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14. Dezember 2012, 08:22 Uhr

Finanzplatz London

London Falling

Von Ulric Papendick

Das Finanzzentrum London kämpft um seine Vormachtstellung - nicht immer auf die feine englische Art. Politiker und Aufseher geben dem Druck der Lobby nach und weichen die Regulierung auf. So verteidigt die City ihren Status als Oase für Finanzakrobaten.

London - Dass Banker im Königreich Großbritannien keinen guten Ruf mehr genießen, ist Dietrich Becker (49) kürzlich wieder einmal auf drastische Weise klar geworden. In einem Spiel, das der Londoner Partner der Investmentbank Perella Weinberg seiner kleinen Tochter zu Weihnachten besorgt hatte, war der Böse plötzlich ein Geldmanager. So etwas, sagt Becker, begegne ihm häufiger.

Die Zeiten sind ungemütlich geworden - nicht nur für den hageren Kapitalmarktprofi, der seit 20 Jahren in London lebt. Der Ruf der "City Boys" ist spätestens nach dem Skandal um die Manipulation des Libor-Zinssatzes ruiniert. Bei der Bevölkerung sind die Banker unten durch; auch Politiker und Behörden in aller Welt bedrängen die Briten, ihre außer Kontrolle geratene Finanzbranche zu bändigen. Regierungschef David Cameron (46) und die britischen Finanzaufseher haben öffentlich harte Schritte gegen die Geldhäuser angekündigt.

Dabei leidet die Londoner Finanzmeile jetzt schon unter einer Branchenkrise bisher unbekannten Ausmaßes. Mehr als 100.000 Jobs sind im Geldgewerbe binnen weniger Jahre weggefallen, auch die einst üppigen Boni sind längst spürbar zurückgegangen.

Trotzdem bleibt London vor allem für Investmentbanker und Hedgefondsmanager erste Wahl - zumindest vorerst. Wenn es ernst wird, das wissen die Finanzprofis, können sie sich darauf verlassen, dass die britischen Behörden ungeachtet aller Anti-Banker-Rhetorik hinter ihnen stehen.

Wenn es ernst wird, steht Cameron hinter den Bankern

Deshalb wird an der Themse entgegen allen Ankündigungen, die Kontrolle über die Finanzbranche zu verschärfen, längst zurückgerudert. Mit neuen Ausnahmeregeln und einer rigorosen Weigerung, den EU-Partnern ein Mitspracherecht bei der Finanzaufsicht zu gewähren, kämpfen die Briten um die Vormachtstellung ihrer Metropole. Die City verteidigt ihren Status als Oase für Finanzakrobaten aus aller Welt mit aller Macht.

Das Restaurant "The Square" im noblen Stadtteil Mayfair ist einer der Orte, an denen die Banker solche Fragen diskutieren. Früher, sagt der Topmanager einer internationalen Investmentbank, sei hier auch mittags immer alles ausgebucht gewesen. Heute bleiben etliche Tische leer, trotz Linguini mit Meeresfrüchten und Lammschulter an Kartoffelschaum für gerade mal 30 Pfund - für London ein Schnäppchenpreis.

Der Investmentbanker weiß, warum. Nahezu alle großen Institute, das höre er in Gesprächen mit Kollegen, würden ihre Belegschaft in den nächsten Monaten noch einmal spürbar ausdünnen. Besserung sei nicht in Sicht, und es treffe vor allem die jüngere Generation.

Allein 100.000 Briten sind mittlerweile nach Hongkong abgewandert, weitere 60.000 nach Singapur. "Und in dieser Situation", empört sich der Mann, "verlangt die EU ernsthaft, dass wir so unsinnige Dinge wie eine zusätzliche Steuer auf Finanztransaktionen einführen."

Im Investmentbanking könnte mehr als jeder dritte Arbeitsplatz wegfallen

Gerade bei den Investmentbanken ist die Lage dramatisch. Die Schweizer Großbank UBS will ihr Kapitalmarktgeschäft weitgehend aufgeben und bis 2015 rund 10.000 Stellen abbauen - vornehmlich in London. Bei der Deutschen Bank sollen rund 1500 Jobs gestrichen werden.

