Samstag, 18. November 2017

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Frauenquote Mann über Board

Dax-Vorstände: Frauen in deutschen Topetagen
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Corbis

2. Teil: Das starke Geschlecht ist alarmiert

Sicher, es ist nicht mehr als ein Anfang, denn noch immer spottet der Frauenanteil im Topmanagement jeder Beschreibung. Noch immer holen sich Frauen wie Tina Müller (44) schmerzhafte Beulen an gläsernen Decken. Die Henkel-Managerin und Marketing-Koryphäe gilt als so umtriebige wie ehrgeizige Ausnahmebegabung und wurde einige Zeit als Nachfolgerin von Kosmetikvorstand Hans Van Bylen gehandelt. Dann aber wurde dessen Vertrag überraschend verlängert - Müller kehrte Henkel Börsen-Chart zeigen den Rücken und wird wohl bei Beiersdorf Börsen-Chart zeigen anheuern, wo ein Vorstandsposten in Aussicht ist.

Die Causa Müller könnte, unter umgekehrten Vorzeichen, einen Vorgeschmack geben auf die nächste Runde des Klassikers "Männer vs. Frauen". Denn so klein die Fortschritte auch sein mögen, der Zauber der Veränderung ist spürbar, der jedem Anfang innewohnt.

Das starke Geschlecht ist alarmiert. Mehr als 32 Prozent der männlichen Manager klagen über negativen Einfluss von Frauenförderprogrammen auf die eigene Karriere. Das ergab eine Umfrage des Verbands VAA, der Fach- und Führungskräfte der Chemiebranche vertritt. Für die Zukunft rechnet sogar jeder zweite befragte Mann mit Beeinträchtigungen des eigenen Aufstiegs durch die Maßnahmen - während fast 40 Prozent der weiblichen Manager von positiven Folgen ausgehen.

"Es ist bemerkenswert, dass mehr als die Hälfte der weiblichen Führungskräfte von den Förderungen keinen Einfluss auf die eigene Karriere erwartet", sagt VAA-Hauptgeschäftsführer Gerhard Kronisch.

Karrierepläne müssen umgeschrieben werden

Unter den Herren der Schöpfung ist bereits die Rede von einer verlorenen Generation männlicher Führungskräfte, die ihre fein ziselierten Karrierepläne nun um- oder gleich abschreiben müssten, weil das Y-Chromosom in den Chefetagen nicht mehr en vogue sei.

Zwar sind viele Wortmeldungen vorsorgliche Abwehrgefechte gegen die gefürchtete gesetzliche Quote, die Klaus-Peter Müller etwa für "schlicht unseriös" hält. Der Oberaufseher der Commerzbank und Vorsitzende der Corporate-Governance-Kommission, der im Jahr bis zu 30-mal über Frauenförderung referiert, wurde von der "FAZ" zitiert mit dem Satz: "Wer die Erreichung von solchen Quoten bis 2018 oder 2020 fordert, muss wissen, dass dann für die nächsten sechs bis acht Jahre in vielen Unternehmen kein einziger Mann mehr in diese Ebenen befördert werden kann."

Doch auch besonnenere Charaktere wie der Ex-Debis-Chef und frühere Aufsichtsrat der Deutschen Börse, Manfred Gentz, gehen davon aus, dass es "eine vorübergehende Benachteiligung von gleich oder sogar etwas besser qualifizierten Männern geben wird", weil die Unternehmen endlich sichtbare Erfolge nachweisen wollen.

Wird jetzt also zurückdiskriminiert? Aus der Perspektive von mehr als 2000 Jahren Benachteiligung der Frauen wäre dies durchaus zu verschmerzen. Doch geht es ums eigene Fortkommen, dürfte es vielen Managern am Sinn für historische Blickwinkel mangeln. Demotivation und Abwanderung männlicher Leistungsträger wären die Folge. Den Konzernen droht, wenn sie nicht gegensteuern, ein Kampf der Geschlechter.

Dabei sind sich über das Ziel alle einig. Wir brauchen mehr Frauen in Führungspositionen, viel mehr. Beispiel Vorstände und Aufsichtsräte börsennotierter Unternehmen: Trotz jahrelanger Debatte ist der Anteil der Frauen dort EU-weit seit Ende 2010 gerade einmal von 12 auf 14 Prozent gestiegen. Dabei, sagt die Betriebswirtin und Genderforscherin Gudrun Sander von der Uni St. Gallen, "zeigen verschiedenste Studien, dass gemischte Teams produktiver und kreativer arbeiten". Die Schweizer Bank Vontobel hat gar ein Index-Zertifikat aufgelegt, das nur Titel von Unternehmen mit weiblicher Führung enthält.

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