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29. Februar 2012, 10:49 Uhr

Quelle-Erbin schlägt zurück

Die späte Rache der Madeleine Schickedanz

Von Sören Jensen

Quelle-Erbin Madeleine Schickedanz hat ihr Vermögen mit einer riesigen Fehlspekulation mit KarstadtQuelle-Aktien verloren. Sie fühlt sich als Opfer und droht mit einer Milliardenklage gegen Sal. Oppenheim - wenn die Bank stur bleibt. Die Geschichte eines Wirtschaftskrimis, der Gier, Dummheit und Dreistigkeit vereint.

Wer die Quelle-Erbin Madeleine Schickedanz (68) kennt, sieht in ihr einen freundlichen, umgänglichen Menschen. Gewiss, sie ist ein wenig scheu, und sie hat als wohlbehütete Tochter der Versandhauspioniere Gustav und Grete Schickedanz nie so recht gelernt, mit Geld umzugehen. Argwohn kennt sie nicht, ihre Vertrauensseligkeit grenzt an Naivität.

Zwei Scheidungen haben ihr schwer zugesetzt, denn sie ist überaus harmoniebedürftig. Man muss sie schon sehr reizen, demütigen und enttäuschen, bevor sie erwägt, mit jemandem zu brechen oder sich gar zu wehren.

Nun aber ist dieser Fall eingetreten. Es gibt Anzeichen dafür, dass eine Clique um die einstige Führung des Kölner Bankhauses Sal. Oppenheim und den Troisdorfer Vermögensverwalter und Immobilienjongleur Josef Esch (55) Frau Schickedanz' Leichtgläubigkeit und ihre Unerfahrenheit in Gelddingen ausgenutzt und sie um fast ihren gesamten Besitz gebracht haben könnte. Das finanzielle Desaster resultiert aus einer gigantischen Fehlinvestition in Aktien der KarstadtQuelle AG, die 2009 - inzwischen in Arcandor umbenannt - insolvent wurde.

Zur ökonomischen Misere gesellte sich der Spott. Esch verhöhnte im SPIEGEL-Interview seine verarmte Kundin. Er habe nicht ihr Vermögen verwaltet, sondern sie in Vermögensfragen nur beraten - wie in allen anderen Lebenslagen, etwa "über Startzeiten für die Golf-Runde".

Nun schlägt Frau Schickedanz zurück. Die in Fürth lebende Unternehmertochter ließ die Anwaltskanzleien Dr. Ringstmeier & Kollegen in Köln und Beisse & Rath in Nürnberg eine Klageschrift gegen Oppenheim und Esch, einstige Oppenheim-Bankiers und deren Angehörige aufsetzen - genannt werden nicht weniger als 14 Beklagte.

Frau Schickedanz verlangt Schadensersatz in Höhe von 1,2 Milliarden Euro. Zudem weigert sie sich, Oppenheim-Darlehen in Höhe von rund 550 Millionen Euro zurückzuzahlen. Bereits geleistete Tilgungen von 200 Millionen Euro will sie rückgängig machen - ebenso die Gewährung von Sicherheiten im Wert von mehr als 200 Millionen Euro. Nachdem der Kurs ihrer an Sal. Oppenheim verpfändeten Aktien stark eingebrochen war, hatte sie die Kredite mit Privatimmobilien unterlegen müssen.

Wenn man der anwaltlichen Schilderung glauben darf, pflegten ihre Geschäftspartner einen schockierenden Umgang mit Frau Schickedanz. Unter anderem soll sie gedrängt worden sein, stundenlang in einem Privatjet auf dem Köln-Bonner Flughafen auszuharren und notarielle Erklärungen zu ihren Lasten abzugeben.

Die Klageschrift bildet die Sicht von Frau Schickedanz ab - die sich in eine Opferrolle flüchtet. Von den potenziellen Beklagten hat sich nur Esch gegenüber manager magazin eingehender zu den Vorwürfen geäußert.

Ein Wirtschaftsthriller, der Gier, Dummheit und Dreistigkeit vereint

Die Anwälte haben die Klage bislang nicht offiziell erhoben. Die Klageschrift mit einem Streitwert von 1,9 Milliarden Euro liegt dem Oberlandesgericht Köln vor, das jetzt entschieden hat, dass das Landgericht Köln für das Verfahren zuständig ist.

