Mittwoch, 22. November 2017

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Geist trifft Geld Weckruf für Machos

Streitgespräch: Topmanagerin vs. Männerrechtler
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Dieter Mayr für manager magazin

7. Teil: "Männer sollten den Druck, etwas ganz Großes leisten zu müssen, von sich nehmen"

Gifford: Dann müssten die Männer doch eigentlich froh sein, im Berufsleben Frauen auf gleicher Ebene als Sparringspartner zu haben. Sie müssten zulassen, dass die Teams gemischter werden, nicht nur um der Erträge willen, die ja - wie wir den Studien entnehmen können - um bis zu 50 Prozent steigen. Sie müssten die sozialen Komponenten, die Frauen mitbringen, begrüßen. Und genau das empfinde ich, von meiner Firma abgesehen, nicht in Unternehmen, mit denen ich arbeite und die klassisch geführt sind. Da werden Frauen als Bedrohung auf vielerlei Ebenen empfunden, sie könnte besser sein, sie könnte mich überholen und so weiter. Die Ängste und das Konkurrenzgehabe sind omnipräsent, und häufig finden die Angriffe aus dem Hinterhalt und unter der Gürtellinie statt.

Bönt: Deswegen verlange ich doch, dass der Mann dringend an sich arbeiten muss. Er soll auch aufhören, sich immer auf Frauen zu beziehen in seinem Selbstverständnis. Die Entwicklung des modernen Mannes hat vielleicht gerade erst angefangen; seitdem er sich nicht mehr über Muskelkraft und die Bezwingung von Gefahren definieren kann, ist er in die Defensive geraten und versucht verbissen zu verteidigen, was er für männlich gehalten hat. Und eigentlich weiß er, dadurch kommt vielleicht eine gewisse Aggressivität in das Thema, dass er dieses Spiel bereits verloren hat.

Gifford: Aber was wäre der Wake-up-Call, was bräuchten die Männer jetzt?

Bönt: Sie sollten den Druck, etwas ganz Großes leisten zu müssen, von sich nehmen. Kapieren, dass es wichtiger ist, sein eigenes Leben außerhalb des beruflichen Erfolgs gut sortiert zu ha-ben, denn das kann auch ganz schnell weg sein.

Gifford: Also einfach loslassen von der Macht und den Statussymbolen?

Bönt: Unbedingt. Wer locker und im Reinen mit sich ist, arbeitet eh besser.

mm: Die wenigen Frauen, die die Hierarchieleitern hochgestiegen sind, muten häufig männlicher an und härter als jeder Mann. Warum ist das so?

Gifford: Das kommt auf das Naturell einer Frau an, und noch viel mehr hat es mit der Unternehmenskultur zu tun. Wenn Sie in einem Unternehmen arbeiten, das männlich dominiert ist, dann können Sie noch so sehr Ihre weiblichen Kompetenzen einbringen wollen, Sie werden Stück um Stück desillusioniert. Die männlichen Rituale und Spielregeln sind nicht aufzuweichen. Wenn Sie aber nicht danach spielen wollen, sind Sie ganz schnell im Abseits. Diese Erfahrung habe ich selbst gemacht. Wir haben mittlerweile einen Trend, dass viele Frauen nicht mehr bereit sind, sich diesen Ritualen zu unterwerfen, dabei ihre Weiblichkeit abzulegen und den besten Teil ihrer Energie einfach für Spielchen und Manöverübungen zu vergeuden, die in ihren Augen sinnlos sind. Diese Frauen steigen aus und machen ihr eigenes Ding. Die Zahl der Frauen in Deutschland, die ihre eigene Firma gründen, steigt massiv an.

mm: Herr Bönt, Sie schreiben: "Frauen steigen in Positionen auf, werden dabei männlicher und machen die ganze Gesellschaft männlicher, das ist schlecht." Sind Karrierefrauen wie Angelika Gifford schuld daran, dass eine weiblichere Machtkultur keine Chance hat und der "neue Mann", mit dem Sie schwanger gehen, nie geboren wird?

Bönt: Es gibt natürlich diesen Effekt. Maggie Thatcher musste doppelt so männlich sein wie jeder Mann. Aber schon eine Generation danach hat sich das gewandelt. Weder ist Hillary Clinton noch Angela Merkel besonders männlich. Wir sind an einem Punkt angekommen, an dem viele Dinge umschlagen und ins Gegenteil verkehrt werden.

mm: Die Revolution könnte heute mitten aus dem Establishment kommen.

Gifford: Das ist die große und einmalige Chance für die Akteure in der deutschen Wirtschaft.

Das Gespräch moderierte mm-Autorin Gisela Maria Freisinger. In dieser Serie arrangiert manager magazin Begegnungen von Persönlichkeiten der Wirtschafts- und Geisteselite.

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