM Börsen-Chart zeigen 19,3 1,0 - 70,5 Funkchips für Roboterautos
Mettler-Toledo International / US Börsen-Chart zeigen 32,0 - 8,9 23,4 Präzisionswaagen für Labore, profitiert vom Biotechboom
MSCI / US Börsen-Chart zeigen 28,2 1,2 16,6 9,2 Indexlizenzanbieter, profitiert vom ETF-Boom
Neste Oyj / FI Börsen-Chart zeigen 16,7 3,1 68,3 32,1 Biokraftstoff (50 Prozent/Ebit)
The PNC Fin. Serv. Group / US Börsen-Chart zeigen 14,7 2,2 -4,9 22,7 Zinsanstieg hilft der Filialbank
Ross Stores / US Börsen-Chart zeigen 25,0 0,8 9,5 16,1 „"Dress for less"“ ist der Slogan
RPC / US Börsen-Chart zeigen 16,5 1,4 -41,9 65,8 Ölförderservices, u. a. Feuerwehr für Bohrplattformen
Sandvik / SE Börsen-Chart zeigen 18,5 2,4 145,1 52,2 Werkzeuge, Bohrer, Stahl
Straumann / CH Börsen-Chart zeigen 38,7 0,8 224,8 30,3 Zahnimplantate
TE Connectivity / CH Börsen-Chart zeigen 19,0 1,6 -16,2 29,0 Stecker und Sensoren
Visa / US Börsen-Chart zeigen 28,8 0,6 11,8 27,3 Kurs verdoppelt seit IPO 2008
Weibo / CN Börsen-Chart zeigen 44,3 - 210,9 108,2 Mikroblogging-Dienst in China
1| Topholdings des Arabesque Systematic
2| Durchschnittsschätzung der bei Bloomberg erfassten Analysten
3| jeweils letztes Geschäftsjahr
Quelle: Arabesque, Bloomberg, Unternehmen

Doch was, wenn die Börsen kurzfristig einbrechen und das mächtige Kuratorium nervös wird? Was bleibt dann von dem hehren Staatsfondsanspruch? Die Erfahrungen sind da eher ernüchternd.

An Mikus soll es nicht liegen. In ihrem Leben war sie oft vorn mit dabei: als eine der wenigen Frauen im Aufsichtsrat eines Dax-Unternehmens (seit 2015 kontrolliert sie für den Bund die Commerzbank Börsen-Chart zeigen) oder als eine der Ersten in der Führung großer deutscher Fondsgesellschaften. Zunächst bei der Allianz Börsen-Chart zeigen, wo die gebürtige Kasselerin in den 90ern zu einem Anlagestar aufstieg und die Titelseiten der Börsenmagazine zierte, später als Chief Investment Officer bei Union Investment. Die Fondstochter der Volksbanken ist bekannt dafür, öffentlich aufzubegehren, wenn ihr der Kurs von Konzernbossen nicht passt. Diesen rebellischen Geist will sich Mikus auch beim Atomfonds erhalten.

Sie gilt seit Langem als Verfechterin grüner Geldanlage. Die Erderwärmung treibt Mikus derart um, dass sie 2012 bei Union kündigte und zur Investmentboutique Arabesque wechselte. Dort baute sie mit dem Ex-Barclays-Investmentbanker Omar Selim einen daten- und computerbasierten Fonds auf, der streng nach ökologischen und sozialen Kriterien sortiert und auf gute Unternehmensführung achtet ("Environmental, social, governance", ESG).

So will Mikus nun auch beim Atomfonds vorgehen. Zusammen mit Nachhaltigkeitsexpertin Berenike Wiender, die vom Stifterverband kommt, hat sie drei Ratinganbieter gefunden, die weltweit Unternehmen auf ihre Nachhaltigkeit hin durchleuchten: Sustainalytics, MSCI und RepRisk. Um Fehlurteile zu vermeiden, legt der Atomfonds die Schnittmenge aus allen Bewertungen zugrunde. Ziel ist, stringenter als je zuvor ein Destillat der besten 75 Prozent herauszufiltern.

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