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20.12.2012
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Niedrigzinsen
Die Viel-hilft-viel-Therapie

Von Henrik Müller

Europäische Zentralbank: Geld ist so billig wie nie. Die Notenbanken kaufen Zeit
REUTERS

Europäische Zentralbank: Geld ist so billig wie nie. Die Notenbanken kaufen Zeit

Nie waren die langfristigen Zinsen so niedrig wie heute. Die Rechnung kommt später - und ihre Höhe ist bisher unbekannt. Achten Sie auf Risiken und Nebenwirkungen!

Geld umsonst - Kann das gutgehen? Nie waren die Zinsen so niedrig wie heute. Praktisch alle wichtigen Länder haben die kurzfristigen Sätze so weit heruntergesetzt, dass sie real (nach Abzug der Inflationsrate) negativ sind. In Deutschland (siehe Grafik links), den USA und einigen anderen Ländern sind sogar die langfristigen Zinsen real im negativen Bereich angelangt, das gab es nicht mal während der Großen Depression in den 30er Jahren.

Ein Ende ist nicht abzusehen: Die amerikanische Notenbank hat sich festgelegt, mindestens bis Ende 2014 bei ihrer Nullzinspolitik zu bleiben; die Europäische Zentralbank (EZB) bewegt sich in eine ähnliche Richtung. Und fast alle Notenbanken kaufen in mehr oder weniger großem Stil Wertpapiere auf, um die langfristigen Zinsen zu drücken.

Eine Viel-hilft-viel-Therapie, die enorme Risiken und Nebenwirkungen birgt: Inflation, Dauerstagnation, Handelskonflikte, die vollständige Politisierung der Finanzmärkte.

Die Probleme fangen damit an, dass die unumgängliche Restrukturierung von Schulden immer weiter hinausgeschoben wird - dank extrem niedriger Zinsen kann man sich erst mal weiter durchmogeln. Statt Staaten (wie Griechenland oder Zypern) mit Schuldenschnitten wieder flottzumachen, statt (spanische) Banken abzuwickeln, statt hoffnungslos verschuldeten Unternehmen und Privatbürgern einen Weg aus den Miesen zu bahnen, statt Schulden in der Euro-Zone teilweise zu vergemeinschaften und dann abzutragen, hangelt man sich irgendwie weiter.

Banken und Versicherungen brechen die Margen weg

Aber ohne Bilanzreparaturen wird es keine Rückkehr auf einen normalen Wachstumspfad geben; in vielen Ländern schrumpft die Kreditvergabe trotz ultralockerer Geldpolitik.

Wenn der Staat darauf verzichtet, einen Preis für Geld zu erheben, dann hat das auf Dauer gravierende Folgen, ökonomisch und politisch. Banken und Versicherungen brechen die Margen weg. Lebensversicherte müssen auf einen Teil ihrer Alterszusagen verzichten. Dazu kommen inflationäre Tendenzen: Auf den Weltmärkten für Rohstoffe und Luxusgüter steigt der Preisdruck. Sogar in bislang vergleichsweise soliden Ländern wie der Bundesrepublik blähen sich Immobilienblasen auf.

Sehr hohe Anleihekurse in den verbliebenen vermeintlich sicheren Häfen könnten sich als gefährliche Bubbles erweisen: Sollte das Vertrauen der Investoren schwinden, kann es zu üblen Verwerfungen kommen. In der weltpolitischen Arena spitzen sich Handelskonflikte zu - zwischen den USA und China, künftig womöglich auch zwischen Euro-Staaten und der Schweiz -, weil auch das Drücken des Außenwerts der Währung zum Kalkül der Billiggeldpolitiker gehört.

Die längerfristigen Gefahren mögen enorm sein. Trotzdem sehen sich die Zentralbanken außerstande, anders zu handeln. Dazu sind die Schuldenstände zu hoch, dazu gehen die Regierungen nicht entschlossen genug vor.

Der Weg in eine drakonisch regulierte Finanzwirtschaft

Wohin führt dieser Kurs? In immer weitere Blasen, die nächsten Krisen, den Verlust des Geldwerts? Vielleicht.

Möglich ist aber auch ein anderes Szenario: eine drakonisch regulierte Finanzwirtschaft. Wenn der Staat schon Geld umsonst unter die Leute bringt, kann er immer noch versuchen, krassen Fehlentwicklungen durch Ge- und Verbote entgegenzuwirken. Er kann die Kreditvolumina begrenzen, den Banken Soll- und Habenzinsen vorschreiben, den grenzüberschreitenden Kapitalverkehr behindern, notfalls Preis- und Lohnkontrollen einführen - Instrumente der Zwangsbewirtschaftung gibt es viele. Das erinnert an Kriegszeiten und an die ersten Nachkriegsjahrzehnte, als hoch verschuldete Siegermächte wie Großbritannien einen solchen Kurs steuerten, und es erinnert an den Finanzsektor im heutigen China.

Verfahren wie die Lage derzeit ist, wäre es keine Überraschung, wenn die von den Finanzmärkten getriebene Globalisierung zurückgedreht würde. Die Auswirkungen wären gravierend, gerade für Deutschland: Das exportorientierte Modell würde einem harten Stresstest unterzogen. Denn eine Beschränkung der Geld- und Kapitalströme würde mittelbar auch die Realwirtschaft treffen.

Bislang kaufen die Notenbanken Zeit. Die Rechnung kommt später - und ihre Höhe ist bisher unbekannt.

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Henrik Müller ist stellvertretender Chefredakteur des manager magazins.

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