Der Entwurf wurde 2011 zunächst dem Bankhaus Sal. Oppenheim zugestellt. Ziel war es, die neue Leitung des beinahe fallierten und inzwischen zur Deutschen Bank gehörenden Instituts zu einem Vergleich zu bewegen.

Eine gütliche Einigung wäre der Ex-Milliardärin sehr viel lieber als ein Gerichtsstreit. Denn der würde zu einer öffentlichen Schlammschlacht führen; viele Enthüllungen wären auch für sie selbst peinlich. Doch wenn es nicht anders geht, wird Madeleine Schickedanz für ihr Geld und für Genugtuung streiten - vulgo: Rache üben.

Fraglich, ob der von der Deutschen Bank eingesetzte Oppenheim-Chef Wilhelm Freiherr Haller von Hallerstein (59) die Explosivität des Schriftsatzes sogleich erkannt hat. Denn er ließ viele Monate verstreichen, ohne Kompromissbereitschaft erkennen zu lassen.

Ein gefährliches Spiel: Ende 2011 drohten mehrere von Schickedanz angeprangerte Tatbestände zu verjähren. Sie hätte bis ultimo klagen müssen, um ihre Ansprüche zu wahren. Erst kurz vor Jahresende signalisierte Haller, man sei gesprächsbereit - wenigstens über die Modalitäten der Kreditrückzahlung. Die Bank verzichtete auf die Einrede der Verjährung, doch dazu waren offenbar nicht alle Betroffenen bereit.

Schwer durchschaubare Rollen von Urban, Herl und Middelhoff

Nun bedienten sich die Juristen eines Tricks. Zwischen Weihnachten und Silvester beantragten sie beim Oberlandesgericht Köln die Festlegung des Gerichtsstands. Angesichts der vielen möglichen Beklagten wären mehrere Orte infrage gekommen. Durch den Antrag ist die Verjährung erst einmal gehemmt.

Der Klageentwurf liegt auch der Staatsanwaltschaft Köln vor, die strafrechtliche Ermittlungen rund um den Beinaheruin von Sal. Oppenheim führt. Der früheren Führung um Matthias Graf von Krockow (62) und Christopher Freiherr von Oppenheim (46) werden Untreue in mehreren Fällen und dem langjährigen Oppenheim-Partner Esch zum Teil Beihilfe hierzu vorgeworfen. Die ersten Anklagen wurden schon erhoben.

Gleichgültig, ob die Schickedanz-Klageschrift zu einem Zivilprozess führt - sie liest sich wie ein Wirtschaftsthriller, der Dummheit, Dreistigkeit und Gier in unfassbaren Ausprägungen vereint. Schwer durchschaubare Rollen spielen Madeleine Schickedanz' dritter Ehemann Leo Herl (68), lange Mitglied des KarstadtQuelle-Aufsichtsrats, und die einstigen Vorstandschefs Wolfgang Urban (66) sowie Thomas Middelhoff (58).

Wie die Mehrheitseignerin von KarstadtQuelle ihr Geld verlor

Es geht um den kreditfinanzierten Aufstieg von Frau Schickedanz zur zeitweiligen Mehrheitseignerin von KarstadtQuelle. Durch die Fusion des ererbten Quelle-Versands mit der Warenhausfirma Karstadt im Jahre 1999 wurde Frau Schickedanz größte Aktionärin. Nach und nach stockte sie ihre Anteile auf - vor allem mit dreistelligen Millionenkrediten von Sal. Oppenheim.

Doch anders, als es lange Zeit schien, sei dies nach Darstellung der Anwälte nur ganz am Anfang auf Initiative der Quelle-Erbin geschehen. Folgt man der Klageschrift, wurde Madeleine Schickedanz von Esch und den Oppenheim-Oberen gezielt ausgesucht und ausgenutzt, um "sich selbst und ihnen nahestehenden Personen durch eine ausgeklügelte Konstruktion von Schein- und Umgehungsgeschäften in sittenwidriger Weise Profite zu verschaffen", wie die Anwälte donnern.

Esch und die Bankiers hätten dadurch das Vermögen von Frau Schickedanz fast vollständig vernichtet.

Die Köln-Connection soll Madeleine Schickedanz demnach über ihre wahren Absichten getäuscht und sie als Strohfrau missbraucht haben. Ziel sei es gewesen, an die Immobilien von KarstadtQuelle heranzukommen - stille Reserven von geschätzten 7 bis 10 Milliarden Euro.

