Sonntag, 24. Juli 2016

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Burn-out Stilles Drama

Immer mehr erschöpfte Manager: In Deutschland wurde das Phänomen Burn-out lange unterschätzt

Deutschlands erstes Burn-out-Ranking zählt Zehntausende Erschöpfte in den Dax-Konzernen. manager magazin zeigt, wo Mitarbeiter am meisten leiden.

Hamburg - "Hotel Intercontinental" in Frankfurt, 4. November 2010, Betriebsrätekonferenz der Deutschen Bank. 500 Delegierte aus allen Regionen und Geschäftsbereichen des Geldhauses sind versammelt. Am zweiten Tag kommt wie immer der Vorstand dazu.

Die Mitarbeitervertreter haben ein heißes Eisen im Gepäck. Zum ersten Mal setzen sie das Thema psychische Belastungen am Arbeitsplatz auf die Tagesordnung. In der Bank kursiert zu diesem Zeitpunkt eine Mitarbeiterbefragung, in der zahlreiche Beschäftigte angeben, am Rande ihrer psychischen Belastungsgrenze zu arbeiten.

Personalvorstand Hermann-Josef Lamberti hört sich den Vortrag an und antwortet kurz: Das Thema psychische Belastungen, lässt er die Arbeitnehmervertreter wissen, werde übertrieben. In der Deutschen Bank Börsen-Chart zeigen sei es kein Thema. Handlungsbedarf sehe er nicht.

Der Alarmruf der Beschäftigten wurde nicht gehört.

Wie die Deutsche Bank Börsen-Chart zeigen haben viele Unternehmen in Deutschland das Phänomen Burn-out lange unterschätzt, bis heute. Von "tragischen Einzelfällen" wird gesprochen, das Phänomen als "Modekrankheit" verunglimpft. Auch als die Sensibilität für das berufliche Ausbrennen in der Gesellschaft wuchs und sich Prominente aus Sport und Showbiz wie Starkoch Tim Mälzer und Ex-Schalke-Trainer Ralf Rangnick geoutet hatten, bekannte kaum ein Topmanager öffentlich, mit seinen Kräften am Ende zu sein.

Dabei zeigen die Zahlen seit Langem, dass sich etwas zusammenbraute. Allein zwischen 2004 und 2010 hat sich die Zahl der burn-out-bedingten Arbeitsunfähigkeitstage in deutschen Unternehmen von 8,1 auf 72,3 pro 1000 Versicherte nahezu verneunfacht, wie eine Studie des wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) zeigt. Jede siebte Krankschreibung im ersten Halbjahr 2011 basierte auf Burn-out oder Depression. Im Schutz der Anonymität geben nun selbst Manager ihre Sorge vor chronischer Erschöpfung zu Protokoll: In einer Umfrage des Deutschen Führungskräfteverbands (ULA) äußerten 76 Prozent der befragten Mitglieder, die Häufigkeit beruflicher Burn-outs habe in ihrem unmittelbaren Umfeld zugenommen.

Antriebsschwäche, Erschöpfungszustände, Depression: Der Burn-out ist längst in der Masse der Betriebe und Führungsetagen angekommen.

Deutschland brennt - nur wahrhaben wollte es lange niemand.

Wie ernst die Lage in vielen Firmen ist, belegt erstmals eine Untersuchung von Asklepios, Europas führender privater Klinikkette. Auf Basis der Zahl ihrer stationären Patienten haben Asklepios-Mediziner die Menge der unter Burn-out-Symptomen leidenden Beschäftigten der Dax-Konzerne beziffert. Die Ergebnisse liegen manager magazin exklusiv vor (siehe Tabelle).

Die Unterschiede zwischen einzelnen Konzernen sind zum Teil dramatisch. Und in der Summe ist die Zahl der Burn-out-Opfer erschreckend hoch. Sind die Deutschen also überarbeitet? Machen die Konzerne ihre Mitarbeiter krank?

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