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11. Dezember 2012, 09:45 Uhr

Europas Top-Konzerne

Mit diesen Aktien kommen Anleger sicher durch die Krise

Von Mark Böschen und Dietmar Palan

Die wichtigsten Unternehmen Europas in der umfangreichsten Analyse des Kontinents: manager magazin hat die 500 grössten Börsenfirmen Europas getestet und zeigt, welche Aktien die besten Chancen bieten.

Neckermann ist pleite, Karstadt angeschlagen, und Puma macht viele seiner Läden ganz einfach dicht. Weite Teile des deutschen Mode-Einzelhandels laufen - so scheint es - derzeit nur noch im Krisenmodus.

Tatsächlich aber sind Lage und Stimmung in Europas Unternehmen keineswegs trist und grau. Es ist, wie so häufig, eine Frage der Perspektive. Claus-Dietrich Lahrs (49) etwa baut sein Vertriebsnetz in atemberaubendem Tempo aus. 87 Geschäfte hat der Chef des schwäbischen Modelabels Hugo Boss in diesem Jahr bereits eröffnet. Mehr als 700 eigene Filialen kontrolliert er inzwischen.

Der Expansionsfeldzug folgt einer klaren Vorgabe: Lahrs will die Anzüge und Businesskostüme nicht mehr vorrangig in den Regalen der großen Kaufhaus- und Modehandelsketten sehen. Die Gewinne der Händler will der Konzern künftig möglichst selbst einstreichen. Dieses Ziel ist in den vergangenen Monaten ein ganzes Stück näher gerückt.

Als der einstige Cartier- und Dior-Manager vor vier Jahren in Metzingen anfing, kam lediglich ein Viertel des Umsatzes aus den eigenen Läden. Heute ist es schon die Hälfte, Tendenz stark steigend. Bislang sind die Aktionäre mit der Strategie nicht schlecht gefahren: Der Nettogewinn stieg um 150 Prozent, der Kurs hat sich mehr als verdreifacht.

Hugo Boss ist nur eines von vielen europäischen Unternehmen, die stark wachsen und noch immer Potenzial für weitere Kursgewinne besitzen. Es sind Firmen, die mit soliden Geschäftsmodellen, stabilen Einnahmen und einer starken Marktposition glänzen. Und die deshalb weit weniger anfällig für die nächste Welle der Finanz- und Schuldenkrise sind als die Konkurrenz.

Aktien als Sicherheitspuffer

Mit welchen Aktien Anleger halbwegs sicher durch die Krise kommen, zeigt die Leistungsanalyse der 500 größten europäischen Börsenfirmen, die manager magazin bereits zum 23. Mal erstellt hat.

Über mehrere Monate hinweg untersuchte ein Team um Wirtschaftsprofessor Bernhard Pellens von der Ruhr-Universität Bochum zusammen mit Kapitalmarktexperten des Prüfungs- und Beratungsunternehmens Deloitte Hunderte von Bilanzen, Cashflow-Statements sowie Gewinn-und-Verlust-Rechnungen. Sie analysierten die Börsenrenditen und berechneten die Erwartungen der Kapitalmarktteilnehmer an die einzelnen Firmen. Das Ziel der in Umfang und Methodik einzigartigen Studie: Konzerne zu identifizieren, die trotz der Schuldenkrise kontinuierlich Wert für ihre Aktionäre geschaffen haben.

"Viele Unternehmen haben ihr operatives Geschäft in den letzten Jahren stetig verbessert und ihr Ergebnis nachhaltig gesteigert. Weder wird diese Leistung von der Börse angemessen wahrgenommen noch ausreichend honoriert", sagt Bilanzforscher Pellens. Solche Firmen haben in den kommenden Monaten gute Chancen, dass sich ihre Wettbewerbsvorteile bei Marktposition und Geschäftsmodell auch in steigenden Kursen niederschlagen.

Hinzu kommt: Die Aktien von robusten und ertragsstarken Unternehmen sind an der Börse derzeit gefragt wie lange nicht mehr. Fondsmanager und Vermögensverwalter haben sie als Alternative zu Staatsanleihen entdeckt, die seit dem Ausbruch der Euro-Turbulenzen viel von ihrem Charakter als Sicherheitspolster verloren haben.

"Es gibt Aktien, die weit weniger riskant sind als die Schuldpapiere vieler Staaten, weil sie schlicht eine stärkere Bilanz vorweisen können", analysiert Andrew Garthwaite, Aktienstratege der Großbank Credit Suisse: "Darüber hinaus bieten sie oft eine höhere Rendite und besseren Schutz vor Inflation."

Aktien wie diese nennt er vollmundig "den neuen Goldstandard". Genauso wie der Wert einer Währung einst durch Goldreserven abgesichert war, sollen heute Anteile an starken Firmen das Vermögen vor Kaufkraftverlust und Geldentwertung schützen.

