Sonntag, 9. Dezember 2018

WAZ Zwei aus altem Eisen

Erich Schumann und Günther Grotkamp haben die Essener WAZ-Gruppe zum profitabelsten Medienunternehmen Deutschlands gemacht. Und jetzt wissen sie nicht, wer es künftig führen soll.

Im Grunde ist es auch diesen Herbst wieder so richtig angenehm in Essen; ein bißchen alt zwar und etwas abseits vom Schuß und alles in allem gar nicht schick, doch gerade so gewürzt, wie Günther Grotkamp die Genüsse des Lebens schätzt.

Die Ehe ist in Ordnung, das Geschäft läuft, und alle wundern sich immer noch, was dieser Grotkamp doch für ein prächtiger Kerl ist: so mächtig, ein bißchen alt zwar, gar nicht schick und doch so hintergründig. Und mit einem Ruf gesegnet, der zum Neidischwerden schlecht ist. Und dann denkt Grotkamp bei sich: Gott der Herr erhalte mich noch recht lange in diesem Zustande, daß die anderen sich wundern und ich mich nicht.

Günther Grotkamp ist der strategische Kopf der milliardenschweren Mediengruppe WAZ, des größten europäischen Regionalverlags.

Und dennoch: Diesen Herbst weht so etwas wie der Duft des Unwiederbringlichen durch den Zweckbau an der Friedrichstraße, diesen grauen Ort neben den Bahngleisen, ohne jede Postkartenreife.

Grotkamp ist 71. Und jetzt verkündet er: Spätestens 2000 ist Schluß: "Ich habe eine junge Frau, die ist 55 und will auch noch was von mir haben." Also sucht er seinen Nachfolger. Genauer gesagt: deren zwei. Weil einer allein sein Pensum nicht bewältige. Und weil er schlau ist, wundert er sich nicht, daß er keinen finden kann. Und weil er bescheiden ist, sagt er: "Unersetzlich ist kein Mensch."

Viele meinen: Da täuscht er sich. Mit sprichwörtlicher Advokatenschläue, großem unternehmerischen Geschick und einer gehörigen Portion Brutalität hat Grotkamp in den vergangenen Jahrzehnten den Essener Medienriesen zusammengezimmert.

Grotkamp ist der Architekt des Hauses. Aber er ist nicht der einzige Stratege. Und er ist nicht der einzige, der seinen Nachfolger sucht. Desgleichen tut sein Kommilitone Erich Schumann, noch nicht so lange im Hause, aber auch schon 20 Jahre, und mit 68 Jahren ebenfalls im ruhestandsfähigen, ja -fälligen Alter. Auch er denkt an Abschied. Nun muß das WAZ-Duo die Führungskontinuität im Milliardenkonzern sicherstellen.

Ein schwieriges Unterfangen: Kein zweites deutsches Medienunternehmen ist so auf seine Galionsfiguren zugeschnitten wie das Zeitungshaus an der Ruhr. Die alten Herren von der WAZ, Juristen alle beide, der eine das Alter ego des anderen, beide gelten in der flotten Medienwelt längst als überständig.

Klammern sich da zwei unbesiegbare alte Knaben an ihren Posten fest wie ungezogene Kinder, die nicht ins Bett wollen? Ja, sind die beiden überhaupt zu ersetzen?

Viele haben da ihre Zweifel. Eines ist sicher: Der Abschied der ebenso legendären wie öffentlichkeitsscheuen Konzernherren reißt eine große Lücke. Haben die WAZ-Männer, wie in vielen Familienunternehmen üblich, bei der Regelung der Nachfolge geschlampt – oder geschlafen?

Ach wat, sagen sie. Aber daß da ein 60jähriger wie Bertelsmann-Chef Mark Wössner zwangsweise, nur weil er zufällig 60 ist, aus dem Verkehr gezogen und in den Aufsichtsrat bugsiert werde, das halten sie doch schlicht und grimmig für "Ressourcenverschwendung".

Einer allein hat bei der WAZ nichts zu sagen

Die Verschwendung von Ressourcen steht bei dem sparsamen WAZ-Duo ganz oben auf der Liste der verbotenen Tätigkeiten. Eine gewisse Trübnis durchzieht die Büros; eine Düsternis, die verkündet: Hier wird sparsam gewirtschaftet. Einer, der ging, erinnert sich: Die Atmosphäre habe ihn "fast depressiv gemacht".