Esch weist Vorwurf der Scheingeschäfte zurück

Esch teilt dazu mit, weder habe es Schein- oder Umgehungsgeschäfte gegeben, noch sei Frau Schickedanz seine "Strohfrau" gewesen. Auch Christopher von Oppenheim lässt ausrichten, ein solcher Vorwurf sei "absurd".

Laut Klageschrift habe die Clique den mutmaßlichen Masterplan wegen des Niedergangs der Handelsfirma immer wieder ändern müssen. Das scheinen interne Memos und Protokolle zu zeigen, die zum Teil bei staatsanwaltschaftlichen Razzien im Bankhaus und in Eschs Hauptquartier ans Licht kamen.

Jedenfalls waren die Bank und ihr Inspirator über Teile des Immobilienvermögens von KarstadtQuelle schon lange vor der Zusammenarbeit mit Frau Schickedanz bestens informiert - dank Eschs Bekannten Urban. Der Konzernchef hatte um die Jahrtausendwende ein erstes Warenhaus an Oppenheim & Co. verkauft, die daraus einen geschlossenen Fonds für ihre Kunden konzipierten.

Ein geheimnisvoller Ablaufplan und ein ungenannter Hauptaktionär

Mitte 2001 wollte Madeleine Schickedanz ihren Aktienanteil von 25 auf 30 Prozent erhöhen. Für die Aufstockung brauchte sie einen Kredit. Die Zeit drängte, denn ab 2002 würde ein Großaktionär verpflichtet sein, beim Überschreiten der 30-Prozent-Schwelle ein Übernahmeangebot abzugeben. Das hätte Frau Schickedanz nicht finanzieren können. Ein Bekannter stellte den Kontakt zu Sal. Oppenheim her. Die Bank lieh der Schickedanz-Firma Grisfonta 120 Millionen Euro zum Aktienkauf.

Die nunmehr bestehende Kundenbeziehung zu Madeleine Schickedanz weckte wohl weitergehende Fantasien. Nach Vermutung der Anwälte hätten Esch, Krockow & Co. den Entschluss gefasst, sich über die Kreditnehmerin beherrschenden Einfluss auf KarstadtQuelle zu verschaffen und sich so lukrative Geschäftschancen zu eröffnen.

Aus dem August 2001 liegt ein "Ablaufplan" vor, der nach dem darauf befindlichen Diktatzeichen Esch und seinen leitenden Angestellten Dirk Froese (59) als Autoren ausweist. Froese allerdings bestreitet, an der Erstellung des Vermerks beteiligt gewesen zu sein. Zwar sei er sich mit Esch nach wie vor in sämtlichen Punkten der Geschäftsführung einig. In den fraglichen Vermerk sei sein Namenskürzel jedoch lediglich "routinemäßig" eingesetzt worden.

Wie auch immer, diesem Ablaufplan zufolge sollte eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts (GbR) mithilfe eines "Sicherungsgebers" 10 bis 12 Prozent "einer deutschen Aktiengesellschaft" kaufen. Bei Veräußerung der Aktien würde der Sicherungsgeber 55 bis 65 Prozent des Gewinns erhalten, die GbR den Rest.

"Der Hauptaktionär" werde binnen 12 bis 18 Monaten einen 10-jährigen Gesamtvermögensverwaltungsvertrag (GVV-Vertrag) mit einer Oppenheim-Esch-Firma abschließen. Unklar bleibt, ob tatsächlich KarstadtQuelle und Frau Schickedanz gemeint waren. Die kannte zu diesem Zeitpunkt weder Esch noch suchte sie einen Vermögensverwalter.

Protokoll außerhalb der Tagesordnung

Einen ersten Kontakt stellte Urban her. Er sprach im August 2001 Frau Schickedanz' Ehemann Leo Herl an. "Ich muss Sie mit einem interessanten Mann bekannt machen", soll Urban zu Herl gesagt haben. Die beiden fuhren zu Eschs Hauptquartier nach Troisdorf. Dort trafen sie auch Oppenheim-Chef Krockow.