US-Banken treiben Klientel zurück nach Europa

Als Musterkandidat für eine Goldstandard-Aktie fällt dem Credit-Suisse-Strategen der Nahrungsmittelriese Unilever ein, dem Analysten im Schnitt fast 4 Prozent Dividendenrendite und 5 Prozent Umsatzwachstum zutrauen. Hugo Boss lockt mit einem ähnlich hohen Ertrag - und hängt damit die Rendite von Bundesanleihen deutlich ab.

Konzerne, die sich in dieser Liga bewegen, zeichnet vor allem eines aus: Sie können ihre Preise auch dann steigern, wenn Konjunktureinbrüche und Kaufzurückhaltung die Konkurrenz zu Sonderangeboten und Rabatten zwingen.

Zu den Firmenchefs, die sich keinerlei Gedanken über erodierende Margen machen müssen, gehört Steve Foots (44), Nummer eins des britischen Chemieunternehmens Croda. Das Unternehmen destilliert aus Naturprodukten wie Fischöl oder Zuckerrüben Wirkstoffe, die anschließend in Pflegemitteln, Medikamenten, Textilien oder industriellen Schmierstoffen zum Einsatz kommen. Aus Passionsfrüchten wird etwa der Peelingfilm für Hautcremes. Weizenkörner liefern Proteine, die Shampoos beigemischt werden, um Haarspliss zu reparieren. Bei Weltkonzernen wie Procter & Gamble oder L'Oréal steht Croda auf der Liste der unverzichtbaren Zulieferer.

Das Know-how der Briten wird fürstlich entlohnt - die Bruttogewinnspanne liegt bei mehr als 30 Prozent. Die Kunden haben dennoch kaum einen Anreiz, die Preise zu drücken. Denn die Basismaterialien, die Croda liefert, machen nur 10 Cent der Kosten einer Tube Hautcreme aus, die in der Parfümerie für 50 Euro verkauft wird.

"Das Unternehmen ist unangefochtener Marktführer in seinem Segment und wächst kontinuierlich - aus eigener Kraft", stellt Fondsmanager Damien Lanternier von der französischen Gesellschaft Financière de l'Echiquier fest, der Croda-Aktien im Depot hat. Allein im vergangenen Jahr stiegen der Umsatz um 7 und der Gewinn um 28 Prozent.

Wachstum trotz Krise verspricht auch der Industriegüterspezialist Weir. Im Sortiment der Briten befinden sich unter anderem Hochdruckpumpen, mit denen Öl und Gas aus Schiefergesteinsschichten befreit werden. "Weir ist weltweit führend in dieser Technik, und die USA haben riesige Schiefergasvorkommen", sagt Lee Freeman-Shor, der die Aktie deshalb für seinen Skandia Best Ideas Fonds gekauft hat.

Aktienrückkäufe im großen Stil

Die Internationale Energieagentur schätzt, dass Erdgas aus Schiefergestein 2035 ein Sechstel der weltweiten Gasförderung abdecken könnte, sodass Gas die Konkurrenten Kohle und Öl als wichtigste Energiequellen ablösen würde. Weir dürfte mittelfristig zu den Hauptprofiteuren dieser speziellen Form der Energiewende gehören.

Anders als noch vor ein paar Monaten leiden Firmen wie Weir, Croda oder Hugo Boss heute kaum noch darunter, dass sie ihren Hauptsitz im kriselnden Europa haben. Inzwischen hat sich die Stimmung an den Kapitalmärkten grundlegend verändert.

"Bis zum Juni hatten die meisten amerikanischen und asiatischen Anleger wegen der Euro-Krise ihr Kapital aus Europa abgezogen. Deshalb haben sie die starke Rallye seit dem Sommer verpasst", glaubt Nicolas Walewski, Gründer der Fondsgesellschaft Alken Asset Management in London. "Europa bleibt eine gute Region zum Investieren. Seit Mario Draghi als EZB-Präsident eine aktive Euro-Rettungspolitik verfolgt, kommen die Anleger zurück."

Der staatliche norwegische Pensionsfonds, der 600 Milliarden Dollar verwaltet, kündigte Ende August Aktienkäufe in großem Stil an. Auch bei den Hedgefonds hat sich die Stimmung gedreht. Im September hatten erstmals seit Beginn des Jahres die Optimisten die Oberhand. An der weltgrößten Terminbörse in Chicago wetten derzeit wieder mehr Anleger auf steigende als auf fallende Kurse.

Und die großen US-Investmentbanken treiben ihre Klientel ebenfalls zurück an die Börsen Europas. Noch im Juli empfahl etwa J. P. Morgan, europäische Aktien zu verkaufen. Doch schon im September schwenkten die Amerikaner um: Seitdem die Europäische Zentralbank massiv Staatsanleihen der Euro-Krisenländer aufkauft, raten sie wieder dazu, europäische Aktien zu erwerben und US-Papiere abzustoßen.