Der Bertelsmann-Manager Bernd Kundrun übrigens habe ihm, Grotkamp, mal eröffnet, daß er gern zwei Jahre lang in Essen arbeiten würde: "Um was zu lernen". Na bitte. Da habe er, Grotkamp, ihm angeboten, "mein Nachfolger zu werden". Kundrun lehnte herzlich ab. Der 41jährige ist heute Zeitungsvorstand bei Gruner + Jahr (G+J). Und Grotkamp sagt sich: Siehste, versucht habe ich’s immerhin.

Womöglich hatte Kundrun – wie auch, nebenbei, der ehemalige Springer-Chef Jürgen Richter – einen guten Grund, seine Offerte abzulehnen. Das um die "Westdeutsche Allgemeine Zeitung" hochgezogene Haus ist ein Unikum in der deutschen Verlagsszene. Grund: ernsthafte Mängel in der Gesellschafterkonstruktion.

Als der Konservative Jakob Funke und der Sozialdemokrat Erich Brost 1948 die Lizenz für die "WAZ" erhielten, vereinbarten die Antipoden vorsichtshalber "eherne Parität". Jeder Zweig, so verlangt es der Gesellschaftervertrag, muß in der Geschäftsführung paritätisch vertreten sein. Jede Entscheidung muß einstimmig getroffen werden. Einer allein hat nichts zu sagen. Immerdar.

So etwas geht selten gut. Die gegenseitige Abhängigkeit führte bei der WAZ zu jahrelangen Machtkämpfen. Vom "Dallas an der Ruhr" war oft die Rede.

Über drei Dutzend operativ tätige Gesellschaften mit 11 650 Beschäftigten gehören zum WAZ-Imperium, diverse Zeitungen und Zeitschriften ("Echo der Frau", "Frau aktuell"), Druckereien und Filmproduktionsfirmen, Anzeigenblätter und Radiostationen.

Mit ihrer Beteiligung von 10 Prozent an Europas größtem Privatfunkkonzern, der CLT-Ufa (unter anderem RTL, Premiere) rückte die Zeitungsgruppe endgültig zum international tätigen Medienkonzern auf. Die WAZ zählt heute zu den publizistisch einflußreichsten und finanzkräftigsten Medienunternehmen Europas.

Die "Moneymaker" aus dem Kohlenpott

Im vergangenen Jahr setzte die Gruppe, bislang gut gehütetes Geheimnis, 3,796 Milliarden Mark um. Größer als die WAZ sind hierzulande nur Bertelsmann (nebst Tochter G+J) und der Springer Verlag.

Mit grinsender Achtung und gut gespieltem Respekt betrachten die Ruhrgebietsmanager die verlegerischen Anstrengungen der Konkurrenz.

Es gehört zur Politik der WAZ-Strategen, niemals Geschäftszahlen zu nennen. Aber es gehört zur Eitelkeit der umtriebigen Manager, die Verschwiegenheit nicht zu weit zu treiben.

Im Zeitungsgeschäft dürften die beiden eine Rendite auf den Umsatz von konkurrenzlos hohen 30 Prozent erwirtschaften. Insgesamt könne man die Umsatzrendite der WAZ, sagen sie, auf gut und gern 20 Prozent veranschlagen. "Wir arbeiten auskömmlich", sagt Grotkamp und grinst. Und Schumann nickt und hilft ihm beim Grinsen.

In Wahrheit sind es vielleicht 1, 2 Prozent weniger. Aber immerhin: Kein zweites deutsches Medienhaus vergleichbarer Größe erreicht diese Profitabilität. "Moneymaker" nennt der ebenfalls zur Öffentlichkeitsscheu neigende Stuttgarter Großverleger Dieter von Holtzbrinck seine Kollegen aus dem Kohlenpott.

Das laufende Geschäftsjahr, kündigt Schumann an, wird "das wirtschaftlich erfolgreichste unserer Geschichte".

Nach dem Verkauf des Papierherstellers Holtzmann & Cie. (Umsatz: rund 700 Millionen Mark) für 1,17 Milliarden Mark und der erstmaligen Konsolidierung des CLT-Ufa-Pakets (circa 600 Millionen Mark) erwarten die beiden in diesem Jahr einen Umsatz von knapp 4 Milliarden Mark. Für einen regional verankerten Verlag eine stolze, eine einmalige Bilanz.