Konkretisiert wurde das Projekt KarstadtQuelle in einer Oppenheim-Gesellschafterversammlung vom 12. Februar 2002. Esch war ebenfalls anwesend. Ausweislich eines "Protokolls außerhalb der Tagesordnung" waren nun drei GbR vorgesehen, die jeweils für bis zu 250 Millionen Euro höchstens 4,9 Prozent KarstadtQuelle-Aktien kaufen sollten. Gemeinsam mit Schickedanz würden diese GbR über die Mehrheit verfügen.

Der Handelskonzern - so wird im Protokoll niedergelegt - solle sich verpflichten, Grundstücke zur Bebauung oder Sanierung an Oppenheim-Esch-Firmen zu verkaufen und langfristige Mietverträge für diese Immobilien abzuschließen.

Als Ziel wird auch genannt: "Frau Madeleine Schickedanz verpflichtet sich, über das gesamte private Vermögen einen GVV-Vertrag mit einer Laufzeit von zehn Jahren zu unterzeichnen." Mit der Betroffenen selbst hatten nach ihrer Darstellung bis dahin allerdings weder Esch noch die Bankoberen gesprochen.

Die schriftlich fixierte Absicht war einerseits, Fonds-Investments für Oppenheim-Kunden zu schaffen - verbunden mit erheblichem Gewinnpotenzial für die Initiatoren. Andererseits könne man Einblick in die Weiterentwicklung von KarstadtQuelle gewinnen.

Schickedanz wird "GVV-Kunde 12.00"

Bei einem Treffen im Oktober 2002 zurrten Esch und Krockow mit Herl die Konditionen fest. Auf lange Sicht wurden Investitionen von mehr als 7,6 Milliarden Euro in Karstadt-Immobilien vereinbart, die zu einer Startmiete von knapp 450 Millionen Euro pro Jahr vom Konzern angemietet werden sollten.

Nun endlich hätten Krockow und Esch gegenüber Frau Schickedanz persönlich das Interesse bekundet, ihr Vermögen zu verwalten. "Dafür", habe Esch gesagt, "tun wir alles." Richtig sei, teilt er heute dazu mit, "dass ich für die GVV-Kunden im Rahmen des rechtlich Zulässigen nahezu jeden machbaren Wunsch möglich gemacht" habe.

2003 kam es zu dem GVV-Vertrag, der - laut Klageentwurf - lediglich ein Vehikel war, um den Einfluss auf KarstadtQuelle zu sichern. Schickedanz wurde als "GVV-Kunde 12.00" geführt.

Der vermeintliche Masterplan muss geändert werden

Bis 2004 realisierten Oppenheim und Esch fünf Fonds mit Karstadt-Warenhäusern. Doch dann verlangten die Wirtschaftsprüfer des Konzerns die Bildung von Drohverlustrückstellungen in Höhe von bis zu 175 Millionen Euro - wegen der hohen, langjährig festgeschriebenen Mieten. Damit war das Fondsmodell tot.

Demzufolge musste der vermeintliche Masterplan geändert werden. Nunmehr, so heißt es in dem Klageentwurf der Schickedanz-Anwälte, habe sich eine "Interessengemeinschaft" von sieben dem Bankhaus nahestehenden Personen gebildet - mit der unterstellten Absicht, selbst das große Geld zu machen.

Zu dem Kreis gehörten demnach Krockow samt Ehefrau Ilona (58), deren Zwillingsbruder Georg Baron von Ullmann mit Gattin Corinna (55), die Mutter von Georg und Ilona, die 2009 verstorbene Karin Baronin von Ullmann, Christopher von Oppenheim sowie Esch - der allerdings die Existenz einer solchen Interessengemeinschaft abstreitet.

"Jetzt kann sie nicht mehr ohne uns"

Die Anwälte schreiben, Ziel des illustren Investorenklubs sei es gewesen, langfristig 100 Prozent der KarstadtQuelle-Aktien zu kaufen, um die Milliardenreserven zu heben. "Zur Umgehung der kapitalmarktrechtlichen Übernahmevorschriften und der KWG-Vorschriften", so heißt es, habe Frau Schickedanz die Aktien treuhänderisch erwerben sollen. Als Lohn bekäme sie 30 Prozent des Gewinns - 70 Prozent die Interessengemeinschaft, die das volle Risiko trage.

Es existiert eine handschriftliche Notiz, in der eine Sitzung der Gruppe protokolliert worden sein soll: "Einzige Möglichkeit wegen BaFin: Madeleine Schickedanz kauft mit Kredit von Sal. Oppenheim, verpfändet an Sal. Oppenheim, zehn Personen haften quotisch."

