Freitag, 29. Mai 2015

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Geltungsdrang Die Titelsucht der Wirtschaftselite

Schrempp, Driftmann, Grundig, Weyer: Prestigebedürftige Titelsammler
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DPA

Der Drang, sich einen Ehrendoktor, -professor oder Honorarkonsul zuzulegen, ist hemmungslos. Woher kommt das Geltungsbedürfnis unserer Wirtschaftselite?

Hamburg - An dieser Stelle wird natürlich von beklagenswerten Missständen die Rede sein müssen. Von Unternehmern, die mehr Sorgfalt auf das Führen ihrer Professorentitel verwenden als auf das Führen ihrer Betriebe. Von Managern und Ministern, die sich wegen eines erschwindelten "Dr." vorm Namen um Amt und Verstand bringen. Ja, der ganze geistige Zustand eines Landes wird zu hinterfragen sein, in dem der richtige Namenszusatz offenbar noch immer mehr zählt als Persönlichkeit und Leistung.

Doch zunächst soll uns der Weg fortführen von aller protestantischen Unerbittlichkeit, die das Thema Titelhuberei und Titelhandel in Deutschlands Chefetagen eigentlich erfordert. Wir machen eine Reise ins Rheinland, die Heimat des Karnevals und des lustvollen Kreislaufs aus Sünde, Beichte und Vergebung.

An jenem altkatholischen Bischofssitz, der den eigens für ihn erfundenen Titel "Bundesstadt" trägt, treffen wir den Nestor des Gewerbes. Im japanischen Restaurant "Kamijo", hatte er uns am Telefon zugerufen, sei immer ein Tisch für Consul Weyer reserviert.

Das "Kamijo" verbirgt sich im Obergeschoss eines Einkaufszentrums am Rande der Fußgängerzone von Bonn-Bad Godesberg, direkt überm Lebensmittelmarkt. Bei genauerer Betrachtung der Sachlage hätte sich hier an einem Werktagmittag um 13.30 Uhr auch ohne Reservierung ein Platz ergattern lassen. Doch tatsächlich, kaum nennen wir den Namen des Meisters, räumt die japanische Kellnerin sofort das einzige Reservierungsschild im ganzen Lokal ab.

"Hätte Guttenberg bei mir bestellt, er wäre heute noch Minister"

Hans-Hermann Weyer alias Consul Weyer, adoptierter Graf von Yorck, erscheint, auf die Minute pünktlich, nicht ohne Verweis auf die entsprechende Tugend der Könige. Er trägt einen grauen Blazer mit einem Emblem der "Heli Air Monaco" auf der Brust und verströmt überwältigende Freundlichkeit. Ins lichte Haar hat er an diesem trüben Tag eine Sonnenbrille geschoben, so eine große, tropfenförmige mit weißem Plastikrahmen, die bei Teenagern als "voll porno" durchgehen würde.

Wer sich in Deutschland einen Titel kaufen wolle, der komme an ihm, Weyer, noch immer nicht vorbei. Sein Geschäft kenne nach wie vor nur eine Beschränkung: Den selbst auferlegten Vorsatz, niemals mehr als zwei Stunden pro Tag mit Arbeit zu vergeuden. "Die meisten dieser Leute, die Kleinanzeigen in der ,FAZ' schalten und ihre Dienste als Titelvermittler anbieten, die sammeln doch nur Adressen ein. Am Ende kommen sie damit zu mir und wollen, dass ich ihnen eine Provision zahle für das Neugeschäft, das sie mir zuführen."

Nur in einem Fall, da lehnt Weyer nun wirklich jede Verantwortung ab. Er wiegt sein schütteres Haupt wie ein Chefarzt, der von einem Kollegen den falsch diagnostizierten Fall viel zu spät überwiesen bekommt: "Hätte der Guttenberg seinen Doktortitel bei mir bestellt, wäre er heute noch Minister."

Doch natürlich haben sich die Zeiten geändert. Weyers Brot- und -Butter-Geschäft, das waren die Honorarkonsuln. Den Kindern des Wirtschaftswunders verpasste er am Fließband das cc-Schild zum Heckflossen-Mercedes.

Geschäftsgrundlage bildeten die ausgezeichneten Beziehungen, die Weyer zu einigen der übelsten Menschenschinder unterhielt, die sich jemals Präsident nennen durften. Paraguays Diktator Alfredo Stroessner gewährte Weyer Asyl, als der die Bundesrepublik Ende der 70er Jahre wegen einer hässlichen Steuergeschichte vorübergehend verlassen musste.

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