Den Unternehmenswert der WAZ beziffern sie auf etwa sieben Milliarden Mark. "Murdoch", feixt Grotkamp, "würde für uns einen wahnsinnigen Preis bezahlen." Nicht nur der: Bertelsmann, im Zeitungsgeschäft noch ohne besondere Fortüne, vermutlich auch. "Aber wir verkaufen nicht", sagt Schumann, als könne er sich vor Angeboten nicht retten.

Grotkamp und Schumann sind nicht nur Chefmanager, sie sind auch Miteigentümer des Verlagshauses. Schumann durch Adoption, Grotkamp durch Heirat. Und wie die Gründer sind auch sie, von fern betrachtet, Antipoden.

Schumann war einst juristischer Berater von Wehner und Brandt und ist eingeschweißtes SPD-Mitglied; er vertritt den Brost-Clan. "Der Genosse Erich Schumann", notierte der "Spiegel", "ging im Kapitalismus auf die Überholspur."

Grotkamp, er ein konservativer Kirchenfreund, wurde von der Funke-Truppe abgestellt. Eine zunächst ganz spezielle Mesalliance. Beide brauchten Jahre, um sich aneinander zu gewöhnen. Das allerdings taten sie dann gründlich. Heute sind sie faktisch unzertrennlich.

Das WAZ-Duo steckt im Nachfolgestau

Wenn eine Doppelspitze funktioniert, dann besser, wenn nicht, dann schlechter als ein Alleinentscheider. Gleichwertig zu ersetzen sind solche Paare nie. Doch, leider, auch in ihren eigenen Sippen finden Grotkamp und Schumann niemanden von unternehmerischem Kaliber.

Schon vor zehn Jahren stöhnten Mitglieder des Funke-Clans: Die WAZ sei eines der "schwerst zu führenden Verlagsunternehmen". Schon vor zehn Jahren kündigten die beiden Chefs intern an: Jetzt sei es an der Zeit, Nachfolger aufzubauen.

Seither hat sich der Konzernumsatz mehr als verdoppelt. Aber Führungsstruktur und Unternehmensorganisation sehen noch fast so aus wie vor 20 Jahren. Das Abtreten, dies ist gewiß, fällt den beiden vor lauter Glanz und Gloria herzlich schwer.

Schumann, immerhin, berief jüngst Bernd Nacke (54), den Statthalter der österreichischen WAZ-Geschäfte, zu seinem, wie er sagt, "Juniorgeschäftsführer". Eine Zeitlang wollen Schumann und Nacke die Brost-Gruppe gemeinsam vertreten.

Die Entscheidung, wann er sich endgültig zurückzieht und einem Jüngeren Platz macht, möchte aber auch Schumann dem "lieben Gott" anheimstellen.

So weit ist der drei Jahre ältere Grotkamp noch nicht. Seit Monaten durchkämmen Headhunter erfolglos die Chefetagen deutscher Medienkonzerne. Bislang ohne Erfolg. Das WAZ-Duo steckt im Nachfolgestau.

Wie die Führungsbalance künftig aussehen wird – ungeklärt. Wie die Neuen gegenüber ihren Vorgängern, Legenden zu Lebzeiten, ein eigenständiges Profil gewinnen können – völlig offen. Ob die alten Konflikte zwischen den Gesellschaftergruppen wieder aufbrechen – ungewiß.

Während Schumann sich mit Golfspielen und der Jägerei noch rechtzeitig eine Existenz jenseits der Friedrichstraße aufgebaut hat, wirkt Grotkamp bisweilen wie der verkörperte Trennungsschmerz: Was tun, wenn Schluß ist? Mag jeder Mensch ersetzbar sein – vielleicht ist er, Grotkamp, seit 38 Jahren an Bord, ja wirklich unverzichtbar?

Der WAZ-Konzern ist horizontal diversifiziert. Bei den Tochterfirmen sitzen Grotkamp oder Schumann in der Geschäftsführung. Ein starker Betriebsrat wurde so verhindert – ein starker Führungsnachwuchs allerdings auch. In der Konzernspitze finden sich nur noch Hauptabteilungsleiter und Abteilungsleiter. Ende. Keine Verlagsdirektoren. Keine Stäbe. Kein Pressesprecher. Keine Assistenten. "Wir arbeiten selbst", erklärt Grotkamp. Die Entscheidungswege sind kurz, die Aktenberge hoch, die Overheadkosten gering.