"Das Investmentbanking macht zurzeit die größte Transformation seiner Geschichte durch", sagt Andy Maguire, Senior Partner der Unternehmensberatung BCG in London. Er wäre nicht überrascht, wenn am Ende dieses Prozesses bis zu 40 Prozent der Arbeitsplätze weggefallen seien.

Auf den Straßen des Londoner Finanzdistrikts ist die Malaise noch wenig zu spüren. Allenthalben werden neue Bürotürme hochgezogen, die edlen Restaurants und Einkaufszentren sind zumindest leidlich gefüllt. In den Handelsräumen der Banken ist die Branchenflaute hingegen längst angekommen. "Es gibt wenig zu tun", sagt der Händler einer britischen Großbank, "die Büros sind oft schon um 17 Uhr leer." Entsprechend gedrückt sei die Laune vieler Kollegen.

Auch weil die City parallel zur Branchenkrise von einer Vielzahl hausgemachter Skandale und Pleiten erschüttert wird. Vor einem Londoner Gericht musste sich gerade der frühere UBS-Händler Kweku Adoboli (32) verantworten, der 2011 mehr als zwei Milliarden Dollar mit dubiosen Wertpapierdeals verzockte. Anfang dieses Jahres verursachte eine Händlertruppe von J. P. Morgan sogar annähernd sechs Milliarden Dollar Verlust. Und die britische Barclays Bank musste im Juni fast eine halbe Milliarde Dollar Strafe zahlen für ihre Verwicklung in die Manipulationen des Libor-Zinses.

Light-touch-Regulierung: London bleibt Schauplatz zahlreicher Skandale

Schauplatz aller Skandale war London. Und das nicht zufällig, meinen viele Beobachter. Die erst 1985 gegründete Londoner Finanzaufsicht FSA pflegte über Jahrzehnte einen ausgesprochen legeren Umgang mit den ortsansässigen Banken. "Die sogenannte Light-touch-Regulierung bedeutete in der Praxis, dass man zwar Regeln setzte, deren Einhaltung aber kaum kontrollierte", sagt ein Topbanker der City.

Eine Linie, die die Briten auch dann noch beibehielten, als anderenorts die Zügel längst wieder angezogen wurden. Während in den USA bereits nach dem Ende der New Economy zur Jahrtausendwende die Regeln für Börsenfirmen drastisch verschärft wurden, hielt der damalige britische Premier Tony Blair seinen Finanzaufsehern noch 2005 vor, sie seien ein "gewaltiges Hemmnis für gut funktionierende Unternehmen".

Zu welchen Auswüchsen diese Laisser-faire-Haltung führte, zeigt die Affäre um die Manipulation des Referenzzinses Libor (London Interbank Offered Rate). Die Rate, Grundlage für Finanzgeschäfte in Billionenhöhe, wurde von jeher von einer kleinen Händlerclique in London ansässiger Banken ermittelt - weitgehend ohne Kontrolle durch die Aufsicht.

Britisches Bankgeschäft - nicht immer die feine englische Art

Als die Interbankenzinsen nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers im September 2008 weltweit in die Höhe schnellten, meldeten einige Institute niedrigere Zinssätze, als sie tatsächlich zahlen mussten. Notenbank-Chef Mervyn King (64) ließ die Banken gewähren, man wollte schließlich keine Panik erzeugen.

Dass aus einer solchen Kultur heraus einige Händler auf die Idee kommen konnten, an der Höhe des Interbankenzinses zu drehen und daraus Profite zu schlagen, verwundert nicht. Dennoch wird unter Londoner Bankern bis heute beim Thema Libor-Skandal gern darauf verwiesen, die beteiligten Händler seien ja fast alle Franzosen gewesen.

