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20.04.2012
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ThyssenKrupp
Am Schmelzpunkt

Von Thomas Werres

Industrielegende Krupp: Bürgschaft von Schiller, Dollars vom Schah
Fotos
REUTERS

Hohe Schulden, Wertvernichtung in großem Stil - die Lage des Ruhrkonzerns ThyssenKrupp ist dramatisch. Die Aktie ist abgestürzt, der ersehnte Verkauf des defizitären Stahlwerks in Brasilien zieht sich in die Länge. Ein schnelles Entkommen aus der Krise ist unmöglich.

Heinrich Hiesinger (51) ist ein Mann, der sich auf rasche Entscheidungen versteht. Und das auch in eigener Sache. Zwei Jahre ist es her, da bot ihm Siemens-Aufsichtsratsprimus Gerhard Cromme (69) überraschend den Chefposten beim Revierkonzern ThyssenKrupp an, wo Cromme ebenfalls das Kontrolleursgremium führt.

Wir schätzen Ihre Arbeit sehr, erklärte Cromme dem damaligen Siemens-Industrievorstand in der ihm eigenen umarmenden, gleichwohl formwahrenden Art. Uns wäre es am liebsten, wenn Sie hier zufrieden wären und blieben. Wenn Sie aber eine Nummer-eins-Position anstreben, sollten Sie zu ThyssenKrupp kommen. Denn wir suchen dort einen neuen Chef. So gehen Sie mir, schloss Cromme, wenigstens nicht ganz verloren.

Nach nicht einmal 24 Stunden schlug Hiesinger ein. Bedenken, Zweifel gar, verspürte der Umworbene kaum. Heute sagt er nüchtern: "Es ist einem nie in allen Einzelheiten klar, in was für ein Unternehmen man bei einem Jobwechsel kommt" - eine zurückhaltende Beschreibung der Lage bei ThyssenKrupp Chart zeigen .

Tatsächlich kämpft der Montan- und Industriegüterkonzern (49 Milliarden Euro Umsatz, 180.000 Beschäftigte) um seine Zukunft. Während andere deutsche Großkonzerne Rekordgewinne verbuchten, musste ThyssenKrupp im vergangenen Geschäftsjahr einen Verlust in Milliardenhöhe ausweisen. Die Aktie von ThyssenKrupp Chart zeigen ist eingebrochen.

Und das Bluten geht weiter. Wie schon in der Vergangenheit fließt deutlich mehr Geld ab als hereinkommt. Und das wird im gesamten Geschäftsjahr 2012, wenn nicht gar noch länger, so bleiben. Erneut belasten vor allem Verluste in den neuen Stahlwerken in Brasilien und den USA, für die der Konzern trotz immer wieder aufflammender Spekulationen noch immer keinen Käufer gefunden hat.

Gigantische Fehlinvestitionen, schwache Nachfrage

ThyssenKrupp ist in ein heftiges Stahlgewitter geraten. Gigantische Fehlinvestitionen prallen auf eine allgemein schwache Nachfrage. Milliarden von Euro sind dabei zu Staub zerstoben. Jetzt türmen sich die Schulden. Zurzeit liegt das Niveau bei stolzen sechs Milliarden Euro, Tendenz steigend.

ThyssenKrupp, einst angetreten mit dem Versprechen, eine Montangroßmacht zu werden, ist zu einer Industrielegende ohne Perspektive geschrumpft.

Hiesinger hält dagegen. "Ich bin überzeugt, dass ThyssenKrupp ein schlafender Riese ist. Den werden wir zum Leben erwecken." Das sei eine Frage operativer Exzellenz - und von reichlich Zeit. "Geben Sie uns fünf Jahre, dann wird ThyssenKrupp ein Unternehmen sein, an dem man Freude hat."

Ob er die Zeit bekommen wird? Und ob der Konzern durch das Umlegen einiger Stellhebel und allgemeine Mobilmachung tatsächlich genesen kann?

Hiesingers Analyse wirkt vordergründig. Denn tatsächlich leidet das Unternehmen seit Jahrzehnten an einer ziemlich schweren Krankheit. Morbus Krupp könnte man sie nennen. Denn nirgends sonst ist sie in dieser Ausprägung in Corporate Germany anzutreffen.

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Tradition und Einheit

  • Wie Beitz die Krupp-Stiftung führt
  • Das Ver­mächt­nis
    Es war am 1. April 1967, kurz vor dem Tod des letzten Krupp. Damals verkündete Alfried Krupp von Bohlen und Halbach Folgenschweres. Eigentümer der Firma Krupp sollte statt der Familie fortan eine Stiftung sein. Deren Bestimmung ist es bis heute, Gutes für die Allgemeinheit zu tun. Andererseits hat sie über die Geschicke des Konzerns wie ein Familienunternehmer zu wachen. Der Satzung gemäß hat die Stiftung "im Geiste des Stifters und seiner Vorfahren" darauf zu achten, "die Einheit dieses Unternehmens" zu wahren "und seine weitere Entwicklung" zu fördern.
  • Der Ver­mö­gens­ver­wal­ter
    Chef der Krupp-Stiftung ist seit der Gründung Berthold Beitz. Die Aufgabe ist ihm auf Lebenszeit zugedacht. Und Beitz erweist sich seit viereinhalb Jahrzehnten als zäher Vollstrecker des Krupp-Testaments. Jeden Werktag lässt sich der 98-Jährige im Dienstwagen (Kennzeichen E-RZ 1) zum Stiftungshaus auf dem Gelände der Villa Hügel in Essen chauffieren.
  • Der Investor
    Durch die Fusionen mit Hoesch und Thyssen war Beitz' Aktienpaket unter die Sperrminoritätsgrenze geschrumpft. Damit bei ThyssenKrupp nichts ohne Zustimmung des Nachlassverwalters geändert wird, hat er 2005 und 2006 den Firmenanteil aufgestockt. Das Investment dürfte ihn knapp eine halbe Milliarde Euro gekostet haben. Beitz muss seitdem Schulden zurückzahlen - auch deshalb pocht er, fast unabhängig vom Geschäftserfolg, auf stetige Dividenden.

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