Mittwoch, 20. September 2017

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Compliance Terror der Tugend

Selters statt Sekt: Fünf Tipps für eine gute Compliance
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Oliver Sperl

5. Teil: IV. Die Auswege

"Egal wie gut Sie vorsorgen: Wer schmieren will, der findet immer einen Weg", hat Manfred Wennemer (64), Aufsichtsratschef des Baukonzerns Hochtief, erkannt. Wennemer ist skeptisch gegenüber dem Hang zur allfälligen Kontrolle. Er hat seine eigene, ganz einfache Methode entwickelt.

Anfang des vergangenen Jahrzehnts, als Wennemer noch dem Automobilzulieferer Continental Börsen-Chart zeigen vorstand, drangen plötzlich Nachrichten über merkwürdige Usancen in die Hannoveraner Konzernzentrale. Conti hatte wenige Jahre zuvor ein großes Reifenwerk im rumänischen Timisoara gebaut - und jetzt, die Fabrik produzierte inzwischen täglich bis zu 40.000 Reifen, verzögerte sich plötzlich regelmäßig die Abfertigung am Zoll. Der für Conti tätige Spediteur bot an, das Problem zu regeln. Das koste allerdings eine Servicegebühr. So seien halt die Regeln beim dortigen Zoll.

Okay, da müssen wir wohl zahlen, dachten die zuständigen Conti-Manager. Wennemer indes, allseits bekannt als so knauserig wie prinzipientreu, mochte das nicht einsehen. Er rückte das geforderte Geld nicht heraus.

Und tatsächlich: Zunächst steckte zwar der ein oder andere Lkw an der Grenze fest, und Conti fing sich eine Anzeige ein, weil das Unternehmen angeblich illegale Maschinen eingeführt hatte. Bald lief aber alles wieder reibungslos.

"Tone from the Top" nennen die Juristen es, wenn Vorstandsvorsitzende ihre Prinzipien vorleben. Siemens-Chef Peter Löscher (54) etwa gehört zu denen, die auch intern immer wieder die klare Botschaft vermitteln: "Wir wollen das nicht."

Aber braucht er wirklich 600 Compliance-Mitarbeiter, um seine Leitlinie abzusichern? Schon kleine Änderungen können häufig Großes bewirken (siehe Kasten "Selters statt Sekt") .

Die Suche nach dem richtigen Maß

Etwa veränderte Bonussysteme im Vertrieb: "Wenn Sie Zuschläge nicht von der Gewinnspanne, sondern von nachhaltigeren Kriterien abhängig machen, senken Sie das Risiko von Preisabsprachen deutlich", sagt Stephan Müller, Partner der Kanzlei Oppenhoff & Partner.

Auch bei der Integration der Compliance-Einheiten in das Alltagsgeschäft sehen Experten noch viel Raum für Verbesserung. So will Daimler seine Compliance-Manager langfristig in die operativen Geschäftseinheiten integrieren. Sie sollen direkt in Einkauf, Produktion und Vertrieb arbeiten. So könnten sie erheblich früher auf Fehlentwicklungen reagieren.

Als Vorbild gelten ausgerechnet die sonst oft gescholtenen Banken. Sie binden ihre Kontrolleure meist schon in die Entwicklung neuer Angebote ein. "Wenn ein Produkt erst einmal fertig ist, können Sie es kaum noch stoppen", erzählt ein Finanzmanager. "Dann ist schon zu viel investiert worden."

Wichtig ist auch, dass sich Manager, die etwas vom Geschäft verstehen, um Compliance-Themen kümmern. "Der ideale Kandidat hat selbst schon einmal in der Linie gearbeitet, er kennt die täglichen Probleme und bietet pragmatische Lösungsvorschläge an, statt nur Nein zu sagen", sagt der Frankfurter Headhunter Andreas Halin.

Aber egal, wie professionell sich die Unternehmen absichern: Das Thema Compliance und die Suche nach dem richtigen Maß wird der deutschen Wirtschaft lange erhalten bleiben.

Noch schleicht sich mitunter seltsam laxes Vorgehen ein. So auch bei einem eigentlich für solide Compliance bekannten Finanzkonzern. Soll dort jemand nach eingehenden Ermittlungen entlassen werden, beantragen die Vorgesetzten häufig eine Zweituntersuchung - zumindest bei guten Mitarbeitern. Und siehe da, nicht selten ändert sich dann das Ergebnis. "Manchmal gibt es neue, entlastende Beweise", sagt ein Beteiligter. "Aber längst nicht immer ..."

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