Sonntag, 2. August 2015

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Euro-Krise Italiens kolossale Probleme

Euro-Krise: Italien versinkt immer tiefer in der Misere
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DPA

In Italien ist die Lage weiterhin kritisch. Hat das Land noch die Kraft für einen Turnaround? Zeit, sich auf einige Stärken zu besinnen.

Die Schönheit Italiens hat schon vielen die Sinne vernebelt. Besonders hier in den umbrischen Hügeln, wo Olivenhaine silbern schimmern, Sonnenblumen im warmen Sommerwind nicken und sich idyllische Steinbauten an Bergrücken schmiegen. Brunello Cucinelli blickt auf diese Landschaft von seiner Burg im Dörfchen Solomeo aus und deklamiert theatralisch: "Wir leben in einer goldenen Ära. Nie waren die Aussichten für Italien besser."

Wie bitte?

Entweder liest der Kaschmir-König, der Luxuswaren aus Feinstrick und Leder produziert, keine Zeitung. Oder der Modeunternehmer ignoriert in dem abgeschiedenen Bergnest, das ihm samt Theater, Piazza, Osteria und Villa fast vollständig gehört, geflissentlich die Realität in seinem Heimatland.

Die Fakten jedenfalls zeugen von schlechten, nicht von guten Zeiten. Die Wirtschaft auf der Apennin-Halbinsel steckt nicht erst seit den weltweiten Finanzmarktturbulenzen vor fünf Jahren in der Krise. Doch sie stagniert schon viel länger. Bereits seit den 90er Jahren nahmen Bruttoinlandsprodukt (BIP) und Produktivität in der immer noch potenten Industrienation kaum mehr wahrnehmbar zu. Der Weltmarktanteil italienischer Exportgüter ist seit 1990 von 4,9 auf 2,9 Prozent zurückgegangen.

Der kontinuierliche Niedergang verwundert die Experten der Weltbank wenig. Nach ihren Erhebungen macht es die Mittelmeerrepublik Unternehmen sehr schwer, Geschäfte zu tätigen: Im "Ease-of-Doing-Business-Ranking" der Weltbank steht der Standort Stiefel auf Platz 87, immerhin vor Jamaika und Sri Lanka. Auch der Global Competitiveness Report des World Economic Forum offenbart alarmierende Defizite bei der Qualität des öffentlichen Sektors.

Wegen solch gravierender struktureller Defizite rutschte die italienische Ökonomie nach der Pleite der US-Investmentbank Lehman 2008 in eine Rezession. Seither ist das BIP um knapp 5 Prozent gesunken, und kommendes Jahr droht es weiter bergab zu gehen.

Alarmierende Defizite auf der Appenin-Halbinsel

Das produzierende Gewerbe, gemeinhin als Vorzeigesektor Italiens hochgeschätzt, verlor nach Angaben seines Verbands Confindustria im gleichen Zeitraum sogar ein Viertel seiner Leistung. Die Arbeitslosigkeit kletterte im Juni dieses Jahres auf den Rekordwert von 10,8 Prozent. Ein Drittel der Jugendlichen hat keinen Job.

In dieser prekären Lage senkten auch noch die Ratingagenturen den Daumen. Zuletzt stufte Moody's die Kreditwürdigkeit des mit mehr als 120 Prozent seines BIP hoch verschuldeten Landes auf gerade mal zwei Noten über Ramschniveau herab. Folgerichtig steigen die Zinsen weiter. Staat und Unternehmen müssen deutlich mehr für Kredite zahlen als derzeit in Deutschland üblich - so würgt die Schuldenlast das letzte bisschen Dynamik ab.

Ein fataler Abwärtsstrudel, der den Euro mit in den Abgrund zu reißen droht. Die drittgrößte Ökonomie der Währungsgemeinschaft ist zu groß und viel zu hoch verschuldet, als dass sie neben Spanien durch die Rettungsschirme EFSF und ESM aufgefangen werden könnte. Allenfalls die Europäische Zentralbank (EZB) könnte die Zinslast durch Anleihekäufe senken - der Entschluss der EZB, notfalls Anleihen von Krisenstaaten aufzukaufen, verschafft Regierungschef Mario Monti also etwas Zeit. Doch auch damit lassen sich die strukturellen Probleme nicht dauerhaft kurieren.

Die Zukunft der italienischen Wirtschaft ist inzwischen zur großen europäischen Schicksalsfrage geworden: Können die Firmen zwischen Parma und Palermo endlich wieder Wachstum generieren? Gelingt es, die "gefährlichste Volkswirtschaft der Welt" (so das US-Magazin "Time") mit neuer Dynamik aus der Schuldenfalle zu befreien?

manager magazin hat Unternehmer und Topmanager in dem krisengeschüttelten Land besucht, um die Chancen für einen selbsttragenden Aufschwung in der Heimat von Illy-Kaffee und Prada-Handtaschen zu ergründen.

In historischen Gemäuern und stylishen Showrooms schwankte die Stimmung der ökonomischen Elite bei unzähligen Espressi zwischen hyperoptimistisch und superskeptisch. Selbst um den italienischen Dramafaktor bereinigt, bleibt ein zwiespältiges Bild: Von Armani bis Ferrari, von Alessi bis Ferrero feiern einzelne Unternehmen zwar große Erfolge, expandieren global und brillieren mit innovativen, schicken oder leckeren Produkten.

Doch niemand wagt zu prognostizieren, ob die erfolgreichen Firmen Italiens Zukunft prägen werden - oder ob sie bloß Überbleibsel der Vergangenheit sind.

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