Wiederum gab es Komplikationen. Im Sommer 2004 stand KarstadtQuelle am Rand der Insolvenz. Anfang September begab sich Esch zum schickedanzschen Ferienhaus in St. Moritz und konfrontierte seine Klientin damit, dass sie eine Kapitalerhöhung mitzeichnen müsse. Andernfalls würden die Banken dem Konzern die Kredite fällig stellen.

Die Sache mit dem persönlichen Risiko

Zunächst will sich Frau Schickedanz geweigert haben. Esch habe ihr entgegnet, dann werde "man alles verlieren". Er habe sie schließlich mit dem Argument umgestimmt, dass Sal. Oppenheim ihre neuen Aktien finanzieren werde. Esch habe ihr - so die Anwälte - versichert, für sie persönlich bestehe kein Risiko; Esch dementiert das. Schließlich gab Sal. Oppenheim ihr weitere 170 Millionen Euro, Frau Schickedanz zeichnete die Aktien.

So geriet sie in immer größere Abhängigkeit. "Mit der Teilnahme an der Kapitalerhöhung 2004 hatten wir sie endgültig unter unserer Kontrolle", soll Esch später einem anderen seiner Kunden, dem Maxdata-Gründer Holger Lampatz (53), gesagt haben und: "Jetzt kann sie nichts mehr ohne uns."

Auch in weiteren Fällen soll sich Esch gegenüber Lampatz abfällig über die Quelle-Erbin geäußert haben: "Frau Schickedanz ist eine Hausfrau. Die versteht das nicht." Lampatz wird von den Schickedanz-Anwälten mehrfach als Zeuge benannt. Esch hingegen bestreitet alle diese Zitate.

Ein privater Hedgefonds für Frau Schickedanz?

Lampatz stand Esch damals nahe, er soll designiertes Mitglied eines geplanten Anlageausschusses für die GVV-Kundin Schickedanz gewesen sein. Heute liegt er mit Esch und Sal. Oppenheim im Clinch, weil er sich - wie viele andere - als Fondszeichner geschädigt fühlt.

Anfang 2005 sollen die Mitglieder der Interessengemeinschaft Frau Schickedanz gedrängt haben, weitere Aktien zu kaufen - für 380 Millionen Euro und finanziert von Sal. Oppenheim. Doch die wahren Verhältnisse wurden verschleiert. Die Bank gab das Geld im April 2005 einer Strohmannfirma namens ADG; die reichte es an Schickedanz weiter.

Weil die Bonität der ADG nicht ausreichte, bürgten die Krockows, die drei Ullmanns, Christopher von Oppenheim und zwei Oppenheim-Esch-Firmen selbstschuldnerisch für den Kredit. Die Eheleute Ullmann begründen ihre Bürgschaften heute damit, dass sie "die Geschäftsbeziehungen von Sal. Oppenheim zu einer bedeutenden Kundin unterstützen" wollten. An den Gesprächen seien sie jedoch nicht beteiligt gewesen.

Die Tarnfirma ADG gehörte indirekt Esch, Krockow, Oppenheim und dem damaligen Aufsichtsratschef der Bank, Georg von Ullmann. Die Bankiers hätten das Darlehen wohl als Organkredit vom Aufsichtsrat genehmigen lassen müssen. Das geschah nicht.

Der Zweck der Strohmannfirma ADG

Krockow rechtfertigte sich 2009, wenige Tage nach dem Insolvenzantrag der KarstadtQuelle-Nachfolgefirma Arcandor, vor dem Aktionärsausschuss der Bank. Man habe das ADG-Engagement "als privaten Hedgefonds für Frau Schickedanz gesehen". Lediglich sei - welches Pech - der Zeitpunkt zur Auflösung des Engagements verpasst worden.

Neben dem ADG-Darlehen reichte Sal. Oppenheim im April 2005 an die Schickedanz-Firma Grisfonta einen Kredit über 50 Millionen Euro aus - ebenfalls zum Erwerb von KarstadtQuelle-Aktien. Und wiederum sollen Esch und die Bankiers der Großaktionärin angeblich versichert haben, in beiden Fällen hafte sie für nichts. Esch bestreitet auch dies.

