Dienstag, 22. August 2017

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Achten Sie auf: Olaf Heinrich, Doc Morris "Das gibt Platz für neue Geschäftsmodelle."

Olaf Heinrich, Vorstandsvorsitzender der Online Versandapotheke Doc Morris
Henning Ross für manager magazin
Olaf Heinrich, Vorstandsvorsitzender der Online Versandapotheke Doc Morris

Nach dem gewonnenen EuGH-Urteil geht's für den Chef der Versandapotheke um alles.

Das folgende Porträt stammt aus der Dezember-Ausgabe 2016 des manager magazins.

Die Wut der Konkurrenten kommt täglich per Post bei Olaf Heinrich (46) an. Bis zu 400 leere Briefumschläge öffnen seine Mitarbeiter jeden Morgen, abgeschickt von empörten Apothekern. Es sind Freiumschläge, in denen Kunden von Doc Morris ihre Medikamentenrezepte an die Versandapotheke schicken können. Jede leere Hülle kostet Heinrich 70 Cent Porto, bringt aber null Umsatz.

Mancher Pharmazeut löffelt sogar noch Mehl oder Zucker in die Kuverts, weshalb die Mitarbeiter in der Poststelle gelegentlich aus Angst vor Giftattacken zu einem Plastiksack mit eingeschweißten Handschuhen greifen - wie in einem Hochsicherheitslabor. Man weiß ja nie.

Derzeit kommen besonders viele Wutbriefe im Firmensitz von Doc Morris an. Der liegt im niederländischen Heerlen, in Kirschkernspuckweite von der deutschen Grenze. Seit der Europäische Gerichtshof (EuGH) Heinrichs Firma im Oktober erlaubt hat, Rabatte auf verschreibungspflichtige Arzneien zu gewähren (was deutschen Apothekern verboten ist), und so eine kräftige Prise Wettbewerb ins Medikamentenbusiness gemischt hat, gilt Doc Morris wieder als Gruselclown aller Apotheker.

Dabei kommt Heinrich weit weniger furchterregend daher als sein Vorgänger, der Doc-Morris-Gründer Ralf Däinghaus (49). Der hatte im vergangenen Jahrzehnt mit wilder Mähne und donnernden Sprüchen die betuliche und staatlich behütete Apothekerbranche Zentimeter für Zentimeter in die Marktwirtschaft gezerrt.

Heinrich, der Handel, Versand und Pharma bei Otto, Arcandor und Celesio - Ex-Inhaber von Doc Morris - gelernt hat, bevorzugt leisere Töne: "Mit dem neuen Urteil ist unser Geschäftsmodell regulativ nun endgültig bestätigt."

Diese Bestätigung hat 15 Jahre gedauert. Damit seine Firma endlich auch die Früchte ihres Kampfes einfährt, muss Heinrich den Versender nun rasch hochfahren. Denn im Internethandel können sich Marktanteile fast so schnell auflösen wie eine Aspirin-Brausetablette. Anders gefragt: Warum sollte nicht auch Amazon Medikamente versenden?

Seine Hausaufgaben hat Heinrich erledigt: Das neue Logistikzentrum für bis zu 35.000 Pakete pro Tag läuft (derzeit verschickt man bis zu 20.000 täglich), die neue IT auch, die nächsten Werbekampagnen hat er auf Taste, die ausländischen Märkte, die der Doc-Morris-Chef ab 2017 erobern will, sind gescoutet. Die rund 300 Millionen Euro Umsatz sollen künftig stramm zweistellig wachsen, damit der Pionier nicht nur Marktführer bleibt, sondern den Markt dominiert.

Nur: Reicht das Kapital dafür? Die Margen sind dünn, Heinrich braucht Hilfe. Seit 2012 gehört Doc Morris zur Schweizer Zur Rose Group. Der Mittelständler - Umsatz: 770 Millionen Euro - hatte Doc Morris für einen Spottpreis von 25 Millionen Euro von Celesio übernommen. Der Pharmahandelskonzern der Haniel-Dynastie, der inzwischen dem US-Unternehmen McKesson gehört, schaffte es nie, den wendigen Versender mit seinem milliardenschweren Apothekenbusiness zu versöhnen.

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