Es ist nicht immer die feine englische Art, in der sich die Briten mit der Finanzkrise und den Auswüchsen des Bankgeschäfts auseinandersetzen. Zwar werden hochrangige Aufseher wie der FSA-Chef Lord Adair Turner (57) nicht müde, die volkswirtschaftlich sinnlosen Spielarten des Investmentbankings zu geißeln.

Passiert ist aber wenig: Die FSA, berichten Banker, prüfe heute zwar strenger als zuvor, sei aber immer noch im Großen und Ganzen "marktorientiert". Alle weiterreichenden Eingriffe wie eine Transaktionssteuer lehnen die Briten partout ab. Und selbst die viel gepriesene "Vickers-Reform", die eine Abschirmung der Kundeneinlagen vom riskanten Investmentbanking fordert, ist bei näherer Betrachtung eher ein smarter Weg, sich der Risiken des Geldgeschäfts zu entledigen.

Die Wut britischer Banker

Denn das vom Oxford-Ökonomen John Vickers (54) ersonnene "Ringfencing" des britischen Privatkundengeschäfts trifft nur eine Handvoll heimischer Großbanken, nicht aber die 250 ausländischen Institute in der City. Die betreiben schließlich in Großbritannien in aller Regel kein Filialgeschäft.

Entsprechend groß ist die Wut britischer Banken über die Ungleichbehandlung. HSBC-Chef Stuart Gulliver (53), berichten Insider, habe intern gedroht, das größte britische Geldhaus könne nach Hongkong abwandern. "Zumindest einen Teil ihres Geschäfts", sagt BCG-Mann Maguire, "könnten die Institute wohl tatsächlich außer Landes schaffen."

Ganz abgesehen von solchen Nebenwirkungen halten Experten die Vickers-Pläne insgesamt für bedenklich. "Die Briten wollen sich eine Insel der Seligen im Heimatland schaffen, indem sie die Bankeinlagen ihrer Bürger abschirmen", analysiert der Frankfurter Finanzprofessor Jan Pieter Krahnen (58), "für die Risiken des Londoner Handelsplatzes sollen andere einstehen, etwa die Heimatstaaten der dort tätigen Bankkonzerne."

Immerhin, es gibt auch in England Stimmen, die eine deutlich schärfere Regulierung fordern. Andy Haldane (45) etwa, Exekutivdirektor der Bank of England, würde die Bilanzen der großen Geldhäuser am liebsten generell auf das 20-Fache ihres Eigenkapitals begrenzen. Das würde viele Institute vor allem im Investmentbanking stark einschränken.

"London ist ein einziges Schlupfloch"

Bislang sieht es allerdings nicht so aus, als würde Haldanes Forderung in die Praxis umgesetzt. Ähnlich verhält es sich bei vielen Themen, bei denen sich die Briten gern als Vorreiter gerieren.

So wurde zwar 2010 ein 50-prozentiger Spitzensteuersatz eingeführt, der auf die Boni der Topbanker zielte. Im nächsten Jahr soll die Abgabe bereits wieder auf 45 Prozent ermäßigt werden - vor allem um die Hochverdiener der Hedgefonds- und Private-Equity-Industrie nicht allzu sehr zu verschrecken. Die sogenannte Non-dom-Rule, nach der Ausländer am Finanzplatz London gewaltige Steuervorteile genießen, hatte Premier David Cameron ohnehin weitgehend unverändert gelassen.

Sogar bei den im Rahmen der "Basel III"-Regeln vereinbarten international gültigen Eigenkapitalvorschriften gönnen die Briten ihren Banken neuerdings eine Ausnahmeregelung. Kredite, die im Rahmen eines neuen "Funding-for-lending"-Programms der Regierung ausgereicht werden, müssen die Institute nun nicht mehr mit Kapital unterlegen.

Das Londoner Loophole

Und auch die Regeln für Börsengänge sollen wieder gelockert werden. Die Mindestschwelle für den Anteil frei handelbarer Aktien am Gesamtkapital eines Unternehmens soll für Hightech-Firmen von 25 auf 10 Prozent gesenkt werden. Die Barriere war erst Anfang dieses Jahres erhöht worden, um die Interessen von Minderheitsaktionären zu schützen.