Fluch der Two-Men-Show, Folge der flachen Hierarchien: Intern verfügt niemand über das Format jenes "General Managers", der sich, wie Grotkamp verlangt, "hochgearbeitet hat und eine Lebensleistung vorweisen kann".

Und wer diesem Anspruch genügt, der mag zögern, den Job in Essen anzutreten. Juniorgeschäftsführer Nacke, sagt Schumann, habe "das Wichtigste" begriffen: nämlich "daß 50 Prozent nur 50 Prozent sind". Allein ist er nichts.

Während Manager etwa bei Bertelsmann oft Jahre im voraus auf Führungsverantwortung getrimmt werden, hat die WAZ dies sträflich vernachlässigt. Überdies ist die "bedeckte Kultur des Hauses" ("WAZ"-Chefredakteur Ralf Lehmann) für auswärtiges Toppersonal wenig verlockend. Bilanzen werden von den Ruhrmanagern nicht veröffentlicht, Pressekonferenzen finden nicht statt, Interviews bleiben die Ausnahme.

Bei den Führungskräften der Wirtschaft hat die WAZ nur geringes Ansehen (Imageprofile, mm 2/1998). Die beiden Vorleute scheinen diesen Zustand zu genießen.

"Wir haben keine Visionen", freut sich "Genosse WAZ-Direktor" (Branchenspott) Schumann. "Visionen sind gefährlich", raunt Grotkamp. Hoch hinaus wollten sie schon immer, sehr hoch. Aber nicht mit Gerede.

Ihre Lebensleistung ist eine virtuose Darbietung, die keinen politischen oder weltanschaulichen Zwekken dient, sondern nur der Expansion. Und die somit in die Sparte reine Geschäftemacherei fällt.

Zum Journalismus als solchem fehlt beiden der Zugang. Aber sie machen nicht den Eindruck, als hätten sie ihn je vermißt. "Für uns sind Zeitungen gewerbliche Objekte, die Gewinn abwerfen müssen", sagt Grotkamp. Als andere Verleger noch über die aufkommende Konkurrenz kostenloser Anzeigenblätter wehklagten, war er mit diesen bereits dick im Geschäft. Heute ist er Marktführer.

Im Geschäftsleben pflegt der fromme Grotkamp die rüde Methodik. Er hat nur ein Ziel: Größe. Privat eher von barocker Statur, hat er seinen Verlagsdarwin gelesen: Der Starke knackt den Schwachen. Die WAZ wuchs durch Einverleibungen.

Die hinter glitzernden Verlagsfassaden so gern kultivierte Aura academica haben die WAZ-Männer eingetauscht gegen schmuckloses Vokabular und einen gutsortierten Werkzeugkasten zur beschleunigten Firmenübernahme. Immer wenn der pressescheue Grotkamp, wie er sagt, "ordentlich ranging", pfiffen Holzsplitter und Stuckbrocken durch die Luft wie Fäuste bei einer irischen Hochzeit.

Bei seinen Streifzügen durchs Revier verwickelte er die Konkurrenz in wüste Preiskämpfe, er attackierte sie mit gnadenlos umfangreichen Lokalausgaben bis zur Übernahmereife.

An florierenden Verlagen zeigen die beiden auch heute noch so wenig Interesse wie Jäger an Nerzen mit Seidenfutter und Preisschild. Die WAZ kauft keine Sanierungsfälle. Sie kauft "reparaturfähige Unternehmen".

Vor Verlegern in Wanne-Eickel soll Grotkamp, Jahre her, ausgerufen haben: "Leute, verkauft jetzt. Wenn wir euch noch mehr an die Wand gespielt haben, kriegt ihr nichts mehr."

Bei Reparaturreife schreitet Grotkamp, geradezu mordsmäßig hundsgemein, zur allfälligen Übernahme. Mit der Rührung, zu der ein 71jähriger imstande ist: "Sie finden in ganz Deutschland keinen, der uns nachsagt, wir hätten ihn über den Tisch gezogen."

Die nachhaltigsten Dauereinsätze absolvierte der von Kollegen als "General" titulierte Grotkamp in den 70er Jahren: Damals kaufte er, ohne Ansehen der politischen Couleur, die konservative "Westfalenpost", das SPD-Blatt "Westfälische Rundschau" und schließlich die "Neue Rhein/Neue Ruhr Zeitung". Nach der Maueröffnung legte sich die WAZ weitere Zeitungsauflage in Thüringen zu.

