Sonntag, 19. November 2017

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Springer, Bauer, Bertelsmann Frauenwirtschaft

Medienfrauen: Wer im Verlagswesen das Sagen hat
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2. Teil: Verlagsgruppe WAZ: Petra Grotkamp

Das Erstaunen war nicht gering, als Petra Grotkamp, eine Dame von immerhin 68 Jahren, auf geradezu vernunftwidrige Weise ihren Anteil an dem Verlag, den ihr Vater mitbegründet hatte, im Januar von 16,7 auf 66,7 Prozent hochjubelte und für diese Aufwallung eine halbe Milliarde Euro auszugeben bereit war.

Das Zeitungsgeschäft gilt nicht als Verlockung, weltweit versuchen die Herren Verleger, sich vom Druckgeschäft unabhängiger zu machen. Doch Petra Grotkamp, geborene Funke, sagte: Sie habe sich dem Erbe ihres Vaters "sehr verpflichtet" gefühlt und sie wolle "dessen Werk fortgesetzt sehen".

Die Verlagsgruppe, 1948 von Jakob Funke und Erich Brost ins Leben gerufen, hatte sich bis dahin je zur Hälfte im Besitz ihrer Nachfahren befunden: zweier Sippen, die sich nicht ausstehen konnten, aber durch einen Gesellschaftervertrag aneinandergekettet waren, der Anteilsverkäufe durch eine Reihe irrwitziger Vorkaufsrechte und Zustimmungsverpflichtungen nahezu unmöglich machte und obendrein verlangte, dass alle Entscheidungen einstimmig zu treffen seien.

Als die Brost-Enkel, drei junge Leute zwischen 19 und 24 Jahren, durchblicken ließen, dass sie verkaufswillig seien, griff Petra Grotkamp so beherzt zu, als habe sie 68 Jahre lang nur auf diesen Augenblick gewartet: Werkzeug und Vollstreckerin des väterlichen Willens zu sein.

Als Anhängerin des Reitsports ist sie eine praktisch veranlagte Natur, nicht von klassischer Bildung, aber resolut und in gewisser Weise verwegen und furchtlos. Was häufig genug nicht schlechter ist als eine klassische Bildung. "Auf Sitzungen sagt sie in sieben Stunden manchmal nur einen Satz", erzählt ein Ohrenzeuge. Aber vormachen ließe sie sich nichts: "Lebensschlau" sei sie, fühle sich "als Gralshüterin ihres Vaters", immer noch erfüllt von der Freude, die Brosts, von denen sie nie viel gehalten hat, aus Vaters Firma hinausgeschmettert zu haben.

Ein Angriff wie aus dem Lehrvideo

Ihr Angriff, gewandt und mannhaft ausgeführt, vorgetragen mit Schneid und Schmiss, könnte als Lehrvideo für die M&A-Schulung dienen. Denn es war nicht nur ein sentimentales, dem Familiensinn und der Tochterliebe gehorchendes Geschäft: Es war vor allem lohnend.

Der WAZ-Apparat schreibt beträchtliche Gewinne und ist deutlich mehr wert als die bei dem Eigentümerwechsel als Messgröße veranschlagte eine Milliarde Euro - vorausgesetzt, dass die Vinkulierung der Firmenanteile aufgehoben, mithin der Gesellschaftervertrag geändert wird, und selbstverständlich drängt die neue Mehrheitseignerin auch darauf, dass das Einstimmigkeitsprinzip fällt.

Beide Änderungen bedürfen der Zustimmung, und so ist Petra Grotkamp bislang nur so mächtig, wie ihre Miteigner - Schwester und Neffe - es zulassen.

Ihr engster Berater und Instrukteur ist der Anwalt Andreas Urban (56), Partner der Kanzlei Heuking Kühn Lüer Wojtek in Düsseldorf. Urban ist ein Rationalist alter Schule und gilt - in Anlehnung an Axel Springers mächtigen Testamentsvollstrecker - als "Servatius von der Ruhr". WAZ-Legende Günther Grotkamp tritt dagegen kaum noch in Erscheinung: Der Haudegen wisse zwar jede Menge, das meiste davon sei aber von gestern.

Welchen Plan Petra Grotkamp mit ihrem Neuerwerb verfolgt? Sie besitzt nach alter Sitte, indem sie einfach hat. Und indem sie es eines bitteren Tages an ihre drei Kinder vererbt. Das muss genügen.

Um alles Weitere kümmern sich ihre Verlagschefs Christian Nienhaus und Manfred Braun. Die beiden bilden keine üble Kombination. In der Gilde gibt es wenige, die es mit ihnen aufnehmen können.

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