Von Christoph Neßhöver
Hamburg - Heinrich Weiss (70) ist so etwas wie das industrielle Gedächtnis der Nation. Seit mehr als 40 Jahren erlebt und erleidet der Chef und Eigentümer der SMS Group das Auf und Nieder der Konjunktur. Er hat sich dabei gut geschlagen: Aus 140 Millionen D-Mark Umsatz machte Weiss drei Milliarden Euro. Weltweit kneten Walzwerke aus dem Hause SMS Stahl oder Aluminium. Der Exportanteil beträgt 90 Prozent.
Eigentlich könnte sich Weiss seines Schaffens erfreuen. Seine Werke sind voll ausgelastet. Erstmals seit Jahren arbeitet seine SMS sogar zwei Großaufträge aus Deutschland ab. Doch dann spricht Weiss so lange von Auftragseinbrüchen, Kurzarbeit, Inflation und Euro-Krise, bis irgendwann seine Zigarre erkaltet ist.
Es sieht nicht gut aus. Deutschland war gerade dabei, auf ein neues Modell umzusteigen. Das Wohl und Wehe des Wirtschaftswachstums hing nicht mehr allein vom Export ab, endlich wuchs die deutsche Wirtschaft auch dank der Investitionen im Inland. Befeuert wurde der Binnenboom durch niedrige Zinsen.
Wachstum daheim und weltweit: Es war eine Art "Double Whopper", ein doppelter Hamburger, in den Deutschland nach der Großrezession von 2009 herzhaft hineinbiss.
Doch nun braut sich neues Unheil über Deutschlands Industrie zusammen. Der Investitionszyklus ist unterbrochen. Die Unternehmen sind verunsichert. Auf die Stimmung drückt die Euro-Krise. Zudem schwächelt der Welthandel, wie Zahlen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) belegen. Erstmals seit 2009 könnten dieses Jahr die Handelsvolumina wieder sinken, weil Schwellenländer wie China und Indien lahmen, vielerorts der Protektionismus sprießt und in großen Teilen Europas die Wirtschaft schrumpft.
Double Whammy statt Double Whopper
Verdüstern sich die Exportaussichten, streicht die Industrie ihre Investitionen zusammen und die inländische Nachfrage sinkt. Die Konjunktur bekommt einen doppelten Dämpfer, der in eine erneute Rezession führen könnte. Statt "Double Whopper" droht Deutschlands Wirtschaft ein "Double Whammy" - ein schmerzhafter Doppelschlag.
Die Konzernlenker gehen in Deckung. Zuerst die Autobauer: Daimler
warnt vor einem Gewinnrückgang bei Mercedes und packt ein Sparprogramm in den Tank. Audi
schließt tageweise sein Werk in Neckarsulm. VW drosselt die Fertigung. Opel und Ford
beutelt der Einbruch in Südeuropa heftig.
Auch die Großindustrie muss kleiner denken. Bei Siemens
sind die Orders abgesackt. Beim Mischkonzern ThyssenKrupp
haben die Minuszeichen die Quartalsberichte längst erobert. Der Chiphersteller Infineon
rechnet für das letzte Quartal des Jahres mit einem Umsatzrückgang von 10 Prozent und einer Halbierung der Gewinnmarge.