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13.11.2012
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Meißen-Chef Christian Kurzke
Narziss mit Goldrand

Von Sibylle Zehle

Das weiße Gold: Porzellan-Manufaktur Meissen
Fotos
Alex Trebus für manager magazin

Christian Kurtzke, Chef der Staatlichen Porzellan-Manufaktur Meissen, muss seinen Visionen jetzt Taten folgen lassen. Der alerte Manager aus dem Westen führt die 300 Jahre alte sächsische Manufaktur in eine neue Zeit. Nicht jedem gefällt das.

Meißen/Mailand - Bedächtig ziehen die Elbkähne flussabwärts, an Pappeln und Gehöften vorbei. "Rasthaus zum müden Wandersmann" heißt ein Lokal ("11 Uhr Mittagstisch"), und am Straßenrand gibt es "frische Gurken". So dehnt sich der Weg gemächlich nach Meißen.

"Sehen Sie? Von Dresden nach Meißen fahren Sie nahezu eine Stunde ...", sagt der elegant gekleidete Mann auf dem mit goldfarbener Seide bezogenen Sofa, "Einkäufer aus Asien krieg' ich da doch gar nicht erst hin!" Das erste Treffen mit Christian Kurtzke (43), Vorsitzender der Geschäftsführung der Manufaktur Meissen, findet darum auch nicht in Meißen (schreibt sich im Gegensatz zum Unternehmen mit einem scharfen "S"), sondern in Mailand statt, an der mondänen Via Montenapoleone, in einem mit Samt und Seide ausstaffierten Salon.

Die "Villa Meissen" ist Kurtzkes Inszenierung. Er hat den grandiosen Palazzo aus dem 16. Jahrhundert im exklusiven "Triangolo d'Oro", zwischen den zwölf goldenen Gassen, entdeckt, gemietet, bis zur letzten Deckenfreske restauriert und ihn während des "Salone Internazionale del Mobile", einer der wichtigsten Interior-Messen der Welt, eröffnet. Acht Themenräume, die zeigen, was Meissen heute sein will: eine europäische Luxusmarke.

Und welch eine Bühne für diesen Mann! Er spricht rasend schnell, oft sehr hoch, dann moduliert er wieder sanft und fällt in eine Art Minister-Rösler-Singsang. Durch die Villa führt er mit Emphase. Wer macht noch solche Kissen? Diese Paspeln, diese Kordeln - sehen Sie doch, allerbeste Qualität! Wo gibt es solchen Schmuck? Ein Ring mit Schneeballblüten! Genau wie auf der Meissener Schneeballblütenkanne von 1739. Er zieht Schubladen auf ("ganz mit Leder ausgeschlagen!"), zeigt Tassen mit glatter, glänzender Oberfläche ("das ist wirklich Gold") und vergisst am Ende auch die mit Platin belegten Wandfliesen vor der Toilette nicht - "alles Meissen!"

Kurtzke fühlt sich August dem Starken verpflichtet - und Biedenkopf

Das Drachenmuster, eingewebt in purpurfarbenen Brokat, kommentiert er wie jemand aus der Modebranche - nicht wie ein studierter Elektroingenieur, der er eigentlich ist. "Ich hab ein Gespür dafür, ob eine Farbe gut ankommt oder nicht. Egal ob Seidentuch oder Porzellan, ich spür's intuitiv, wie es sich verkauft. Die Zahl erscheint mir einfach. Ich kann fast auf die Nachkommastelle beziffern, wie viel Umsatz wir damit machen, erschreckend genau."

Mitunter scheint ihn seine eigene Rhetorik davonzutragen. Schauen wir mal genauer hin. Die Haare sind gegelt. Anwalt-/Investmenbanker-Look. Die Socken zu kurz für den sonstigen noblen Habitus. Das Lachen manchmal ein wenig zu breit. Sein Gegenüber schüttet er zu mit einem Berater-/Marketing-Sprech. Immer auf höchstem Niveau.

Außer Kurt Biedenkopf, seinem Aufsichtsratschef, der einst die Manufaktur aus der Treuhand löste, weil er es nicht riskieren wollte, die Zukunft dieses Kulturgutes privaten Investoren zu überlassen, fühlt sich Kurtzke nur noch August dem Starken verpflichtet, dem Gründer der Manufaktur. "Wäre das in seinem Sinne?" - das frage er sich oft. August habe sich zu seiner Zeit mit den bedeutendsten Höfen in Frankreich, Italien und China verglichen. So müsse auch er denken. August und ich.

Genauso aber lässt sich in der Mailänder Villa beobachten, dass Kurtzke ein zuvorkommender Gastgeber ist, ein Chef mit gutem Auftreten, der einen höflich-charmanten Umgang mit Kunden pflegt. Im Ausland kommt er an, ist beliebt, auch seiner perfekten Sprachkenntnisse wegen. Nicht nur Armando Branchini, Präsident von Eccia, dem europäischen Dachverband der Luxusbranche, hat den smarten Kollegen Kurtzke schätzen gelernt, der seit 2011 als Präsident dem deutschen Meisterkreis vorsteht.

Warum die Villa in Mailand? Noch vor einem repräsentativen Auftritt in der Heimat, in Dresden? "Die Reihenfolge ist bedacht. Ich brauche Mailand als Tor zur Interior-Welt. Genau hier, zwischen Prada und Armani, sollen uns die asiatischen Einkäufer sehen. Ich brauche Mailand für China."

Wie passt so ein Narziss mit Goldrand in einen sächsischen Staatsbetrieb?

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