Samstag, 18. November 2017

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Frauenquote Mann über Board

Dax-Vorstände: Frauen in deutschen Topetagen
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Corbis

6. Teil: "In Wahrheit ist Frauenförderung ein gesellschaftliches Thema"

Wahrscheinlich hat es auch nicht geschadet, dass der Anstoß aus dem Konzern kam statt von der Politik. Doch die Zeit für Nachhaltigkeit und realistische Ziele scheint vielen Unternehmen abgelaufen; sie setzen lieber auf Besetzungsmarketing mit "Wow, Frau!"-Effekt. Und tragen dabei den Business-Glaubenssatz "Mehr Effizienz durch gemischte Teams" plötzlich wie eine Monstranz vor sich her - als ob es diese Erkenntnis erst seit vorgestern gäbe. "In Wahrheit ist Frauenförderung ein gesellschaftliches Thema, bei dem politisch Druck gemacht wird", sagt Jurist Habersack.

Welche Dimensionen der Druck annehmen kann, zeigt die langwierige Suche nach dem neuen SAP-Personalvorstand. Nachdem Angelika Dammann im Juli 2011 den Konzern nach nur einem Jahr wegen ihrer Heimflüge per Firmenjet verlassen musste, waren die Walldorfer wild entschlossen, noch eine Enttäuschung zu verhindern. Man beauftragte die größte internationale Personalberatung, Korn/Ferry. Der Marschbefehl: stabilisieren, Ruhe hineinbringen. Und: keine geschlechtlichen Präferenzen.

Die Headhunter schwärmten aus und präsentierten Kandidaten, Frauen und Männer, man führte erste Gespräche. Doch dann trafen Mitte Oktober die Dax-Personalvorstände mit Schröder und von der Leyen zusammen. Letztere hatte mal wieder mit einer gesetzlichen Quote gedroht, die Stimmung war frostig, Ergebnisse mussten her. SAP Börsen-Chart zeigen sagte 25 Prozent Frauenanteil in Führungsjobs bis 2017 zu - ein Mann als Dammann-Nachfolger wäre das falsche Signal gewesen.

Alibi-Vorstandsposten für Frauen?

An die Headhunter, so wird im Konzern erzählt, erging ein neuer Auftrag: Es müsse nun doch eine Frau sein; auch intern sei wieder gesucht und Kandidatinnen seien auf die Liste gesetzt worden, die man zuvor ausgeschlossen hatte. Schließlich wurde die Softwareschmiede fündig: Im September wird die langjährige Procter&Gamble-Managerin Luisa Deplazes Delgado ihren Job als Personalvorstand aufnehmen. Es war das Ende einer einjährigen, holprigen Hängepartie.

Immerhin: In der Branche genießt Delgado einen hervorragenden Ruf. Trotz langer Suche wünschen sich viele, ihr Beispiel möge Schule machen: "Der Meritocracy-Gedanke, dass der oder die Beste den Job bekommt, sollte bei Besetzungen gewahrt bleiben", sagt Thomas Tomkos, Deutschland-Chef von Russell Reynolds. Das heiße nicht, meint Manfred Gentz, dass für Frauen in Spitzenjobs die gleichen Qualifikationen gelten müssten wie sie es jahrzehntelang für Männer getan hätten: "Das können auch andere, neue Kriterien sein, aber Führungserfahrung, Internationalität und geistige Flexibilität sollten Leitplanken bleiben." Wenn Qualität vor Proporz geht, wird sich der Kampf der Geschlechter von selbst erledigen.

Wenn nicht, könnte eine Anekdote real werden, die unter Personalern kursiert. Bei einem Arbeitstreffen von Dax-Personalmanagern und Mitarbeitern des Familienministeriums, so erzählt man sich, habe ein Teilnehmer am Rande gefragt: "Haben Sie eigentlich keine Angst, dass wir einfach ein paar Alibi-Vorstandsposten für Frauen schaffen?" Darauf die Vertreterin des Ministeriums: "Das würden Sie nicht wagen, das wäre viel zu teuer für die Unternehmen."

Nicht wenige Personaler sollen breit gegrinst haben.

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