Freitag, 16. November 2018

Wirtschaftsanwälte Die Vorstandsflüsterer

Wirtschaftsanwälte: Verschwiegen, trickreich, unverzichtbar
Jan Riephoff

Sie schmieden Konzerne, kämpfen gegen Kartellstrafen, beeinflussen Karrieren: Die besten Rechtsberater der deutschen Wirtschaft sind gleichzeitig Vorstandsflüsterer. Wie die neuen Consiglieri agieren.

Hamburg - Es begann, ganz konspirativ, vor etwas mehr als einem Jahr. In der "Kleinen Bibliothek", zwischen antiquarischen Kommentaren, saß eine Handvoll Anwälte in der Düsseldorfer Niederlassung der britischen Kanzlei Linklaters um einen Palisandertisch und brütete über der Frage, wie man die Deutsche Börse mit dem US-Wettbewerber New York Stock Exchange Euronext (NYSE) zusammenführen könnte.

Streng vertraulich wurde der spektakulärste Deal der jüngeren Wirtschaftsgeschichte vorbereitet. Einen Monat Zeit hatte das Team, um sich eine pfiffige Fusionskonstruktion zu überlegen; danach wollten die Finanzkonzerne die Pläne öffentlich ausbreiten.

Angeführt wurde die Gruppe von Seniorpartner Ralph Wollburg (56), der den Chef der Deutschen Börse Börsen-Chart zeigen, Reto Francioni (56), seit Langem kennt, und dem aufstrebenden Unternehmensanwalt Nikolaos Paschos (44).

Etliche Tag- und Nachtschichten folgten, an Wochenenden wurde durchgearbeitet, in der Hochzeit waren weltweit mehr als hundert Linklaters-Rechtsausleger im Auftrag der Börse mit dem Vorgang betraut. Die NYSE Börsen-Chart zeigen beschäftigte gleich vier renommierte Kanzleien. In Frankfurt dirigierte der Münchener Milbank-Anwalt Norbert Rieger (49) das Juristenteam. Ein Aufmarsch an Rechtskundigen, wie ihn die Wirtschaftswelt selten zuvor erlebt hat. Alle kämpften bis zum Schluss - vergeblich; Anfang Februar kippte die EU-Kommission das Vorhaben.

Viel Adrenalin - und noch mehr Honorar

Dass Anwälte bei derlei Großfusionen in Mannschaftsstärke antreten, ist keine Überraschung. Von jeher bietet das sogenannte Transaktionsbusiness die Gewähr für viel Adrenalin und noch mehr Honorar.

Aber der Einfluss der Juristen auf das Wirtschaftsgeschehen geht heute weit über die schnöde Dealassistenz hinaus. Die Zunft avanciert zur zentralen Schaltstelle in den Unternehmen, ringt mit Topinvestmentbankern und Spitzenconsultants um die Stellung als wichtigster Vorstandsratgeber. Die Staradvokaten feilen an Strategien, schmieden Konzerne, urteilen über die Qualität von Managern und führen ihre Mandanten wie gewohnt durch die immer komplizierter und bedrohlicher werdende Juralandschaft wie Hobbits durch das Tal der Orks.

Es ist ein einträgliches Business. Die 20 größten Wirtschaftskanzleien erzielen in Deutschland rund 2,6 Milliarden Euro Jahresumsatz. Um den raren Nachwuchs von Spitzenjuristen rangeln sie so heftig wie nie (siehe Kasten links).

Neben dem klassischen Consigliere, dem exklusiven Hausanwalt des Patriarchen, übernehmen jetzt neue Consiglieri das Kommando. Eine jüngere Generation von Anwälten, die sich mit der frischeren CEO-Generation bestens versteht. Nicht nur, weil die Arbeitsweise kompatibel ist, was sich etwa darin manifestiert, dass man keine E-Mails ausdruckt. Haben die Consiglieri eine interessante Idee, melden sie sich bei ihren Kunden einfach mal zwischendurch, auch wenn die Pläne längst noch nicht ausgegoren sind.

Ihnen kommt entgegen, dass Rechtsfragen für ihre Mandanten immer wichtiger werden. Der Umgang mit Paragrafen ist unverzichtbarer Teil der Unternehmensstrategie, und das nicht nur, wenn es um Patente oder Werbeverbote geht.

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