Freitag, 28. August 2015

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Porsche Boxster im Fahrtest Die Spaßbremse

Porsche Boxster S: Der kleine Sportler
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Porsche

Im Betriebsmodus "Sport Plus" über die schwäbische Alb: Putzmeister-Chef Norbert Scheuch hat für das manager magazin den neuen Porsche Boxster getestet. Sein Fazit: Gute Verarbeitung, aber es fehlen 100 PS.

Aichtal - Norbert Scheuch mag keine halben Sachen. Noch bevor er mit dem neuen Porsche Boxster S ganz vom Hof gerollt ist, wählt der Geschäftsführer des schwäbisch-chinesischen Betonpumpenherstellers Putzmeister beim Sportwagen den Betriebsmodus "Sport Plus". Der Wagen reagiert nun besonders bissig auf Signale vom Gaspedal, der Mittelmotor dreht besonders hoch, das ESP greift erst ultraspät ein. "Anders wär's ja kein Sportwagentest", ruft der 52-Jährige fröhlich und stellt zusätzlich die Fahrwerksdämpfung per Knopfdruck auf "hart".

Obwohl sich die Region zwischen Neckar und Alb heute als sonniges Idyll präsentiert, schließt Scheuch nach wenigen Kilometern das Verdeck. In dem Geschwindigkeitsbereich, den er anstrebt, würde der Fahrtwind die Trommelfelle der Insassen zum Flattern bringen.

Norbert Scheuch kennt sich aus mit Sportwagen. Unter anderem fuhr er einen Porsche Cayman und einen 911er; in diesen Tagen wird der Ferrari 458 Italia ausgeliefert, den er zum Zeitpunkt der Probefahrt mit dem neuen Boxster S schon lange bestellt hatte. Regelmäßig nimmt der Manager an Rennlehrgängen teil, etwa auf dem Nürburgring.

Entsprechend handfest geht er nun vor. Schon auf der A 8, die in Richtung Ulm nennenswerte Steigungen und Kurven bietet, bringt er den Sechs-ZylinderMotor des Boxster ans Leistungslimit. "Das sollen 315 PS sein?", fragt Scheuch immer, wenn der Zweisitzer nicht sofort wie ein Projektil hinter langsamen Limousinen hervorschießt, die nur zögernd die linke Spur freimachen. Nach seinem Eindruck sind es 100 PS weniger. Selbst nach dem Herunterschalten in den vierten oder gar dritten Gang entwickelt der Wagen nicht genügend Temperament, um den Tester zufriedenzustellen.

Ein Wagen "für Frauen und kalifornische Cruiser"

Auch auf den Landstraßen der Schwäbischen Alb, wohin der Putzmeister-Chef irgendwann abbiegt, bessert sich weder Scheuchs Gefühl noch seine Laune. Zwar lobt er hier das straffe Fahrwerk des Boxster und seine perfekte Wankstabilisierung, die direkte Lenkung und das neutrale Kurvenverhalten des Mittelmotorsportlers. Dieser bleibt auch nach Lastwechselmanövern und bei Unregelmäßigkeiten auf der Fahrbahn stabil - und versetzt nicht etwa über die Hinterachse wie der größere 911er mit seinem Heckmotor.

Doch die Maschine des Boxster S bleibt für den Tester "eine Spaßbremse". Erst oberhalb von 5000 Touren entdeckt Scheuch ein wenig von dem, was er sich von einem Sportwagenmotor wünscht. "Aber das kommt zu spät und ist dann in der Summe zu wenig." Zudem stört ihn, dass sich bei dem Testwagen das ESP nicht ganz abschalten lässt. Ein Driften durch die Kehren der Gebirgsstraßen ist somit nicht drin. Und bei geschlossenem Verdeck komme "vom kernigen Motorsound zu wenig an im Cockpit".

Immerhin: Das Bremspedal des Boxster, findet der Tester, fühle sich zwar weich an, doch lasse sich die Verzögerung gut dosieren: "Die Bremswirkung ist top." Lobenswert auch die "hochwertigen Materialien" des Interieurs, beispielsweise die Türgriffe aus massivem Metall, sowie die "äußerst solide Verarbeitung", etwa des Verdecks. Das Klappdach erzeugt nicht mal Windgeräusche.

Insgesamt aber ist Norbert Scheuch enttäuscht vom neuen Einstiegsmodell in Porsches Sportwagenwelt. "Der Boxster ist wahrscheinlich für zahme Zielgruppen konzipiert", resümiert er, "für Frauen, kalifornische Cruiser und Käufer in anderen Weltregionen, wo man Autos im Straßenverkehr kaum fordern kann." Ihm jedenfalls müsse ein Sportwagen "mehr bieten: mehr Kraft, mehr Leistung, mehr Spaß".

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