Dienstag, 24. Oktober 2017

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Euro-Krise Letzte Zuflucht Singapur

Teures Pflaster: Was Häuser, Autos und Anzüge im Steuerparadies Singapur kosten
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REUTERS

Singapur - Martin Lechner (42) steht auf der Plattform des "Marina Bay Sands" in Singapur und blickt auf die Bankentürme des Finanzbezirks. Dort hat er sein Büro, seit er im August aus der Schweiz in die asiatische Finanzmetropole umgezogen ist - zusammen mit den mehr als 600 Millionen Euro, die einige sehr wohlhabende Klienten aus Deutschland und Russland ihm anvertraut haben.

Der fast zwei Meter große Deutsche beugt sich über die gläserne Brüstung der Plattform, die ein tollkühner Architekt auf die drei Türme des "Marina Bay Sands" gelegt hat. "Schauen Sie sich mal den Überlaufpool an", sagt Lechner. Der ist nur Schwindelfreien zu empfehlen: Das Wasser scheint aus 200 Metern Höhe über den 150 Meter langen Beckenrand direkt in die Skyline zu fließen.

Hier über den Dächern der Stadt ist einer der Treffpunkte der europäischen Geldverwalter, die in der Ferne eine neue Heimat gefunden haben. Als Lechner sich kürzlich sonntags am Pool entspannte, lief ihm ein anderer Vermögensverwalter aus der Schweiz über den Weg, der ebenfalls gerade erst nach Singapur übergesiedelt war.

Keine Frage, Asiens Finanzmetropole ist bei Europäern beliebt wie nie. Auch sein Büro teilt Lechner mit einem Zuzügler aus der Alpenrepublik. "Alle kommen aus den gleichen Gründen: Singapur bietet einen sicheren Rechtsrahmen, die besten Experten für Asiens Wachstumsmärkte und stabile Banken", sagt Lechner.

Was für ein Kontrast zur Alten Welt, wo die Politiker über die Rettung maroder Staaten und Geldhäuser streiten und die Schulden, die sie dafür aufnehmen müssen, über höhere Erbschaft- und Vermögensteuern finanzieren wollen.

Wohlhabende investieren in asiatische Währung

Die Angst ums Geld geht um wie schon lange nicht mehr. Der Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Gert Wagner, hat bereits höhere Steuern für Reiche gefordert - am besten als überraschende und einmalige Vermögensabgabe. "Es gäbe keine Möglichkeit, sich zu entziehen", so Wagner. Nicht nur Grüne und SPD verlangen höhere Steuern für die Vermögenden, sondern - hinter vorgehaltener Hand - auch Wirtschaftsberater der Bundesregierung.

Mit einer Reichenabgabe läge Berlin im europäischen Trend: Frankreich hat im Oktober bereits eine Sondersteuer von 3 Prozent auf Einkünfte ab 250.000 Euro beschlossen, die so lange fällig wird, bis Frankreichs Staatshaushalt ausgeglichen ist. Spanien hat ebenfalls eine Reichensteuer beschlossen.

Und wenn der Fiskus nicht zugreift, drohen andere Gefahren. "Ausreichend Wachstum, um die Schulden tragen zu können, gibt es nicht", sagt Bert Flossbach, Co-Gründer des Vermögensverwalters Flossbach von Storch in Köln. "Auch das Heraussparen aus den Schulden funktioniert nicht, wenn es die großen Industriestaaten der Welt alle gleichzeitig tun und die Nachfrage kollabiert. Also bleibt als letzte Möglichkeit die finanzielle Repression." Dabei halten Regierungen und Notenbanken die Zinsen für Staatsanleihen niedrig und lassen höhere Inflation zu - um so die Staatsschulden zu entwerten. Leider schrumpfen dabei auch die in Euro-Anleihen angelegten Ersparnisse der Bürger.

Nicht einmal Goldbarren in europäischen Banktresoren gelten noch als sicher. Denn ein Verbot des privaten Goldbesitzes, wie es in den USA von 1933 bis 1974 in Kraft war, halten Vermögensverwalter wie Heinz-Werner Rapp von Feri Finance nicht mehr für ausgeschlossen, falls der Goldpreis weiter steigen sollte.

Da verwundert es nicht, dass Wohlhabende statt in Euro und Dollar lieber in asiatische Währungen investieren, deren Wert in den kommenden Jahren noch steigen könnte. Dass sie einen Teil ihrer Goldbarren in einem Banktresor in Singapur deponieren möchten, wo Zwangsmaßnahmen und Goldverbote unwahrscheinlich sind - und dass sie dazu gleich ein Konto, Aktien und Immobilien in Asien anschaffen, wo keine Strafsteuern und Zwangsanleihen drohen.

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