Mittwoch, 20. September 2017

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Frauenquote Mann über Board

Dax-Vorstände: Frauen in deutschen Topetagen
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Corbis

3. Teil: Je visibler die Position, desto höher der Druck

Doch über den Wegzum Erfolg wird heftig gestritten: EU-Kommissarin Viviane Reding und Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen wollen eine gesetzliche Quote für Vorstände und Aufsichtsräte. Reding hat angekündigt, im Herbst einen Gesetzentwurf vorzulegen mit der Zielmarke von 40 Prozent in Aufsichtsräten bis 2020. Von der Leyens Parteifreundin Kristina Schröder dagegen setzt auf die freiwillige "Flexi-Quote" der Unternehmen, ein Gesetz dazu scheiterte bislang an der FDP.

Die Wirtschaft wiederum präsentierte auf dem letzten Gipfel der Dax-Personalchefs mit den beiden Ministerinnen im Sommer äußerst magere Fortschritte - will sich aber trotzdem von der Regierung am liebsten gar nicht hineinreden lassen und bringt deshalb nicht nur publikumswirksam Vorstandsfrauen in Stellung, sondern hat sich im vergangenen Jahr auch selbst Zielvorgaben verpasst, um der Politik den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Alles zusammen ergibt eine Gemengelage, in der jeder sein Süppchen kocht und viele verunsichert sind. "Der politische Auftrag ist unpräzise, und die Firmen haben ihn unterschiedlich interpretiert, sodass oft Hauruck-Aktionen statt langfristiger Planung dominieren", klagt Walter Jochmann, Geschäftsführer bei Kienbaum Consultants.

Jochmann gehört einer Zunft an, die von der "Ladies First"-Devise besonders umgekrempelt wird: den Personalberatungen. Bei jeder Suche müssen meist um die 50 Prozent qualifizierte Frauen auf der Shortlist stehen; oft, sagt ein Berater, "ist auch vorher klar, dass es am Ende eine Frau werden soll". Quer durchs Land berichten die Headhunter von verunsicherten Männern, die auf keiner Liste mehr auftauchen und wenn doch, nur noch als Zählkandidat. Die Nerven liegen blank im Y-Universum. "Motivationsseitig wird hier gerade viel Porzellan zerschlagen", sagt Andreas Halin von Global Mind Executive Search Consultants. Gratifikationskrise, Testosteron und Angst - eine brisante Mischung.

Oberhalb von zehn Jahren wird es eng

Es gilt: Je visibler die Position, desto höher der Druck, sie zu verweiblichen. Von "Besetzungshysterie" ist die Rede, Manager nölen über "gefällige Abkürzungen für Frauen". Das Problem, klagen Berater im Schutz der Anonymität: Der Pool an Frauen, die für bestimmte Level, Aufsichtsratsmandate etwa, infrage kommen, ist überschaubar. Bis zu einer Senioritätsstufe von zehn Jahren sei alles gut, weiter oben wird's eng. "Da wird dann eher nach Öffentlichkeitswirkung als nach Sinn oder Werdegang entschieden", sagt ein Headhunter. "Was da abläuft, ist oft irrational und ärgerlich."

Bei mancher Berufung in jüngerer Zeit hoben sich Augenbrauen. Über Simone Menne etwa, die als CFO in den Lufthansa-Vorstand einzog, hieß es zunächst, sie habe nicht genug Kapitalmarkterfahrung. Oder Regine Stachelhaus, seit gut zwei Jahren Eon-Personalvorstand: Zu wenig Expertise und Internationalität, lautete erst das Urteil.

Kommen jetzt, wie Kritiker befürchten, schlechter qualifizierte Frauen an die Spitze, weil es zu wenige Topdamen gibt? Unsinn, antwortet selbstbewusst Marion Schick, Seiteneinsteigerin im Telekom-Vorstandsressort Personal und vor Amtsantritt skeptisch betrachtet wegen mangelnder Börsen- und Dax-Erfahrung: "Eine Firma, die niedrigere Qualifikationen akzeptiert, würde an ihrer Basis sägen." Aber natürlich habe sich die Art der Qualifikation geändert, so Schick: "Das wurde auch höchste Zeit! Wir wollen doch unterschiedlichere Profile und mehr Querdenker. Es ist gut, dass wir auch die Personalberater endlich mehr fordern."

Tatsächlich demonstriert das Gros der neuen Vorstandsfrauen ja, dass man kein Y-Chromosom braucht, um ganz oben mitspielen zu können: Elke Strathmann etwa, Personalvorstand bei Conti, gilt als Topbesetzung ebenso wie Elke Eller, demnächst im Vorstand von VW Nutzfahrzeuge, oder Milagros Caiña Carreiro-Andree, die bei BMW Börsen-Chart zeigen das Personalressort leitet - nachdem Großaktionärin Susanne Klatten persönlich auf mehr Frauen im Vorstand gedrängt hatte.

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