Der von den Anwälten unterstellte Masterplan soll abermals angepasst worden sein. Eine Zweckfirma der KarstadtQuelle-Eigner Madeleine Schickedanz, ihres Neffen Martin Dedi (47) und des Allianz-Konzerns sollte mittels eines Übernahmeangebots und eines Squeezeouts alle Aktien übernehmen. KarstadtQuelle sollte umstrukturiert und verkauft, der Erlös an die Gesellschafter ausgekehrt werden.

Auftritt von Thomas Middelhoff bei KarstadtQuelle

Im Mai 2005 wurde Thomas Middelhoff, GVV-Kunde Nummer 08.00 von Oppenheim und Esch, bei KarstadtQuelle auf den Chefposten gehievt. Man erhoffte sich wohl einen willfährigen Helfer, dem es überdies gelingen würde, den Konzern zu sanieren.

Doch Middelhoff enttäuschte in beiderlei Hinsicht. Operativ konnte er kaum etwas bewegen. Im Jahr 2006 durchkreuzte er zudem die angeblichen Pläne von Esch, Krockow & Co. Er verkaufte das Gros der Konzernimmobilien, um dem Unternehmen Luft zu verschaffen.

Middelhoff ist heute wie Schickedanz und Lampatz über Kreuz mit Esch und Sal. Oppenheim. Er will die Bank auf Rückabwicklung seiner Fondsanlagen und Freigabe verpfändeter Festgelder verklagen. Sein Antrag auf Erlass einer einstweiligen Verfügung ist kurz vor Silvester 2011 - mangels Eilbedürftigkeit - endgültig abgelehnt worden. Auch Middelhoff wird von den Schickedanz-Anwälten als Zeuge benannt.

Die Lage von Arcandor verschlechtert sich dramatisch

2008 verschlechterte sich die Situation des mittlerweile als Arcandor firmierenden Konzerns dramatisch, die Aktie entwickelte sich in Richtung Penny Stock. Die Bankiers versuchten nun, ihre Haut zu retten. Sie wollten offenbar die absehbaren Verluste auf Frau Schickedanz abwälzen.

Zunächst hätten die Bankoberen ihre Kundin im September 2008 bedrängt, ihnen einen Teil des stark entwerteten Aktienpakets zu übereignen. Damit zahlte sie den Kredit aus 2001 und das Grisfonta-Darlehen aus 2005 zurück, zusammen 170 Millionen Euro. Die Tilgung nützte auch der angeblichen Interessengemeinschaft. Aus deren Umfeld hatte es Schuldbeitritte gegeben; bei einem Ausfall hätten die Betroffenen gehaftet.

Wenig später sei Esch zur Tat geschritten. Am 15. Oktober 2008 rief er Frau Schickedanz an. Er soll verlangt haben, ein von ihr Beauftragter müsse am nächsten Tag nach Köln kommen, um etliche notarielle Urkunden zu errichten. Esch behauptet heute, er habe Frau Schickedanz lediglich mitgeteilt, die Papiere seien "nach gründlicher Vorbereitung" durch ihren vertrauten Berater Klaus Pollakowski fertig gewesen.

Das Schlussdrama im Privatjet - "wenigstens ein Kopfkissen soll mir bleiben"

Pollakowski war es auch, der am Folgetag mit dem Esch-Adlatus Froese vor dem Notar Alexander Bell eine Vielzahl von Urkunden unterschrieb. Sie enthielten Abtretungserklärungen, Grundschuldbestellungen und Unterwerfungen unter die sofortige Vollstreckung.

Im Ergebnis wurde Frau Schickedanz' Privatvermögen zur Absicherung der Oppenheim-Kredite eingesetzt. Damit die Urkunden rechtsgültig wurden, mussten Frau Schickedanz und ihr Ehemann sie nachträglich genehmigen. "Ob das Mädchen wohl auch weiß, was sie da alles zu unterschreiben hat?", soll der Notar zu Pollakowski gesagt haben.

Am selben Tag soll Esch Frau Schickedanz und deren Ehemann Leo Herl nachdrücklich gebeten haben, am nächsten Morgen nach Köln zu kommen. Was nun angeblich folgte, wird im Klageentwurf unter der plakativen Überschrift "Die Erpressung im Flugzeug" geschildert.