Kein zweiter Verlag wurde je so angefeindet

Mit seinen Gazetten erreicht das Medienhaus eine tägliche Auflage von etwa 1,7 Millionen Exemplaren. Es kontrolliert 40 Prozent des Marktes in Nordrhein-Westfalen. Die Keimzelle "Westdeutsche Allgemeine Zeitung" (Druckauflage: 650 000 Exemplare) ist die größte Regional- und Abozeitung der Republik.

Dank ihrem raumgreifenden Tun und zahllosen gerichtlichen Scharmützeln mit Wettbewerbern haben sich die Essener Mediengewaltigen einen bunten Fächer an Beschimpfungen redlich erarbeitet und ehrlich verdient.

Bei Gewerkschaftern gelten die Ruhr-Tycoons als "ökonomische Scharfrichter". In einem Hearing des Düsseldorfer Landtags wurde der WAZ-Gruppe in den 80er Jahren vorgeworfen, sie sei "nur durch brutalen Machtmißbrauch zusammengeschmiedet" worden. Gern wird die WAZ-Gruppe mit einem "Kraken" verglichen.

Grotkamp glaubt privat an den Herrn und geschäftlich an den Stärkeren. Ein Mann der Tat, dessen Unternehmungen die Tragweite und Unerbittlichkeit von Naturprozessen haben. Motto: Dies ist ein freies Land. Erledige, wen du willst. Aber tu’ es ohne Haß im Herzen.

"Hart sind wir nie gewesen", befindet Grotkamp, ein bißchen expansionserschöpft. Er neigt so wenig zur Selbstquälerei wie sein Kompagnon. Der fügt hinzu, fast Abbitte leistend: "Hart nicht, nur konsequent".

Politisch hielt sich das Medienhaus aus dem Kohlenpott entweder heraus oder, klugerweise und wennschon – dennschon, auf SPD-Höhe. Die beiden Konzernherren besitzen ein feines Gespür für Synergien. Die Drähte in die Düsseldorfer Staatskanzlei sind stabil und gut und innig und, auch das noch: profitabel. Die Mediengesetze in Nordrhein-Westfalen tragen den Stempel "made by Schumann".

Seine fröhliche Wissenschaft vom hohen Ertrag entwickelte Grotkamp auf Basis einer relativ schlichten Arbeitsteilung: des sogenannten WAZ-Modells.

Das WAZ-Modell wurde zum Exportschlager

Das WAZ-Modell sieht vor, daß alle Redaktionen unabhängig arbeiten, bisweilen gar untereinander konkurrieren. Verwaltung und Druck hingegen, Vertrieb und Anzeigenverkauf sind zentralisiert. Auf einem weitgehend monopolartig beherrschten Anzeigenmarkt erzielt die WAZ mit diesem Modell konkurrenzlos hohe Gewinne.

Politik hin, Profite her, Ethik fast beiseite: Das WAZ-Modell wurde zum Exportschlager. Zuerst in Österreich, wo sich die WAZ vor elf Jahren im Handstreich und für insgesamt 345 Millionen Mark zunächst an der "Neuen Kronen Zeitung" und später am "Kurier" beteiligte.

Heute setzt der Wiener WAZ-Ableger Mediaprint 965 Millionen Mark um und kontrolliert den österreichischen Zeitungs- und Vertriebsmarkt.

Schumanns "Juniorgeschäftsführer" Bernd Nacke kurbelte von hier aus die Osteuropa-Geschäfte an. Übernahmen in Ungarn und Bulgarien folgten. In Kroatien wird verhandelt.

Die Kritiken? "Sie zeigten uns" – Grotkamp setzt ein Lächeln auf, als wolle er jemanden segnen –, "daß wir offenbar erfolgreich waren." Einen "Einmarsch" meldete das "Handelsblatt", eine "Verwazung der Presselandschaft" befürchteten österreichische Kollegen. Der Bulgarische Zeitungsverband bellte: "Deutscher Blitzkrieg ruiniert die bulgarische Presse."

"Wadenbeißer" nennt der Heidenkrawallmacher Grotkamp all diese Verlierer. Überall Wadenbeißer, wohin die WAZ auch immer kam. "Aber was kümmert es den Mond", sagt der Mann kurzzeitig ganz hingerissen, "wenn der Hund ihn anbellt." Na was?

