Sonntag, 19. November 2017

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Compliance Terror der Tugend

Selters statt Sekt: Fünf Tipps für eine gute Compliance
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Oliver Sperl

4. Teil: III. Die Betroffenen

Es ist nicht lange her, da hatte der Einkaufschef eines Dax-Konzerns mächtig Glück, dass er nur auf seinen Jahresbonus verzichten musste - und nicht gleich auf seinen Job. Der Mann hatte gegen eine Compliance-Richtlinie verstoßen, weil er seiner Sekretärin das Passwort für seinen Computer gegeben hatte. So wie es viele Topmanager machen - schon weil sie ständig unterwegs sind und trotzdem Informationen benötigen.

Die Sekretärin aber nutzte den Rechner für eigene Zwecke: Sie kaufte auf Firmenkosten ein, und zwar Filme ausgerechnet bei der Produktionsgesellschaft ihres Lebensgefährten.

Die Botschaft solcher Fälle: Vertrauen ist gefährlich. Tatsächlich sorgten immer ausgeklügeltere Kontrollsysteme und eine Flut von Richtlinien für ein Klima der Angst, klagen Führungskräfte und auch Betriebsräte.

Im Zweifel wird schon mal überhart geahndet. So erging es auch einem bundesweit tätigen Dienstleister für Maschinenwartung, der von einem Automobilhersteller unvermittelt auf die schwarze Liste gesetzt wurde. Das bedeutete: von einem Moment auf den anderen keine Aufträge mehr, und das von einem der wichtigsten Kunden.

Die Verantwortlichen des Wartungsspezialisten glauben, sie seien von einem Konkurrenten zu Unrecht wegen eines angeblichen Bestechungsversuchs angeschwärzt worden. Der Kunde habe ihnen erst nach der fristlosen Kündigung des laufenden Vertrags eine Anhörung gewährt. Bis heute allerdings wüssten sie nicht einmal, wer da mit den Scheinbündeln gewedelt haben soll. Inzwischen ist der Fall vor Gericht.

Mehr als 100.000 Schulungen bei Daimler

Aber längst nicht jeder, der unschuldig tut, hat tatsächlich nichts auf dem Kerbholz. Es gibt sie noch immer, die Unbelehrbaren. "Solange den Managern die saubere Unternehmenskultur nicht in Fleisch und Blut übergegangen ist, müssen wir eher den harten Kurs fahren", verteidigt sich ein Compliance-Chef eines Dax-Konzerns.

Tatsächlich ist selbst Daimler trotz massiver Kontrollen, trotz mittlerweile mehr als 100.000 Schulungen und trotz von den US-Behörden bestätigter "sehr guter Fortschritte" nicht komplett sauber.

So beanstandete der frühere FBI-Chef Louis Freeh (62), der dem Management im Auftrag der Amerikaner auf die Finger schaut, in seinem letzten Bericht den Verkauf eines Mercedes S 65 AMG für 256.675 Euro an Teodoro Nguema Obiang Mangue, Sohn des Präsidenten von Äquatorialguinea und Minister für Land- und Forstwirtschaft.

Das Geschäft steht unter Geldwäscheverdacht; es beinhaltete 10.000 Euro Provision für die Niederlassung Paris sowie eine weitere Provision für den Vermittler des Geschäfts, auszuzahlen an eine Person seiner Wahl. Damit nicht genug: 40.000 Euro Anzahlung kamen von einem forstwirtschaftlichen äquatorialguineischen Unternehmen.

Und Daimler? Habe den Pariser Händler zwar entlassen, kritisiert Freeh in seinem Bericht. Aber nicht ein einziger der Vorgesetzten sei zur Rechenschaft gezogen worden.

Vielleicht sind es solche Fälle, die die Compliance-Spitze immer wieder aufstöhnen lassen. "In Sachen Bestrafung", sagt ein führender Daimler-Wächter, "müssen wir noch konsequenter und schneller werden."

Mal ist es zu viel, mal zu wenig Compliance. Es herrscht Verwirrung in der deutschen Wirtschaft. Viele Mitarbeiter wissen nicht mehr, was sie dürfen und was nicht. Sie sind verunsichert, verweigern Entscheidungen, delegieren ihre Verantwortung viel zu häufig an schnell überlastete Abteilungen wie Daimlers Compliance Consultation Desk (CCD). Allein im ersten Halbjahr 2011 landeten dort 774 Anfragen.

Die Unsicherheit kostet bares Geld. Führungskräfte verschwenden Zeit, sie verpassen so schon mal die Ausschreibungsfristen.

Übereifrige Tugendwächter, verunsicherte Mitarbeiter, entgangene Geschäfte - die Compliance in ihrer bürokratischen Ausprägung hemmt den wirtschaftschaftlichen Fluss wie Inseln in der Fahrrinne. Dabei gibt es durchaus Möglichkeiten, sauber und zugleich effizient zu arbeiten. Meist hilft schon die richtige Unternehmensführung.

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