Sonntag, 19. November 2017

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Achten Sie auf: Florian Sieber Das wird der wichtigste Spielwaren-Unternehmer Deutschlands

Steuert bald ein riesiges Spielwarenreich: Florian Sieber

Bevor der älteste Spross von Simba-Dickie-Gründer Michael Sieber das Erbe bei Deutschlands größtem Spielehersteller antritt, will er die Modellbauikone vom Abstellgleis führen.

Wenn Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer seine Bahn im Keller steuert, kommt sie immer pünktlich. Im Miniformat kann die Welt so einfach sein. Dumm nur, dass die Kids von heute sich lieber in virtuellen Räumen bewegen. Die Modelleisenbahn wird immer mehr zum Auslaufmodell. Trotzdem glaubt Florian Sieber fest daran, den Trend umkehren zu können.

Der 31-Jährige hat sich vermutlich die schwerste Aufgabe im Riesenreich seines Vaters ausgesucht, um sein Talent als Unternehmer zu beweisen, bevor er das große Ganze übernimmt. Michael Sieber (60), Gründer von Deutschlands größtem Spielwarenhersteller Simba Dickie (Umsatz: 616 Millionen Euro; Marken: Big, Dickie, Eichhorn, Noris), hat "den Flo", wie er ihn nennt, der Belegschaft längst als Nachfolger angekündigt. Doch bevor sein Ältester den Chefposten in Fürth antritt, will der bei der privat gehaltenen Gebr. Märklin & Cie. in Göppingen den Turnaround schaffen. "Ich habe keinen Druck, aber ich mache mir welchen. Ich will zeigen, was ich kann."

Der Traditionsbetrieb schlitterte pünktlich zum 150. Firmenjubiläum 2009 in die Pleite. Vier Jahre lang fand sich niemand, der den kolportierten Kaufpreis von rund 100 Millionen Euro stemmen wollte. Dann kam Florian Sieber. Gerade fertig mit dem Managementstudium, wollte er bei Märklin eigentlich neben Marketingchef Stefan Löbich (52) und Urgestein Wolfrad Bächle (50; Produktion) ohne Ressortverantwortung Erfahrung als Geschäftsführer sammeln. Ein halbes Jahr später musste Löbich gehen. Seither kümmert sich Sieber vier Tage die Woche oft bis 21 Uhr abends um Vertrieb und Marketing in Göppingen. Freitags fährt er nach Fürth, um die wenigen Synergien zwischen Bobby-Car und Bahn zu nutzen.

Traditionelle Märklin-Zielgruppe sind ältere Herrschaften, sie steuern über 90 Prozent zum Umsatz bei. Nur beim Einkauf der Motoren in China und der Vermarktung hilft das Know-how des weltweit operierenden Spielwarenkonglomerats. Zumal Sieber mit dem Neuerwerb in ausgetretenes Terrain drängt. Die batteriebetriebene Kunststoffvariante My World soll Drei- bis Siebenjährige begeistern. Zu Weihnachten ist eine TV-Kampagne geplant. Aufmerksamkeit ist dringend nötig, Lego und die Ravensburger-Tochter Brio dominieren das Kinderzimmer längst. "Wir können nicht über Nacht korrigieren, was ganze Generationen verschlafen haben. Offenbar wollte keiner wahrhaben, dass die Zielgruppe langsam wegstirbt."

In Spitzenzeiten bevölkerten 2000 Mitarbeiter die Büros und Fertigungshallen von Märklin, heute sind es noch 470. Ein Teil des Hauptsitzes wird zum Museum. Kosten: 11,3 Millionen Euro. Der Bauantrag ist eingereicht, die Eröffnung für 2019 geplant. An Ausstellungsstücken herrscht kein Mangel. Märklin hat sich noch nie so schnell verändert. Es ist zwar noch immer viel Handarbeit notwendig, um rund 300¿000 Lokomotiven pro Jahr detailgetreu nachzubauen. Sieber lässt aber immer mehr Roboterarme Chassis über Schleifsteine wenden und Löcher für teils nur einen Millimeter große Bauteile bohren. 3-D-Drucker fertigen Muster und Schablonen. Rund 30 Millionen Euro haben die Investitionen bisher verschlungen - und mit ihnen die Euphorie der ersten Stunden.

Der neue Herr am Schaltpult musste feststellen, dass die Expansion jenseits Europas aufgrund starker Konkurrenz und anderer Schienensysteme kaum möglich ist. Das Zahlenwerk war aufgebläht durch üppige Rabatte, mit denen Insolvenzverwalter Michael Pluta und Interimsmanager Kurt Seitzinger Ebit-Margen zwischen 5 und 8 Prozent erreichten. Sieber steuerte um und strich bei den derzeit 800 Neuheiten die Stückzahlen deutlich zusammen. Der Umsatz sank, auf zuletzt nur noch 96 Millionen Euro. "Wir haben uns das Ganze leichter vorgestellt", räumt er ein. "Aber solange die Firma Geld verdient, haben wir es nicht eilig. Es geht darum, eine Traditionsmarke zu bewahren."

Die Erlöswende ist für 2016 fest eingeplant, ein Wachstum von 2 bis 3 Prozent für die Folgejahre vorgesehen. Dazu will Sieber nicht nur Kinder für Märklin begeistern, sondern auch Rentner reaktivieren. Zwei Millionen Eisenbahnen fristen ein freudloses Dasein auf Dachböden. Ab Oktober soll eine breit angelegte Kampagne ihre Besitzer zunächst in Hamburg und Schleswig-Holstein vom Sofa locken.

Märklin, mit 50 Prozent Marktanteil rund doppelt so groß wie der wichtigste Wettbewerber, die österreichische Modelleisenbahn Holding (Fleischmann, Roco), kann im Kerngeschäft nur über Verdrängung wachsen. Aber Sieber hat noch einen anderen Plan. Bald könnte der Traditionsname auf Bohrmaschinen, Schweißgeräten oder Kinderfahrrädern prangen. Die Frankfurter Agentur Alicentia sucht in seinem Auftrag nach Lizenznehmern. Ein Viertel der Umsätze in der Spielwarenwelt werden heute über Lizenzen erzielt, so planen die Siebers etwa, Trickfilme zu produzieren.

Wann Vater Michael seinen Sohn ins Haupthaus holt, ist offen. Der Alte ist kein bisschen amtsmüde, ihn reizt die Umsatzmilliarde. 50 Prozent der Anteile hat er zu gleichen Teilen auf seine Kinder Florian, Christina (27) und Kevin (23) übertragen, ein Viertel behalten. Den Rest teilen sich seine Schwester und die Neffen Maximilian (33), Felix (31) und Stefan Stork (23). Für sie alle soll sich eine Aufgabe neben dem designierten CEO Florian finden. Finanzchef indes wird keiner aus der Familie. Amtsinhaber Manfred Duschl (61), ein Schulfreund von Michael Sieber, arbeitet bereits seinen Sohn Moritz (28) ein.

Damit der Generationswechsel nicht entgleist, werkelt die Familie an einer Konzernverfassung inklusive Beirat. Bisher sorgt ein gemeinsamer Urlaub pro Jahr für den Gemeinsinn in der Sippe. Den zu bewahren wird vielleicht noch schwieriger, als eine malade Modelleisenbahn zu sanieren.

Das Porträt stammt aus der September-Ausgabe 2016 des manager magazins.

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