Schnäppchen im Krisengebiet

Die Kehrtwende ist gut begründet. "Die Dividendenrendite in Europa ist doppelt so hoch wie in den USA. Gemessen an den erwarteten Firmengewinnen, sind Europas Aktien um 36 Prozent billiger als US-Titel, das ist ein Rekord", analysiert J.-P.-Morgan-Aktienstratege Mislav Matejka.

Die Euro-500-Analyse zeigt ein ähnliches Bild. "Während der globale Aktienindex MSCI World sich deutlich besser erholt hat und fast das Niveau von 2007 erreicht hat, liegt der Börsenwert der europäischen Topkonzerne noch rund ein Viertel unter dem Vorkrisenniveau", sagt Deloitte-Partner Rolf Epstein.

Selbst in den von den Euro-Turbulenzen am stärksten betroffenen Staaten bieten sich Gelegenheiten. "In Portugal, Spanien oder Italien gibt es nach wie vor hochrentable Konzerne. Diese Unternehmen sind an den Kapitalmärkten viel zu stark abgestraft worden", sagt Wirtschaftsprofessor Pellens: "Das gilt insbesondere für Konzerne, die ihre Wertschöpfung überwiegend im Inland erzeugen und kaum Rohstoffe aus dem Ausland zukaufen müssen."

Ein hoher Exportanteil, eine starke Marktposition und hohe Eintrittsbarrieren für neue Wettbewerber sind gerade in schwierigen Zeiten die wesentlichen Erfolgsfaktoren. Es ist die Formel, die Tomas Puusepp (57), Chef des schwedischen Medizintechnikkonzerns Elekta, stets loswerden will, wenn er auf Analysten und Investoren trifft.

Puusepps Spezialität sind riesige Maschinen zur Strahlenbehandlung von Krebskranken. Seit Siemens dieses Geschäft weitgehend aufgegeben hat, ist Elekta einer von weltweit nur noch zwei Anbietern. Während der US-Konkurrent Varian vor allem in der Heimat glänzt, bauen die Schweden ihre Führung in Wachstumsmärkten wie China aus.

Übernahmen sorgen für Phantasie

"Die alternde Weltbevölkerung und der Nachholbedarf in den Gesundheitssystemen der Schwellenländer sorgen für eine dauerhaft starke Nachfrage. Bis 2017 sollte der Elekta-Gewinn jährlich um 17 Prozent steigen", schätzt Franz Weis, Fondsmanager bei Comgest.

Für Unternehmen, die wie Elekta auf schnelle Expansion gepolt sind, sehen die Rahmenbedingungen so günstig aus wie schon lange nicht mehr. "Die großen Notenbanken halten die Zinsen auf Niedrigniveau, stützen den Finanzmarkt durch Anleihekäufe und tun alles, um das Wirtschaftswachstum zu beschleunigen", sagt David Kohl, Chefvolkswirt Deutschland des Bankhauses Julius Bär.

Auf einmal erscheinen auch Übernahmen möglich, die vor wenigen Monaten kaum zu finanzieren gewesen wären. Unternehmen mit starken Bilanzen nutzen die Gelegenheit, neue Technologien und Märkte durch Zukäufe zu erobern.

So wie der österreichische Maschinen- und Kraftwerkbauer Andritz. Erst im September schloss Konzernchef Wolfgang Leitner (59) die Übernahme des deutschen Konkurrenten Schuler ab. Es war nicht der erste Coup des Managers, dessen Vater 30 Jahre lang als Industriearbeiter bei Andritz schuftete. Seit Leitner junior vor 25 Jahren als Finanzchef in den Betrieb kam, hat er bereits mehrere kleinere Unternehmen aufgekauft und integriert.

Zentralbanken als Kurstreiber

Der Kurs der Andritz-Aktie dürfte nicht nur von den Akquisitionen profitieren. Das Papier ist so etwas wie ein Paradebeispiel dafür, wie die Märkte derzeit auf die Politik der Notenbanken reagieren. Als US-Notenbankchef Ben Bernanke im März 2009 begann, massiv Zinspapiere am Markt zu kaufen, stieg der Börsenkurs von Andritz binnen drei Monaten um 44 Prozent. Als er im August 2010 erneut zuschlug, schnellte die Notierung im folgenden Vierteljahr um 33 Prozent in die Höhe.

Trotz der jüngsten Gewinne halten die meisten Experten Europas Aktienmärkte noch immer für eher günstig bewertet. "Der kräftige Kursanstieg ist gerechtfertigt, denn vorher waren Aktien, gemessen an den Anlagerisiken, einfach zu billig", sagt Fondsmanager Walewski.

Der Frankfurter Vermögensverwalter Hendrik Leber hält die deutsche Konzernelite erst bei einem Dax-Stand von 8000 Punkten für einigermaßen fair bewertet. Dennoch muss die Kursrallye bei dieser Marke noch längst nicht zu Ende sein, sagt der Gründer der Fondsgesellschaft Acatis : "Wenn erst mal die Späteinsteiger in den Markt drängen, kann es deutlich weiter nach oben gehen."

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