Für Gary Gensler, den Chef der amerikanischen Aufsichtsbehörde CFTC, ist die Quintessenz all dieser Ausnahmeregeln klar: London sei ein einziges "Loophole", ein Schlupfloch, wetterte er kürzlich vor dem amerikanischen Kongress.

Ganz falsch sei das nicht, geben selbst Spitzenbanker der City zu. Die britischen Regeln bauten zu einem Teil auch darauf, dass sich die "Financial Community" an einen bestimmten Wertekodex halte - British fair play eben. Eine Vorstellung, die in Zeiten krimineller Kartelle wie der Libor-Verschwörung naiv anmutet.

Doch selbst ein solcher Super-GAU der Finanzindustrie wie die Libor-Affäre wird von vielen in London eher als Betriebsunfall eingestuft. Zu Schaden gekommen, diese Meinung ist in der City weitverbreitet, sei bei der Libor-Manipulation doch kaum jemand.

"Das Finanzwesen dominiert alles"

Die britische Regierung hat derlei Kaltschnäuzigkeit offenbar wenig entgegen zusetzen. "Es gibt in Großbritannien schlicht keine Lobby, die den Interessen der Geldindustrie Paroli bietet", sagt der frühere Goldman-Sachs-Manager und Wahllondoner Timothy Plaut (56). In Berlin könnten die Politiker zumindest die Manager der Automobil- oder Maschinenbaubranche nach ihrer Meinung zu den Praktiken der Banker fragen. "Hier hingegen haben wir eine Monokultur. Das Finanzwesen dominiert alles."

Wie groß der Druck auf die Behörden werden kann, zeigt der Vorstoß der chinesischen Staatsbanken. In einem Brief an das britische Finanzministerium drohten Institute wie die Industrial and Commercial Bank of China und die China Construction Bank jüngst offen mit der Abwanderung nach Luxemburg.

Der Grund: Die FSA hatte von den Bankgiganten verlangt, in London Tochtergesellschaften zu gründen. Diese würden dann von der britischen Aufsicht kontrolliert. Die Chinesen wollen ihr Geschäft hingegen lieber in Form einer unselbstständigen Niederlassung führen - die wiederum letztlich von den heimatlichen Behörden in China beaufsichtigt würde. Ob sich Schatzkanzler George Osborne (41) dem Druck beugt, bleibt abzuwarten.

Allzu oft knickt die Regierung

Allzu oft knickt die Regierung ein. Am deutlichsten ist das bei Premier Camerons Kampf gegen eine gemeinsame Finanzregulierung innerhalb der EU zu beobachten. Nicht nur bei Finanztransaktionssteuer und Bankenunion wollen die Briten auf keinen Fall mitmachen. Auch die Pläne von EU-Binnenmarktkommissar Michel Barnier, die Handelsabteilungen der Banken vom restlichen Geschäft abzusondern, wird in der Londoner City rigoros abgelehnt.

Aus nachvollziehbarem Kalkül: "Wenn das umgesetzt wird, dürfte sich ein Teil der Handelsaktivitäten aus Europa wegbewegen", sagt Philipp Härle (47), Londoner Partner der Unternehmensberatung McKinsey. Davon wäre die City als größter Handelsplatz am stärksten betroffen.

Im Umgang der Briten mit der ungeliebten Europäischen Union liegt wohl das größte Risiko für die City. Ein Austritt aus der EU scheint angesichts der weitverbreiteten Europa-Antipathie auf der Insel mittlerweile durchaus vorstellbar. Für den Finanzplatz London könnte das fatale Folgen haben. Ohne Zugang zum Binnenmarkt, ohne die Möglichkeit, ihre Dienstleistungen europaweit offerieren zu können, wäre die Insel von einem der wichtigsten Märkte abgeschnitten.

In der City wird diese Gefahr bislang weitgehend verdrängt. London, sagt Investmentbanker Becker, sei "ein Tempel der Finanzbranche. So etwas zerstört niemand freiwillig."


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