Montag, 17. Dezember 2018

Familie Reimann Die Steuerkünstler

Familie Reimann: Die Steuerkünstler
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2. Teil: Sie wollen es noch einmal wissen

Zudem hält die Familie die Mehrheit an Coty. Der Kosmetikspezialist mit mehr als 12.000 Mitarbeitern und 2,8 Milliarden Euro Umsatz regiert über ein schier unüberschaubares Portfolio kostbarer Parfümmarken, von Chloé und Cerruti bis hin zu Chopard und David Beckham.

Und schließlich ist da noch Labelux. Das 2007 aus der Taufe gehobene Start-up soll sich zu einem globalen Anbieter von Luxusgütern auswachsen. Mit Preziosen wie Bally (Schuhe und Taschen), Solange (Schmuck) oder Belstaff (Lederjacken) steuert Labelux auf Erlöse von 800 Millionen Euro zu.

Eigentlich könnten sich die Reimanns zurücklehnen und von ihren Goldadern zehren. Die Familienholding Joh. A. Benckiser schüttete allein 2011 rund 171 Millionen Euro aus. Davon ließe sich mehr als auskömmlich leben.

Doch die Entrepreneure wollen es noch einmal wissen - sie haben gerade jetzt zu einem Sprung in neue Dimensionen angesetzt.

Mitte Mai veräußerte die Sippe ein Drittel ihres Reckitt-Benckiser-Anteils, sie hält nun noch 10,5 Prozent. Obendrein plant sie, die Duftfirma Coty so schnell wie möglich an die Börse zu bringen. Durch den Verkauf der Putzmittel-Aktien und den Coty-Börsengang werden sich mehrere Milliarden Euro in den Kassen sammeln - Geld, das die Familie für große Akquisitionen ausgeben und damit ihr Reich ausweiten will.

So bedeutend diese deutsche Sippe ist, so unbekannt, ja unsichtbar ist sie in der Öffentlichkeit. Die Reimanns gelten als dröge Chemiker, als graue Damen und Herren mit Wohnsitzen im Rhein-Neckar-Raum, als Fahrer unauffälliger Kleinwagen oder Klarinette-Spielerinnen in der Dorfkapelle. Doch die Wahrheit über den unglaublichen Clan ist eine ganz andere; sie handelt von familiären Verwicklungen, einem ausgeprägten Hang zum Steuersparen und der Lust am unternehmerischen Risiko.

Die Keimzelle des reimannschen Reiches war eine Salmiakhütte, die Johann Adam Benckiser 1823 erwarb. Später tat er sich mit Ludwig Reimann zusammen. Der heiratete die Tochter Benckisers und übernahm nach dessen Tod die gemeinsam aufgebaute Chemiefabrik in Ludwigshafen.

Ludwigs Enkel Albert sen. und der Urenkel Albert jun. erweiterten die Produktion um mehrere Werke für organische Säuren und Phosphate. Die übel riechenden Fabriken brachten Anfang der 80er Jahre zwar 450 Millionen Mark Umsatz ein, aber keinen üppigen Gewinn.

1984 starb Albert jun. Das gemeinsam mit Ehefrau Paula verfasste 80-seitige Testament sorgte für große Überraschungen. Die Angehörigen hatten geglaubt, der stets bescheiden auftretende Reimann sei nur leitender Angestellter der Benckiser-Gruppe gewesen, nicht aber der Eigentümer.

Wem seine Hinterlassenschaft zukam, wurde nicht publik, denn es galt, ein heikles Geheimnis zu wahren: Die Ehe der Reimanns war kinderlos geblieben, gleichwohl hatte Albert fünf leibliche Nachkommen von zwei Leihmüttern. Aus steuerlichen Gründen adoptierte der Vater seine eigenen Kinder sowie die vier Kinder seiner Schwester Else Dubbers. Jedem der neun Erben wurden 11,1 Prozent des reimannschen Vermögens zugesprochen.

In das Unternehmen trat keiner der jungen Leute ein. Die Geschicke in Ludwigshafen bestimmte der noch vom Alten inthronisierte Martin Gruber (81), gemeinsam mit Ex-Boston-Consulting-Berater Harf, der 1981 bei Benckiser angeheuert hatte.

Gruber und Harf stellten die Chemiefirma auf ein neues Fundament. Sie verabschiedeten sich vom Industriegeschäft und kauften Haushaltsreiniger und Kosmetik zu. 1997 brachte Harf, der von Gruber die Leitung des operativen Geschäfts übernommen hatte, die Reinigungssparte von Benckiser an die Börse.

Einige Familienmitglieder nutzten den Börsengang zum Ausstieg aus dem Gesellschafterkreis. Mit einem Teil der Erlöse ließen sich die vier Dubbers-Kinder auszahlen. Heute unterhält Günter Reimann-Dubbers (70) eine Vermögensverwaltung in Grünwald bei München und eine Privatbank. Sein Bruder Volker (68) führt eine Stiftung für erneuerbare Energien.

Der Deal ermöglichte es, alle Gesellschafteranteile im Besitz der Familie zu halten. Laut Testament der Eheleute Paula und Albert dürfen diese nicht an Außenstehende verkauft werden.

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