Sonntag, 19. November 2017

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Compliance Terror der Tugend

Selters statt Sekt: Fünf Tipps für eine gute Compliance
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Oliver Sperl

2. Teil: I. Die Compliance-Industrie

Michael Hoffmann-Becking (69), Überpartner der Kanzlei Hengeler Mueller, war mehr als ein Jahrzehnt lang der bevorzugte Consigliere der mächtigsten deutschen Vorstands- und Aufsichtsräte. In jüngster Zeit jedoch hat sich das Arbeitsfeld des Aktien- und Gesellschaftsrechtlers ein wenig verschoben. Der Held der Hauptversammlungen hat eine erstaunliche Wandlung durchgemacht: Aus dem Intimus der Mächtigen wurde der Compliance-Spezialist, der auch schon mal im Auftrag des Aufsichtsrats gegen den Vorstand vorgeht. Über "Mandantenverrat" echauffierte sich mancher aus der höchsten Managerriege, der plötzlich vom Beratenen zum Verfolgten mutierte.

Persönlich mag Hoffmann-Becking die neue Rolle einiges an Vertrauen gekostet haben. Seine Kanzlei indes ist um eine stabile Ertragssäule reicher. Allein 16 Hengeler-Partner beschäftigen sich inzwischen mit Compliance-Themen und bieten Rundum-sorglos-Pakete vom Aufbau einer neuen Organisation bis zur Beratung in Verdachtsfällen an.

Hengeler steht mit der neuen Liebe zur Compliance längst nicht allein da. "Viele große Kanzleien haben bemerkt, wie viel Geld sich mit dem Thema verdienen lässt", sagt der Frankfurter Strafverteidiger Hanns Feigen.

Tatsächlich sind die Honorare der Aufklärer gewaltig. Die auf Wirtschaftskriminalität spezialisierte US-Kanzlei Debevoise & Plimpton etwa strich als interner Ermittler im Siemens-Korruptionsskandal rund 200 Millionen Euro ein.

Wer sich die Stundensätze der Ermittler anschaut, den wundert das nicht. Als bei der US-Börsenaufsicht SEC Ende 2010 eine anonyme Anzeige gegen Daimlers Chief Compliance Officer Volker Barth und Corporate-Audit-Chef Peter Henn einging, ließ der Autokonzern Debevoise ermitteln (Codename "Aurel"). Die Kanzlei kassierte mächtig ab. Eine Stunde ihres Washingtoner Partners Jonathan Tuttle ließ sie sich mit 725 Euro vergüten. Das entspricht nicht nur fast dem Tagesverdienst von Bundeskanzlerin Angela Merkel, sondern liegt auch rund 300 Euro über dem, was Kanzleien im Durchschnitt für eine Partnerstunde aufrufen.

Compliance-Hype als Glücksfall für Prüfer und Kanzleien

Auch für die großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften wie KPMG, PwC oder Deloitte hat sich der Compliance-Hype als Glücksfall erwiesen. Ein Frankfurter Anwalt wunderte sich jüngst in einem Ermittlungsverfahren, warum ein führender Wirtschaftsprüfer zwei Mitarbeiter aus Deutschland per Business-Class-Flug nach Buenos Aires schickte. Ihre triviale Aufgabe: festzustellen, ob sich ein Aktenordner in einem bestimmten Büro befindet. Warum gleich zwei Personen, die Akte lasse sich doch auch fotografieren, fragte der Anwalt. Die Antwort: Die Compliance-Regeln schrieben in solchen Fällen das Vier-Augen-Prinzip vor.

Die betroffenen Unternehmen zahlen meist bereitwillig. Hauptsache, ihre Manager sind geschützt. Die Führungskräfte sind in der Tat erheblich gefährdeter als noch vor Jahren. Die Behörden ermitteln bei Compliance-Verstößen nicht nur genauer als früher; sie bestrafen auch härter.

Die Gefahr lauert überall. Die einen Unternehmen müssen aufpassen, wohin sie ihre Waren exportieren; für die nächsten gilt es, sich vor immer strengeren Kartellbehörden zu hüten; wieder andere dürfen ihren Kunden keine Gelegenheit zur Geldwäsche bieten; und die vierten müssen auf Baustellen ganz trivial genügend Dixi-Klos für ihre Mitarbeiter aufstellen - auch Arbeitsschutzrichtlinien gehören zur Compliance.

Bei Investorenkonferenzen fragen Anleger fast routinemäßig ab, ob und welche Integritäts- und Compliance-Probleme aufgetreten sind. "Alles, was wir erkennen und nicht abstellen, kann uns um die Ohren fliegen", sagt der Compliance-Chef eines Dax-Konzerns. "Sie können ungestraft Milliarden mit falschen Geschäftsentscheidungen versenken, aber ein Korruptionsfall kostet Sie schon bei weit geringeren Summen den Job."

Die Folge: Falls doch jemand schmieren, kartellieren oder anders nicht parieren sollte, wollen die Vorstände zumindest eines nachweisen können: dass sie alles Erdenkliche getan haben, um Fehlverhalten Einzelner zu verhindern.

So haben Siemens und Daimler Tugendabteilungen von gewaltigen Dimensionen geschaffen: Rund 160 Compliance-Manager beschäftigte Daimler 2011, gut dreimal so viele wie Anfang 2009. Dazu kommen etwa 150 Mitarbeiter in der Ermittlereinheit Corporate Audit, rund 50 im Konzerngeheimdienst Corporate Security, fast 350 Juristen und Zuarbeiter im Rechtsbereich. Von 2005 bis Juli 2011 verschlangen allein die Ermittlungen gegen verdächtige Mitarbeiter 538,6 Millionen Euro - teure Sonderuntersuchungen nicht einmal inklusive.

Auch die übrigen Dax-Konzerne rüsten auf, verdoppelten und verdreifachten seit 2007 ihre Compliance-Anstrengungen (siehe Grafik links) . Wer in der Internetstellenbörse Monster.de das Schlagwort "Compliance" eingibt, findet mehr als 900 Jobangebote. Und der Aufbau bei den anderen habe gerade erst begonnen, prognostizieren Daimler-Manager ein Anhalten des Sauberkeitsbooms.

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