Freitag, 16. November 2018

Deutschland 2025 Die fetten Jahre sind zurück

Deutschland 2025: Zweites Wirtschaftswunder
Dirk Schleef für manager magazin

8. Teil: Gesamtmetall-Chef Dulger: Kleinmut gilt nicht

"Ich halte das für ambitioniert, aber nicht für unrealistisch." Rainer Dulger (49) hat sich im Sessel vorgebeugt, um seinen Worten unter Einsatz seines Zwei-Meter-Körpers physisch Nachdruck zu verleihen. "Wir müssen alles tun, was uns diesem Ziel näherbringt." Natürlich weiß er auch nicht, ob es zu schaffen ist. Aber der Versuch kann doch nicht strafbar sein!

Kleinmut gilt nicht - Dulger verkörpert den Zeitgeist des industriellen Mittelstands prachtexemplarisch. Seit September ist er Präsident von Gesamtmetall und damit Deutschlands wichtigster Arbeitgebervertreter. Ein Mann des straffen Auftritts, Maßanzug, Gel im Haar, die ganze Welt im Blick: Das Heidelberger Familienunternehmen Prominent Dosiertechnik (2300 Mitarbeiter, 300 Millionen Euro Umsatz) unterhält rund um den Globus 50 Vertriebstöchter und zwölf Produktionsstätten.

Dann zählt Dulger die Potenziale des Landes auf: Von den über 60-Jährigen arbeiten heute doppelt so viele wie vor zehn Jahren, und es können noch viel mehr werden. Frauen drängen nicht nur mit Macht in Führungspositionen, ihre Erwerbstätigkeit steigt. "Der Staat muss aber noch viel mehr für die Kinderbetreuung tun." Mehr als 50.000 Jugendliche verlassen jährlich die Schulen ohne Abschluss. "Das können wir uns nicht mehr leisten. Die Betriebe müssen helfen, sie sozial zu integrieren." Ihm jedenfalls sei nicht bange vor der Arbeitskräfteknappheit, sagt Dulger.

Die verkorkste Energiewende

Und dann erst Europa: Deutschland erlebt derzeit die größte Einwanderungswelle in den Arbeitsmarkt seit 1973 (siehe mm 1/2013). Das sei erst der Anfang, glaubt Dulger. "In Europa entwickelt sich ein grenzüberschreitender Arbeitsmarkt. In 15 oder 20 Jahren werden wir die Grenzen kaum noch spüren."

Auch da ist noch einiges zu leisten: Von der Harmonisierung der Bildungsabschlüsse bis zur gegenseitigen Anerkennung von Sozialversicherungsansprüchen - bürokratische Blockaden durchziehen die europäischen Arbeitsmärkte noch reichlich.

Der zweite große Unsicherheitsfaktor der deutschen Wirtschaft - die verkorkste Energiewende - dürfte nur zu deutlich höheren Kosten behebbar sein. Schon jetzt leidet die heimische Wirtschaft unter hohen Energiepreisen. Gas und Strom kosten die Unternehmen ein Fünftel mehr als im EU-Durchschnitt. Im Vergleich zu den USA ist der Gaspreis gar mehr als viermal, der Strompreis doppelt so hoch. Geht's noch? Ja, es geht sogar noch teurer.

Denn die Wendelasten steigen laut McKinsey bis 2020 auf 29,2 Milliarden Euro per annum. Für erneuerbare Energien und Stromnetze muss dann mehr als doppelt so viel bezahlt werden wie 2011.

Vor allem die energieintensive Industrie ist betroffen: Papier, Metall, aber auch die Chemie mit einem Energiekostenanteil an der Bruttowertschöpfung von stattlichen 15 Prozent.

Doch der Energiepreisschock wird Deutschland nicht deindustrialisieren. Die neue Strom- und Gaszeit bietet nämlich auch Chancen. Die Chemie zum Beispiel könnte McKinsey zufolge weltweit an Märkten mit zusammen rund 90 Milliarden Euro Umsatz partizipieren, etwa indem sie Dämmstoffe oder Lithium-Ionen-Batterien herstellt. Alles in allem könnten mit Energieeffizienzinvestitionen bis 2020 rund 850.000 neue Jobs in Deutschland geschaffen werden.

© manager magazin 4/2013
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