Freitag, 14. Dezember 2018

Designer Thom Browne Guter Mann in Hotpants

Thom Browne: Hochwasserhosen und Schrumpfjacketts
Evan Kafka für manager magazin

Nach Meinung von Fans und Fachleuten hat der Amerikaner Thom Browne das Zeug zum neuen Weltstar der Luxusmode. Ein Besuch bei einem Günstling des Glücks, der seinem Stil seit Jahren treu bleibt.

New York - Die Spannung war recht groß in New York, was sich Thom Browne zu seiner ersten Schau für Frauenmode wohl einfallen lassen würde. Man ist von dem 47-jährigen Amerikaner allerhand gewohnt: Mannequins auf Schlittschuhen, auf Stelzen, in Särgen; auch Synchronschwimmer und Faune und Weibsmänner in Röcken und Wesen mit Straußenfedern hat Browne schon vorgeführt. Aber eben noch keine Frauenkollektion, jedenfalls keine auf dem Laufsteg mit allen Schikanen.

Seine Galapremiere setzte der Mann an einem Februarabend während der örtlichen Modewoche in Szene, und zwar im Center 548, einem dreistöckigen ehemaligen Rotklinkerlagerhaus im Schwulen- und Galeristenviertel Chelsea.

Weil es sich um die Herbst-Winter-Kollektion handelte, hatte Browne in dem Großloft eine Mondscheinlandschaft nachgebildet mit falschem Schnee und echtem Gesträuch und Feld- oder Irrenhausbetten, auf denen Männer in grauen Anzügen lagen: Die Augen mit roten Satinbändern verbunden, die Handgelenke an die Bettgestelle gefesselt, Dornenkronen auf dem Scheitel. Das sah schon mal gar nicht so schlecht aus, zumal der Papst an diesem Tag seinen Rücktritt angekündigt hatte, was der ganzen Versammlung automatisch einen richtig schönen übergeordneten, fetischisten Aspekt verlieh.

Noch schärfer wurde es, als die 31 Mädchen gemessenen Schritts vorbeizockelten, aber wohl doch eher schwebten: Lange, ernste, geisterhafte Fräuleins mit Glanzschleiern im Blick und toupierten Hochfrisuren, aufgedonnert wie japanische Kabuki-Pantomimen. Jede hielt drei, vier, fünf, sechs Rosen in der Hand, mit deren Blüten sie, entrückt und gedankenfern, über die Körper der Anzugmänner strichen und sich ihren Teil dabei hoffentlich dachten. Das war Gothic & viktorianischer Dark-Wave meets Schneewittchen. Die Klamotten? Allesamt große Klasse: Zuerst viel in Grau, dann viel in Blutrot und Grau, als gäbe es nur diese zwei Farben.

Ponchos, breit wie Sofas

Man sah Ponchos breit wie Sofas und Röcke, unter deren Gewölben Kardinäle mit ihren Murmeln hätten spielen können. Nach einer halben Stunde aber war alles viel zu schnell vorbei, und hinter der letzten Vorführdame trabte nun Thom Browne umher, der Créateur, in seiner Schicksalskluft: dem Thom-Browne-Schrumpfanzug mit den Hochwasserhosen und dem Sakko, das den Hintern freilässt. Beifall und "Bravos!" allenthalben.

Browne sei auf dem Weg "ins Pantheon der Modedesigner", seufzte die "New York Times" glasig vor Präzision; "wundervoll", keuchte Valerie Steele vom Fashion Institute of Technology, und die Schauspielerin Sandra Bernhard nachtigallte auf Twitter: "Entwaffnend, schockierend und inspirierend, kompromisslos und schön."

Ein paar Tage später sitze ich mit Browne im Hinterzimmer seines Ladens in der Hudson Street in Tribeca. Er hat es sich in einem grauen Sessel bequem gemacht, die Füße nebeneinandergestellt, die Arme auf den Lehnen, als würde der Sessel gleich losfahren. Was es mit der Schau eigentlich auf sich gehabt habe und mit den Typen auf den Betten? "Nichts Bestimmtes", grummelt Browne, "gar nichts". Er ist ein ruhiger, stiller Typ mit sanften Augen, freundlichem Lächeln und schönen weißen US-Zähnen.

Von seinem Job macht er wenig Aufhebens. An kulturkritischen Überlegungen zeigt er sich nicht interessiert: "Ich betrachte Mode nicht als so überhöht und wichtig." Hauptsache, sie bleibt frei von störenden Weltbezügen. Was übrigens der Grund sei, warum er Rei Kawakubo von Comme des Garçons für "die Beste" halte: "Mir gefällt es, wenn jemand rein gestalterisch denkt."

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