Heute haben sich, zumindest in Deutschland, die Anwürfe längst in einer Brühe süßsaurer Huldigungen aufgelöst. Im schwierigen Zeitungsgeschäft gilt das darwinistisch angehauchte Modell der Kohlenpott-Manager mancherorts als wegweisend.

Viele kopieren es, so der Kölner Verleger Alfred Neven DuMont("Kölner Stadt-Anzeiger"). "Der Neven DuMont war einer der schlimmsten Wadenbeißer", berichtet Grotkamp, diesmal nahezu sentimental. "Und heute sagt er: Eigentlich habt ihr’s richtig gemacht und nicht wir."

Glorreiche Vergangenheit, aber ungewisse Zukunft. Was kommt nach Grotkamp und Schumann? Kann irgendeine Doppelspitze in Essen je wieder so gut funktionieren wie diese?

Die beiden Unternehmensführer haben den eisernen Grundsatz der Parität längst in ein "Prinzip der Simultanität" (Schumann) sublimiert. Sie fallen sich ins Wort, führen Sätze und Gedanken des anderen zu Ende – wie ein altes Ehepaar.

Gewiß, die alten Vorurteile werden von beiden trefflich gepflegt. Bei Verhandlungen schlüpfen sie schon mal in diese effizienzsteigernden Rollen: daß Schumann den Milden, Grotkamp den Wilden markiert. "Die werfen sich perfekt die Bälle zu", klagt ein WAZ-Opfer.

Viel Zukünftiges haben die Altmeister erwogen – und alles wieder verworfen. Ein Verkauf des Konzerns komme nicht in Frage. Ebensowenig die Umwandlung in eine Aktiengesellschaft. Eine AG ist für die Schnellentscheider das nackte Grauen: "Warnendes Beispiel" sei der Springer Verlag. Und G+J hätte die Rechtsform der AG doch nur gewählt, "damit die Herren Vorstände sich Vorstände nennen können".

"Die ärmsten Schweine", sagt Grotkamp, seien doch Vorstände, die um ihren Vertrag bangten. Und bangen würden die alle. Jessas, "im dritten Jahr werden die nervös".

Als die Funke-Erben schließlich den Umbau des Konzerns in eine veritable Holding samt Aufsichtsrat anregten, redeten Grotkamp und Schumann ihnen das gemeinsam wieder aus. "Das hätte unsere Schlagkraft vermindert", behauptet Schumann. Man schätzt den direkten Durchgriff – und schwache Betriebsräte. Die horizontale Organisation des Hauses soll erhalten bleiben. Und alles andere möglichst auch.

Die Führungsstruktur der WAZ-Gruppe habe sich als ein "stabilisierendes Element" bewährt. "Natürlich ist es schwierig in unserem Haus", bekennt Schumann. "Aber überall ist es schwierig."

Ihre Nachfolger, meinen sie, hätten es ja sogar relativ leicht: Sie müßten sich nur mit dem Sprecher ihrer Gesellschaftergruppe verstehen – und das seien dann ja vermutlich sie selbst. Und so scheinen sie zu hoffen, daß die Dinge sich auf wunderliche Weise vielleicht von ganz allein fügen. Oder daß sie ewig leben?

Einen Traum würden sich die beiden vor ihrem Abgang noch gern erfüllen: den Kauf einer stolzen, renommierten, vor allem nationalen Tageszeitung. Die WAZ-Kriegskasse ist voll. Mindestens 20 Prozent der Gewinne müssen laut Gesellschaftervertrag thesauriert werden.

Seit Jahren wird ihnen eine "unglückliche Liebe" zur "Süddeutschen Zeitung" nachgesagt. Sie dementieren: "Unglückliche Lieben haben wir nur zu Frauen – wenn überhaupt", frohlockt Schumann.

Aber man schätze die "Süddeutsche". Und außerdem, lassen sie durchblicken, könne man den Münchner Verlag auch viel profitabler führen. Das Angebot von 1,1 Milliarden Mark stehe: "Vielleicht würden wir sogar ein bißchen was drauflegen."

Sie geben die Hoffnung nicht auf: "Es ist wie bei der Jagd", sinniert Schumann, "man muß ganz ruhig sein und schon im voraus wissen, in welche Richtung man schießen wird ..." Grotkamp ergänzt: "... und dann muß man treffen."

Alles sehr angenehm in Essen. Auch diesen Herbst wieder. Alles fast wie früher. Nur, früher blieb viel mehr Zeit.

© manager magazin 12/1998
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