Montag, 17. Dezember 2018

Kultberater Schwarmintelligenz

McKinsey: Die Ehemaligen an den Schalthebeln der Macht
Reuters; DPA; AFP; Reuters; AFP; AFP

McKinsey ist überall: Der Kultberater unterhält ein globales Netz aus Ehemaligen. Die sitzen in den Schaltzentralen von Wirtschaft und Politik, bewegen Milliarden und steuern ganze Volkswirtschaften. Ein Überblick.

Es gibt Jobwechsel, die sind Neustart, Heimkehr und Wiedervereinigung zugleich. So jedenfalls hat es Alberto Sanz de Lama (42) erfahren, als er 2009 die Geschäftsführung der Online-Börse Autoscout 24 übernahm. Der Einsteiger wusste, er würde bei der Telekom-Tochter auf "ähnliche Seelen" treffen, auf "eine intellektuelle, analytische und sehr effiziente Arbeitsweise". Denn in Sanz de Lamas Vita steht (neben Stationen bei Procter & Gamble, dem Internetdienstleister Mobipay und Ebay) auch ein knappes Jahr bei McKinsey.

Autoscout 24 ist ein Sammelbecken für Ehemalige der weltgrößten Strategieberatung. Die Gründer Nicola Carbonari (49) und Nikolas Deskovic (48): McKinsey. Martin Enderle (46), vom Autoscout-CEO zum Chef der Obergesellschaft Scout 24 aufgestiegen: McKinsey. Und als Sanz de Lama 2010 einen neuen Verantwortlichen für den französischen Markt suchte, instruierte er den Headhunter entsprechend: Er suche eine Kombination aus 40 Prozent internationaler, 30 Prozent operativer Erfahrung - und 30 Prozent McKinsey: Eric Laffont (44) bekam den Job, ein ehemaliger Meckie.

So geht es ständig in der Welt der Mächtigen: In den Vorständen internationaler Konzerne, auf Ministerposten, in Kulturorganisationen, Stiftungen und auch in Internetfirmen wie Autoscout 24: Die Jünger McKinseys sind überall.

Sie kennen sich, sie vertrauen einander, es scheint ein bisschen so wie in der Waschmittelwerbung der 70er Jahre: McKinsey - da weiß man, was man hat.

Nun ist Autoscout 24 nicht der Nabel der globalen Ökonomie. Aber das Beispiel illustriert, wie die bekannteste und berüchtigtste Beraterfirma der Welt ein Beziehungsgeflecht aus Ehemaligen knüpft und in ein Unternehmen eindringt: nach und nach, subtil und (scheinbar) zufällig.

7000 Ex-Meckies in höchsten Führungspositionen weltweit

Spätestens jetzt würden in jeder guten McKinsey-Präsentation ein paar Zahlen und Fakten folgen. Nun denn. Mehr als 25.000 ehemalige McKinsey-Berater besetzen in 120 Ländern meist hochrangige Positionen; bei McKinsey selbst sind nur 9000 Berater registriert. Weltweit haben es rund 7000 Ex-Meckies in höchste Führungspositionen geschafft; 200 leiten Firmen, die mehr als eine Milliarde US-Dollar im Jahr umsetzen; die Top-Five-CEOs kommen zusammen auf mehr als 400 Milliarden Dollar; sie führen Boeing Börsen-Chart zeigen (USA), BHP Billiton Börsen-Chart zeigen(Australien), Vodafone Börsen-Chart zeigen (Großbritannien), Eni Börsen-Chart zeigen (Italien) und die Deutsche Post Börsen-Chart zeigen.

In 9 der 30 Dax-Vorstände sitzen ehemalige McKinsey-Berater (siehe Kasten "Führungspersonal" links) , getreu McKinseys interner Maßgabe, "leaders for the outside" zu formen. "Unsere Alumni sind globale Anführer auf ökonomischem, sozialem und kulturellem Gebiet", protzt Weltchef Dominic Barton (50), "ausgestattet mit dem Willen, die kritischsten Herausforderungen zu meistern."

Der Mann hat beim Lobpreisen sicher Leute vor Augen wie Morgan-Stanley-Chef James Gorman (53), Facebooks Power-Forward Sheryl Sandberg (42), den britischen Außenminister William Hague (50), die amerikanische UN-Botschafterin Susan Rice (47) und wohl auch den US-Menschenrechtsanwalt Jared Genser (40), zu dessen Klienten unter anderem Aung San Suu Kyi, Václav Havel und Desmond Tutu zählten.

Gewinner im TV-Survivor-Camp

Auch Gründer sind Teil der Familie. Ein Viertel der Alumni haben nach dem Ausscheiden ihr eigenes Unternehmen angemeldet. Wie der US-Internetinvestor Matt Cohler (34), der nun in Berlin eine Art Facebook für Forscher aufziehen will. Oder, mehr die Kohlenhydratvariante, der Hamburger Gregor Gerlach (42), dem einst die Idee mit der Nudelkette Vapiano kam.

Man könnte die Reihe unendlich verlängern - oder um die Kategorie Exoten erweitern. Der Physiker Gernot Overbeck (46) zum Beispiel (Lebensmotto: "If you can dream it, you can do it!") bestieg die Seven Summits, die höchsten Gipfel auf jedem Kontinent. Und den koreanischstämmigen New Yorker Yul Kwon (37) drängte es in die beliebte US-TV-Show "Survivor", eine Art Dschungelcamp im Robinson- Gewand - klar, der Ex-Meckie gewann den Überlebenskampf auf den Cookinseln.

An all diesen hat die Kultberaterfirma ein gesteigertes Interesse. Kein Wunder: Das aufwendig gepflegte Netz ist Bestandteil des Geschäftsmodells, wie die Powerpoint- Vorlage und der anthrazitfarbene Anzug.

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