Montag, 21. August 2017

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Compliance Terror der Tugend

Selters statt Sekt: Fünf Tipps für eine gute Compliance
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Oliver Sperl

Daimler, Siemens, MAN: Deutschlands Konzerne wollen endlich sauber werden. Opfer sind oft die Manager, die sich zunehmend im Paragrafendschungel verheddern. Ein Blick auf die wachsende Compliance-Industrie und die Betroffenen.

Was hat nicht alles schon eine Rolle gespielt, wenn beim Automobilhersteller Daimler in den letzten Jahren führende Mitarbeiter gehen mussten. Mal war es ein Heimkino im Wert von 89.000 Dollar, mal eine Flasche Champagner, die der Minibar entnommen wurde; dann wieder ein ehemaliger Konzernchef, der seinen kleinen Bruder vor Schlimmerem bewahrte.

Aber dass der Vorstandsvorsitzende, ein berühmter Schönheitschirurg und beider Herren Töchter ins Spiel kommen, das gehört auch bei Daimler Börsen-Chart zeigen ins Raritätenkabinett.

Die eigentliche Hauptfigur des Falls ist ein ehemaliger Topmanager der Landesgesellschaft in Italien. Dem Mann hat der Konzern mittlerweile dreimal gekündigt, mal fristlos, mal fristgerecht, mit immer neuen Begründungen.

Anfang Mai traf man sich - Daimler hatte in erster Instanz verloren - vor dem Landesarbeitsgericht. Diesmal hatte der Konzern unter anderem eine Quittung eines Hotels in Rom aus den Archiven gefischt: 504 Euro hatte Mercedes-Benz Italien 2008 an die Herberge gezahlt. Der Gekündigte habe, so argwöhnten die Daimler-Ermittler, einen privaten Gast auf Firmenkosten übernachten lassen. Der Manager indes beteuerte, bei den 504 Euro handele es sich um eine Anzahlung, die Daimler für eine Praktikantin geleistet habe. Das Geld sei längst zurückgeflossen. Eine Ausrede, befanden die Ermittler. Mercedes-Benz Italien habe in der fraglichen Zeit keine Praktikanten beschäftigt.

Die Tugendwächter machen mobil

Die Prüfer hätten es besser wissen sollen: Es handelte sich um die Tochter des fernsehbekannten Schönheitschirurgen Werner Mang (62). Sie durfte in Rom ins Daimler-Management hineinschnuppern; genauso wie die Tochter von Daimler-Chef Dieter Zetsche (59) einige Jahre später in Mangs Schönheitsklinik famulieren sollte. Die beiden Herren schrieben sich sogar Briefe; es ging unter anderem um Formel-1-Tickets, die der Chirurg erbeten hatte, die der Konzern ihm aber nicht gratis geben wollte. Mang sollte 4000 Euro pro VIP-Karte zahlen. Zetsches Tochter musste schließlich auf das Praktikum verzichten.

Eine strittige Hotelkaution als Kündigungsgrund, das klingt absurd - schon gar unter diesen etwas pikanten Umständen. Doch ähnlich bizarre Fälle gibt es aktuell häufiger in Deutschland.

Die Tugendwächter machen mobil. Die Korruptionsskandale bei den Industriegiganten Siemens Börsen-Chart zeigen und Daimler Börsen-Chart zeigen, bei Lkw-Hersteller MAN Börsen-Chart zeigen und Industriedienstleister Ferrostaal haben sie alarmiert. Eine ganze Serie spektakulärer Kartellfälle und nicht zuletzt die Affäre um den zurückgetretenen Bundespräsidenten Christian Wulff (52) erhöhten die Sensibilität für jegliche Art möglichen Fehlverhaltens noch.

Die Konsequenzen all dieser Skandale und Skandälchen lassen die Führungszirkel der deutschen Wirtschaft erzittern: Strafzahlungen teilweise in Milliardenhöhe; Ermittlungen, die dreistellige Millionensummen verschlingen; ein rundes Dutzend Vorstände, das seine Posten räumen musste.

Im Eiltempo mühen sich die Unternehmen, die Versäumnisse der Vergangenheit nachzuholen. "Viele Konzernchefs agieren, als wollten sie Compliance-Weltmeister werden", sagt der Berliner Compliance-Experte Peter Fissenewert von der Kanzlei Buse Heberer Fromm. Die Arbeit der Saubermänner artet teilweise aus wie einst Robbespierres Terror der Tugend während der Französischen Revolution.

Was noch vor wenigen Jahren maximal als lässliche Sünde galt und von den Konzernzentralen zumindest stillschweigend hingenommen wurde, kann jetzt schnell den Job kosten. Es gilt das Schlagwort der "Zero Tolerance"; im Zweifel wird nicht mehr für, sondern gegen den Angeklagten entschieden.

Die Menge neuer Richtlinien verunsichert dabei bisweilen mehr, als dass sie aufklären hilft. Es kommt zu merkwürdigen Anweisungen wie jener, die Daimler-Ausbildungsmeistern im vergangenen Jahr beim Einführungstag der neuen Auszubildenden verbot, sich bei Kaffee und Kuchen zu bedienen. Das, so die Ansage, sei nicht mit der Compliance zu vereinbaren.

Die Konsequenz: Der normale Manager weiß mitunter nicht mehr, wie er sich verhalten muss, wenn er die Guillotine vermeiden will. So kommt es, dass ein unzweifelhaft notwendiger neuer Ethikstandard und mächtige Compliance-Systeme durch Angst und Übereifer zum Schrecken der Mitarbeiter werden.

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