Samstag, 25. Juni 2016

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Elektroautos Unter Strom - wie Tesla den Automarkt aufmischt

Elon Musks Traumfabrik: Wo Teslas Model S entsteht
Fotos
Winni Wintermeyer für manager magazin

Der US-Elektroautohersteller Tesla hat einen Blitzstart hingelegt, die Aktie ist völlig losgelöst. Nun kommen die kalifornischen Elektrohitzköpfe mit ihrem Model S nach Europa. Eine Fabrikbesichtigung.

Hamburg - Oberinspektor Passin steigt über die Treppe auf die Gitterbrücke, bezieht Posten auf dem Rost in zwei, drei Metern Höhe, blickt auf das Montageband und brabbelt irgendwas vom "amerikanischen Traum" und von der "Verantwortung für die internationale Autoindustrie" und von der Mission, auf der er und die 2500 oder 3000 Leute sich hier befänden oder was weiß er, wie viele es nun mittlerweile wirklich sind.

Draußen vor dem Fabrikgelände, ein gutes Stück außerhalb von Fremont, streicht der Verkehr auf dem Asphaltband des Nimitz Freeway vorüber, der die Stadt im Süden mit San José im Silicon Valley und im Norden mit Oakland, Berkeley und San Francisco verbindet.

Und die Sonne lacht, und der Himmel ist ganz Bläue und Gold, und die Bucht von San Francisco ist so nah, dass man den Tang fast riechen und die Wellen plätschern hören kann. Im Osten erheben sich grasig-kahle Anhöhen, deren Bodenwellen am Nachmittag große Schattenspiele aufführen, keine Hügel mehr, aber auch noch keine richtigen Berge.

Auf ihrer Rückseite, eine halbe Autostunde entfernt, liegt Pleasantville: Hier wohnt Passin mit Frau und Tochter in einem properen Haus am Flagstone Drive.

Aber jetzt steht er hier auf der Gitterbrücke, die treffenderweise "the bridge" heißt, und unter ihm, in Zug und Kolonne, schnappen langhalsige, knallrote Gelenkarmroboter jeweils zu viert und in phasenstarrem Gleichlauf nach den Aluminiumkarosserien des Model S: picken an ihnen herum wie Eisenflamingos, die nach Muscheln prokeln.

140 Roboter schweißen, stanzen, nieten und montieren

140 dieser Automaten sind bei Tesla Motors Inc. Börsen-Chart zeigen im Einsatz: messen, schweißen, stanzen, nieten, montieren, fotografieren und setzen nach der 3-D-Aufnahme noch die Fenster in die Dachrahmen, die sie mit Klebepistolen versiegeln, und zwar in einem Affenzahn und ohne es je leid zu werden. Passin erwartet nicht, dass etwas nicht stimmt. Aber man soll ja immer nachsehen.

Während vier Roboter ein Gehäuse ans folgende Quartett weiterdrücken, wird ihnen schon das nächste untergeschoben: ein Corps de Ballet aus Eisen. Und Passin betrachtet es mit stiller, lebhafter Befriedigung, als seien die 140 Roboter 140 Weiber mit Musik in den Hüften.

"Hier bauen ...", schnalzt er, "hier werden ...", nuschelt er, "hier ..." stockt er und lächelt säuerlich, als sei eines seiner Girls aus dem Takt geraten, beugt sich übers Geländer, späht nach links, rochiert, schielt nach hinten, murmelt irgendein franko-amerikanisches Kauderwelsch und sagt: "Naugenblickma".

Der Blick des 52-Jährigen verliert sich im Leeren, geht über das Montageband hinaus, weit in die Ferne, durch die Fabrik hindurch, über die Kimm, bis ans Ende der Welt, als folge er sorgfältig einem langen Gedankengang: Gilbert Passin, ein empfindlich organisierter Mensch, steht da wie angelötet und als brauchte man eine Rohrzange, um ihn von der Brücke herunterzuholen.

"Hab' den Eindruck, dass es da ...", er zeigt mit dem Kinn auf eines der Roboterquartette, "... einen Tick zu lange dauert, kann mich auch täuschen, muss ich mir nachher mal angucken", sagt er mit einer Stimme, die sich wegen ihres französischen Gepolters und Geklingels so anhört, als hätte sich ein Synchronstudio einen Spaß mit ihm erlaubt.

Passin ist ein Mann der Mechanik: sieht überall Reihen- und Abfolgen, Verläufe und Hergänge, so wie Schachprofis überall Springerzüge sehen. "Wir lieben schöne Maschinen", sagt er unvermittelt, wendet den Kopf und strahlt: "Wir lieben Technik, wir lieben das Neue!" Er steht da auf der "bridge": Ein Käpt'n auf großer Fahrt nach Übersee.

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