Langes Warten im Privatjet auf dem Vorfeld von Köln-Bonn

Das Ehepaar wurde am 17. Oktober um 7.30 Uhr in Nürnberg mit einem Jet der Esch und Krockow gehörenden Challenge Air abgeholt und zum Flughafen Köln-Bonn gebracht. Der Pilot parkte die Maschine auf dem Vorfeld.

Nach zwei Stunden stiegen Esch und Notar Bell zu. Der Jurist legte dem Ehepaar die Urkunden vor - was diese bedeuteten, wollen Schickedanz und Herl nicht gewusst haben, was wenigstens bei dem geschäftlich erfahrenen Herl seltsam erscheint.

Dem Zögern von Frau Schickedanz sei Esch mit den Worten begegnet: "Wenn du das jetzt nicht sofort unterschreibst, bist du pleite." Sie bat ihren Vermögensverwalter, dass ihr "wenigstens ein eigenes Kopfkissen" bliebe. Esch habe ihr geantwortet: "Ein eigenes Kopfkissen besitzt du schon lange nicht mehr." Die Zitate bestreitet Esch. Er habe die Eheleute auch nicht zu den Unterschriften genötigt. Im Vordergrund habe das Interesse von Frau Schickedanz gestanden, dass ihr Kredit nicht gekündigt wurde.

Nach drei Stunden und etlichen Signaturen wurde das Ehepaar, ohne das Flugzeug verlassen zu haben, nach Nürnberg zurückgeflogen. Der heute nicht mehr amtierende Notar will sich zu den Geschehnissen nicht äußern, er beruft sich auf seine Verschwiegenheitspflicht.

Schrecken ohne Ende für die neue Eigentümerin Deutsche Bank

Nach der Insolvenz von Arcandor focht Frau Schickedanz sämtliche Erklärungen an, auch die Darlehensverträge. Ihre Anwälte argumentieren, es bestehe keine Pflicht zur Rückzahlung, da es sich um Scheingeschäfte gehandelt habe. Bereits getilgte Beträge seien zu erstatten.

Alles in allem hätten die Vermögensverwalter in eklatanter Weise ihre Pflicht verletzt. Sie hätten Frau Schickedanz über ihre wahren Absichten getäuscht und überdies den Grundsatz der Risikostreuung missachtet. Durch die Investition in KarstadtQuelle-Aktien sei ein gewaltiges Klumpenrisiko entstanden.

Und das, obwohl Madeleine Schickedanz angeblich stets betont habe, dass es ihr nicht um große Erträge, sondern um den Kapitalerhalt gehe. "Ich will in Ruhe alt werden", habe sie stets zu Esch gesagt. Ihr müsse in jedem Fall ein Vermögen von 500 Millionen Euro bleiben. Heute hat sie weit weniger, und Oppenheim sowie die Bürgen fordern von ihr die Rückzahlung dreistelliger Millionendarlehen.

Obendrein hätten Esch & Co. ihr im März 2006 verschwiegen, dass es ein Angebot zum Kauf ihres KarstadtQuelle-Pakets gegeben habe. Esch hatte eine solche Offerte 2011 im SPIEGEL-Interview erwähnt. Er habe Frau Schickedanz mehrfach den Verkauf empfohlen, sie habe aber abgelehnt.

Stimmt nicht, entgegnen die Anwälte, sie habe von dem Angebot gar nicht erfahren. Esch und die Bankiers hätten den Verkauf vereitelt, weil dieser ihre eigenen Pläne "konterkariert" hätte.

Ein nicht ganz schlüssiger Vorwurf, denn das Gros der begehrenswerten Konzernimmobilien war ja bereits verkauft. Es kursiert auch die Darstellung, Frau Schickedanz sei von Konzernchef Middelhoff über die Offerte informiert gewesen. Wie auch immer: Auf Basis des damaligen Aktienkurses fordern die Juristen 946 Millionen Euro Schadenersatz.

Sal. Oppenheim weist pauschal alle Vorwürfe zurück, die Darstellung sei "nicht nachvollziehbar". Zu Details könne man wegen des Bankgeheimnisses nichts sagen. Die Schickedanz-Anwälte haben sich gegenüber Sal. Oppenheim zum Schweigen verpflichtet, solange verhandelt wird.

Weitgehende Zugeständnisse der Bankiers scheinen allerdings unwahrscheinlich. Andere enttäuschte Kunden würden Forderungen nachschieben - ein Schrecken ohne Ende für die neue Eigentümerin Deutsche Bank.


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