Mittwoch, 29. Juni 2016

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Möglicher Börsen-Rückzug Air Berlins Wie Etihad Air Berlin zum Vasallen degradiert

Air Berlin: Puzzleteil im Etihad-Reich
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DPA

Die Golf-Fluglinie hat Air Berlin das Leben gerettet und degradiert den deutschen Partner jetzt zum Vasallen. Der mögliche Rückzug Air Berlins von der Börse ist nur die Spitze des Eisbergs, wie manager magazin bereits in seiner Januar-Ausgabe schrieb.

Eine Sorte von Fragen kann James Hogan, Chef von Etihad Airways, gar nicht leiden: die nach dem Scheitern. Blankes Unverständnis huscht über sein Gesicht, wenn er erzählt, was ihm neulich in Italien passiert ist. Da präsentierte er vor Medienleuten seinen großen Plan für Alitalia. Etihad, in Abu Dhabi am Persischen Golf zu Hause, hat die ehemalige italienische Staatslinie zu 49 Prozent übernommen und will sie mit Hauruck wieder flottbekommen. "Was ist", meldete sich am Ende ein Bedenkenträger, "wenn Alitalia es nicht schafft?" Für seine Antwort musste Hogan nicht lange überlegen. "Das ist keine Option", verkündete er mit seiner John-Wayne-Stimme, "Alitalia wird es schaffen!" Basta.

Verlieren verboten, Skepsis verpönt - James Hogan (59), ein Australier mit bulligem Nacken und selbstbewusstem Auftritt, verbreitet bedingungslosen Optimismus. Sein Auftrag verträgt keinen Zweifel und schon gar kein Zurück. Hogan soll auf Geheiß und Rechnung des Herrscherhauses von Abu Dhabi schleunigst eine Welt-Airline aufbauen - ähnlich, wie es nebenan dem Nachbaremirat Dubai mit Emirates gelungen ist.

120 Flugzeuge hat Etihad schon in der Luft, 200 weitere sind bestellt, diverse Beteiligungen an ausländischen Airlines zusammengekauft. Der Frontmann weiß, was er zu tun hat. Und handelt danach.

Jetzt bekommt der deutsche Partner Hogans Wucht zu spüren: Air Berlin Börsen-Chart zeigen. Seit Anfang 2012 besitzt Etihad 29,2 Prozent der Anteile und stützte die angeschlagene Nummer zwei des deutschen Marktes mit inzwischen reichlichen 900 Millionen Euro. Zuweilen bewies der Lebensretter erstaunliche Geduld, was etwa die Managementkünste des überforderten Ex-Chefs Hartmut Mehdorn (73) anging. Mit der Freiheit ist es nun vorbei. Etihad

  • zwingt Air Berlin auf einen Expansionskurs;
  • legt die Deutschen auf ein Geschäftsmodell fest, das vor allem der Muttergesellschaft passt und die Abhängigkeit vertieft;
  • kassiert die Eigenständigkeit des Partners ein.

Das hatte sich Air-Berlin-Kapitän Stefan Pichler (58) eigentlich anders vorgestellt. Als der ehemalige Lufthansa-Mann vor einem Jahr antrat, galt dies als letzter Versuch, Air Berlin seriös zu sanieren. Pichler baute das Management um, hörte die Mitarbeiter an, ordnete die Abläufe neu und entwarf einen Rettungsplan. Schmerzliche, aber heilsame Einschnitte sollte es geben, wie die Reduzierung der Flotte um rund 20 Maschinen - im ersten Schritt.

Hauptsache, die Attacke rollt

Wäre da nicht diese ominöse Sitzung in Rom gewesen. Ende September soll James Hogan, der auch Vize-Chairman von Air Berlin ist, Pichler und weitere Vorstände zu einem Spontanmeeting nach Italien gerufen haben, das jedenfalls kolportieren Insider. Pichler wollte sein Konzept erläutern, kam aber wohl nicht weit. Brüsk lehnte Hogan den Plan ab. Ein Rückschritt komme nicht infrage, zumal dadurch erst mal Extrakosten anfallen würden, etwa für Abfindungen. Mehr Geld für weniger Airline - das sei weder für ihn noch für seine Aufsichtsräte akzeptabel.

Geschlagen musste Pichler schließlich ein Sanierungsprogramm verkünden, das diesen Namen gar nicht verdient. Statt zu kürzen, expandiert Air Berlin sogar noch, mit zusätzlichen Fernflügen. Dass damit aller Erfahrung nach Anlaufverluste einhergehen werden, die sich Air Berlin eigentlich nicht leisten kann, scheint niemanden zu stören. Hauptsache, die Attacke rollt.

Ein Großaktionär, der sich augenscheinlich gegen die Sanierung der eigenen Beteiligung stellt - sehr ungewöhnlich für deutsche Verhältnisse. Aber durchaus passend zu der Art, wie die Etihad-Eigner ihr Geschäft begreifen. Abgerechnet wird nicht bei der Airline und ihren Satelliten, sondern in der Verkehrsstatistik - den Besucher- und Geldströmen, die Etihad nach Abu Dhabi lenkt. Das Mehr an Touristen, Investoren und globaler Aufmerksamkeit wird sich irgendwann auszahlen, davon sind die solventen Eigentümer überzeugt.

Der Glaube an den langfristigen Segen muss unerschütterlich sein. Denn kühle Überlegung spricht gegen die Vision. Der bewunderte Nachbar Dubai mit seiner Airline Emirates hat einen Vorsprung von rund 20 Jahren. Fraglich, ob der jemals einzuholen ist, ja, ob die Erfolgsformel Dubai-Emirates sich überhaupt kopieren lässt.

Auch die Zwischenergebnisse stimmen skeptisch. Offiziell schafft Etihad zwar einen kleinen Gewinn. Realistisch gerechnet, werde allerdings massiv Geld verbrannt, behaupten Fachleute. Die Maschinen würden oft nur mit billigen Tickets voll. Und um viele der Partnerairlines steht es ausgesprochen schlecht.

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