Freitag, 23. Juni 2017

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Rüstungsindustrie Deutsche Waffenschmieden unter Beschuss

Deutsche Waffenhersteller: Wer noch Geld für Rüstung ausgibt
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DPA

4. Teil: Eroberung der Schwellenländer - doch produziert werden muss vor Ort

Trotz der teilweise unterschiedlichen Strategien eint die Firmen ein Ziel: Sie wollen in jene Länder vorstoßen, die ihre Militärausgaben deutlich steigern werden. Indien plant, sein Verteidigungsbudget bis 2015 um 27 Prozent zu erhöhen, Saudi-Arabien stockt um fast 40 Prozent auf, Brasilien legt um 22 Prozent zu (siehe Grafik links).

Die ausgabefreudigen Staaten zeigen durchaus Interesse an deutschen Waffen, allerdings stellen sie bei den Ausschreibungen immer häufiger eine wesentliche Bedingung: Produziert werden muss vor Ort.

Beim Marineableger von ThyssenKrupp Börsen-Chart zeigen sind solche Deals schon lange gang und gäbe. TKMS betreibt das Engineering, den Einkauf und das Projektmanagement für Kriegsschiffe und vergibt für den Bau eine Lizenz an den Kunden, etwa an Griechenland oder die Türkei.

Mit der Lizenzierung verdient TKMS ordentlich Geld, zieht sich aber gleichzeitig die eigene Konkurrenz heran. Beispiel Südkorea, ein großer Abnehmer von TKMS. Das Land fertigt mittlerweile selbst entwickelte U-Boote und buhlt derzeit um einen Auftrag der indonesischen Marine, der auch TKMS zupass käme.

Technologieklau hin oder her - die deutschen Rüstungshäuser müssen die Schwellenländer erobern, sonst können sie nicht bestehen. Bis 2015 wachsen die europäischen Verteidigungsbudgets nur noch moderat. Und da im gleichen Zeitraum die amerikanischen Militärausgaben stagnieren werden, ist mit immer heftigeren Angriffen der Wettbewerber auf die tradierten Märkte der Deutschen zu rechnen.

Kannibalisierung der Europäer

Der Druck wäre weit weniger stark, wenn sich die Europäer nicht kannibalisieren würden. Allein bei Panzern treten Firmen aus sechs EU-Nationen gegeneinander an. Bei Kampfflugzeugen sieht es nicht viel besser aus. Franzosen, Schweden und ein Konsortium aus Deutschen, Spaniern, Briten und Italienern haben jeweils eigene Jets entwickelt und schnappen einander die Aufträge weg - wie vor ein paar Monaten bei einer Ausschreibung in Indien, als der französische Rafale den Eurofighter ausstach.

Anläufe zur Zusammenarbeit gibt es seit Dekaden, sehr viel mehr als das Gemeinschaftsunternehmen EADS ist dabei nicht herausgekommen. Den jüngsten Vorstoß wagte der Staatssekretär im Bundesverteidigungsministerium, Stéphane Beemelmans, als er vor einigen Wochen verkündete, Paris, London und Berlin würden gemeinsam ein unbemanntes Flugzeug entwickeln und eine Einkaufskooperation für Waffen bilden.

Ob die Projekte tatsächlich über die Einsetzung von Arbeitsgruppen hinauskommen, ist fraglich. Kenner der Szene glauben, dass die Vorhaben auch diesmal an nationalen Egoismen scheitern werden.

Daher kann es der deutschen wehrtechnischen Industrie nur recht sein, dass sich die Bundesregierung neuerdings intensiver für ihre Belange im Ausland einsetzt. Zwar wirbt Angela Merkel längst nicht so unverhohlen wie die Politiker Frankreichs, Großbritanniens oder der USA. Etwas mehr Unterstützung als ihre Vorgänger gibt die Kanzlerin aber schon.

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